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"Mit Gaucks Anfang endet auch die Tragikkömodie um Christian Wulff."

Presseschau zur Wahl des Bundespräsidenten

Bundespräsident Joachim Gauck (picture alliance / dpa / Hannibal)
Bundespräsident Joachim Gauck (picture alliance / dpa / Hannibal)

Die Wahl von Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten ist das beherrschende Thema in den Zeitungskommentaren.

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU schreibt: "Joachim Gauck hat gestern angekündigt, dass er ein lernender Präsident sein werde. Einer, der nicht von vornherein alles weiß, der zuhören will. Einer, der den Graben zwischen Politik und Bürgern überwinden, nicht vertiefen will. Einer, der den Menschen abverlangen wird, ihre Verantwortung für die Generation der Kinder und Enkel wahrzunehmen. Gauck geht mit einem großen Vertrauensvorschuss ins Amt. Hoffen wir, dass er dem gerecht wird".

"Es stellt sich Erleichterung ein", resümiert die SCHWERINER VOLKSZEITUNG. "Denn mit Gaucks Anfang endet auch die Tragikkömodie um Christian Wulff. Aus Schloss Bellevue soll in Zukunft wieder Geistreiches zu hören sein - und keine Stellungnahmen über Hotelrechnungen und Hauskredite."

Das FLENSBURGER TAGEBLATT hält Gauck für einen wahrhaft überparteilichen Präsidenten:"Seine Persönlichkeit und seine Biografie holen das Amt aus den Bereichen alltäglicher Machtkalkulationen wieder heraus, wo Köhler und Wulff so kläglich scheiterten. Alle Akteure auf der politischen Bühne müssen sich für das Amt des Staatsoberhaupts die Rückkehr zu Ruhe und Stabilität wünschen. Vielleicht halten sich dann auch die Medien ein wenig zurück. Gauck darf nicht scheitern. Sonst steht das Amt tatsächlich zur Disposition".

Für die Zeitung DIE WELT hat Gauck das Zeug zum Aufbruch: "Er ist ein deutsch-deutscher Migrant und verkörpert den Auszug aus dem Reich der Unfreiheit und die Ankunft im verwirrenden, unübersichtlichen Reich der Freiheit. Wenn er -wie in der kurzen Dankesrede nach seiner Wahl - 'unser Land' sagt, dann ist das keine abgenutzte Floskel, sondern Ausdruck eines scheuen Stolzes. Genau 22 Jahre nach der ersten und letzten freien Volkskammerwahl der DDR wurde Joachim Gauck deutscher Bundespräsident und sagte: 'Was für ein schöner Sonntag.' So lautet auch der Titel eines Romans von Jorge Semprún. Er spielt 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. Hoffen wir auf einen Bundespräsidenten, der sich im Namen der Zukunft der ganzen deutschen Geschichte gewahr ist".

"Mit Kanzlerin Merkel und Präsident Gauck stehen nun zwei Ostdeutsche an der Spitze unseres Landes", hält die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG fest. "Es zeigt auch ein Stück Normalität auf dem Weg zur Einheit. An Joachim Gauck ist es nun, den gewaltigen Vertrauensbonus zu nutzen. Als Mittler zwischen Politik und Gesellschaft, zwischen Ost und West, Arm und Reich. An ihm ist es, Vertrauen wieder herzustellen, dem Amt Würde und Sinn zurückzugeben. An uns ist es, seine Einladung zu Mitgestaltung und Einmischung anzunehmen. Wenn beides auch nur teilweise gelingt, dann war es gestern wirklich ein schöner Sonntag".

Mit Gauck zieht ein Seelsorger in Schloss Bellevue ein, betont die Zeitung DIE RHEINPFALZ: "Auch als Bundespräsident wird er Prediger bleiben. Das passt in eine Zeit, in der die Menschen kaum noch in die Kirche gehen, sich aber umso mehr nach verständlicher Sprache, nach Sinngebung und Orientierung sehnen. Gauck kann einen Läuterungsprozess der Politik in Bewegung setzen. Und er kann Menschen aus dem Schmollwinkel, der Protesthaltung und der Teilnahmslosigkeit zurückholen".

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG erhofft sich neue Anstöße: "Gauck betrachtet sich als ein 'Missionar in Sachen Demokratie'. Das ist gar keine schlechte Beschreibung für die Aufgabe eines Bundespräsidenten. Viele Politiker trauen ihren Wählern nicht. Gauck ist da anders. Sein Zutrauen beschränkt sich nicht darauf, den Bürgern ein paar plebiszitäre Elemente zuzugestehen. Er hält die Gesellschaft für fähig, ihre multiple Spaltung zu überwinden - die Spaltung in Arm und Reich, in Alt- und Neubürger, in Arbeitsplatz-Besitzer und Arbeitslose. Gauck glaubt daran, dass Demokratie darin besteht, Zukunft miteinander zu gestalten - und nicht darin, sie allein von den gewählten Politikern gestalten zu lassen. Gauck könnte also ein Präsident sein, der das sperrige Wort Zivilgesellschaft entsperren kann. Wenn das die Kraft der Freiheit ist, an die Gauck so gern appelliert, dann freut man sich auf ihre Wirkung".

