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Mit Blumen überhäuft, mit Dreckwasser überschüttet?

Literaturnobelpreisträger Mo Yan hielt traditionelle Nobelvorlesung in Stockholm

Von Tim Krohn

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan  (picture alliance / dpa)
Der chinesische Schriftsteller Mo Yan (picture alliance / dpa)

In Stockholm fand am Freitag die traditionelle Vorlesung des Literaturnobelpreisträgers statt. Der 57-jährige Mo Yan reagierte in seinem Vortrag auf Kritik von chinesischen Exilautoren, die ihren Kollegen als Lakai der Machthaber in Peking bezeichneten. Er nannte die Äußerungen über ihn "Dreckwasser".

"Ich bin ein Geschichtenerzähler", sagt Mo Yan. "Und weil ich ein Geschichtenerzähler bin, wird mir der Nobelpreis für Literatur verliehen."

Zum Schluss seiner Lesung verspricht der 57-Jährige, auch weiterhin seine Geschichten zu erzählen. Dann gibt es Applaus, höflich aber nicht unbedingt herzlich. So richtig warm geworden sind Mo Yan und die weltweiten Medien in Stockholm nie in diesen Tagen.

Höflich ist der Chinese, ruhig, überlegt und auch bei all den unbequemen Fragen der letzten Tage durchaus selbstsicher. Er hat sich eine graue, und doch durchaus schicke Variante des alten Mao-Kittels angezogen. Eine geschlossene Knopfreihe, Stehbündchen und ein rotes Abzeichen auf der Brust. Ist das ein Statement? Oder doch nur ein ganz und gar unpolitischer Verweis auf die Heimat? Mo Yan gibt Rätsel auf.

"Ich fühle mich wie ein Theaterbesucher, der beim Treiben auf der Bühne zusieht. Ich sehe, wie ein Preisträger mit Blumen überhäuft, aber auch mit Steinen beworfen und mit Dreckwasser überschüttet wird. Ich habe Angst, er könne zusammenbrechen, aber er steht lächelnd auf und wischt sich das Schmutzwasser ab."

Das ist Mo Yans Antwort auf die herbe Kritik der letzten Tage. Der chinesische Künstler Ai Weiwei zum Beispiel hatte Mo Yan zuletzt als Wächter und Nutznießer eines bösartigen Systems bezeichnet. Chinesische Exilautoren verurteilten ihren Kollegen als blinden Lakaien der Machthaber in Peking.

Alles nur "Dreckwasser"?

Der "Mann ohne Worte", wie er sich selber nennt, geht in seiner Lesung nicht weiter auf seine Kritiker ein. Mo Yan beschreibt sein Leben in der Provinz, erzählt über eine Kindheit in Armut und – immer wieder – über die Güte seiner Mutter. Er schildert die Gewalt der Aufseher bei der Ernte genauso wie die Fähigkeit zum Verzeihen. Als der erste Geschichtenerzähler in sein Dorf kommt, will Mo Yan nur noch schreiben und lesen.

"Wir führten ein Leben in Armut und hatten häufig nur eine Mahlzeit am Tag. Doch wenn ich meine Mutter um Geld für Bücher und Schreibzeug bat, entsprach sie meinem Wunsch immer. Für ein faules Kind hatte sie wenig übrig. Wenn ich aber meiner Bücher wegen der Arbeit vernachlässigte, ließ sie mich gewähren."

Man kann schon ahnen bei dieser Lesung, was den Schriftsteller Mo Yan so besonders macht. Er mache es halt wie die Alten vom Dorf, wenn sie ihre Geschichten erzählen, sagt Mo Yan.

Göran Malmqvist, sein schwedischer Übersetzer, kommt dabei regelmäßig ins Schwärmen.

"Ja, ich habe recht viel von Mo Yan ins schwedische Übersetzt. Er ist ein ungeheuerlicher und fantastischer Erzähler. Er kann schöner schreiben als alle anderen. Er ist ein gottbegnadeter Erzähler."

Faulkner und Garcia Márquez seien seine westlichen Vorbilder gewesen, erzählt Mo Yan, bis er sich dann auf die alten chinesischen Traditionen besonnen habe.

Und was ist mit dem modernen China? Was denkt er denn nun über die Zensur im Land oder über den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo?
Mo Yan antwortet nie eindeutig. Er macht es auf seine Art, mit noch einer Geschichte.

Als er ein Kind war, habe sich seine Schulklasse eine Ausstellung über das Leid seines Volkes angesehen. "Alle brachen in großes Geheule aus", weil der Lehrer es so erwartet habe. Ein Einziger habe nicht geweint und den habe er deshalb angeschwärzt. So etwas, erzählt Mo Yan, beschäme ihn heute noch.

"Wenn alle weinen, dann soll es immer einen geben, der es nicht tut."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

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