Einen kritischeren Blick hat die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG: "Für Joachim Gauck waren die vergangenen 22 Jahre eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Als Beauftragter der Bundesregierung für die Stasiakten und im Verein 'Gegen Vergessen Für Demokratie' hat er Strukturen und Handlungsweisen untergegangener Diktaturen offengelegt und analysiert. Aus diesen Einblicken in Unterdrückungsapparate schöpft er seine Definition der Begriffe Freiheit und Verantwortung. Nur, reicht das aus, um ein gutes Staatsoberhaupt zu sein? Die meisten Menschen in diesem Land haben seine Erfahrungen nicht. Sie sind zu jung oder leben im Westen Deutschlands. Für sie sind freie Wahlen, Reise- und Pressefreiheit eine Selbstverständlichkeit. Daran zu erinnern, dass diese Dinge eben keine Selbstverständlichkeiten sind, das ist sicherlich eine Aufgabe des Bundespräsidenten. Aber eben nur eine".

"Joachim Gaucks großes Lebensthema bleibt 'Freiheit'", ist in der NEUEN RUHR/NEUEN RHEIN ZEITUNG zu lesen. "Das hat er in seiner Ansprache erneut deutlich gemacht. Schon mäkeln die Superschlauen, er müsse sich einmal etwas Neues einfallen lassen: Atom, Umwelt, Internet usw. Aber ein Allesversteher im höchsten Staatsamt, der jedem flüchtigen Trend hinterherhechelt, wäre ein Graus. Gauck sollte ein Gegengewicht zu den öden Tagespolitikern sein, die allabendlich in den Fernseh-Brüllbuden den Ton angeben. Er hat die Chance, ein Bürgerpräsident zu werden, so wie es Gustav Heinemann war".

Nach Einschätzung der CELLESCHEN ZEITUNG steht sich Gauck höchstens selbst im Weg: "Wenn er seine Eitelkeit zügelt und begreift, dass er in seinem neuen Amt mehr ist als ein Wanderprediger, der vom Kampf um Freiheit berichtet, hat er das Zeug dazu, das zu werden, wonach sich die Deutschen so sehr sehnen: ein echter Bundespräsident der Herzen."

Der KÖLNER STADT-ANZEIGER stößt sich am Ritual der Bundesversammlung, in der auch Fußballtrainer Otto Rehagel und Fernsehmoderator Frank Elstner ihre Stimme abgegeben haben:"Warum lässt man die Bürger nicht direkt wählen? So rührend rückwärtsgewandt Gaucks Bekenntnis zur demokratischen Freiheit manchem erscheint - es ist von hoher Aktualität in einer Zeit, die durch Wahlmüdigkeit und populäre Herabsetzung von Politik geprägt ist."

"Angenehm und unbequem", urteilt die NÜRNBERGER ZEITUNG über Gauck - das Blatt, bei dem seine Lebensgefährtin Daniela Schadt bisher gearbeitet hat. "108 Enthaltungen gab es beim ersten und einzigen Wahlgang. Sie zeigen die Skepsis, die man ihm in manchen Kreisen noch entgegenbringt. Gauck kann damit leben. Er besticht durch seine Integrität. Eine Integrationsfigur um jeden Preis will und wollte er nie sein".

"Die Niederlage der von der Linkspartei aufgebotenen Gegenkandidatin war unumgänglich", schreibt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG über die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld."Und trotzdem hätte die Linke gut daran getan, diese Provokation zu unterlassen. Wer sich vorstellen kann, dass jemand, der einen amtierenden Bundeskanzler geohrfeigt hat, die Würde des Staatsoberhauptes verdient, ist unendlich weit entfernt von jeglichem Gespür für die Geschichte und das Wesen der Bundesrepublik Deutschland. Die Gründe der Ohrfeige sind zweitrangig gegenüber der Befangenheit, mit der Amtsträger an den Umgang mit einer solchen Kandidatin denken würden. Die Linke hat wieder einmal Zeugnis davon abgelegt, dass sie noch immer nicht in diesem Staatswesen angekommen ist".

Das NEUE DEUTSCHLAND hätte sich mehr Unterstützung für die Kandidatin der Linken gewünscht: "Wie fest gefügt die Lager dieser repräsentativen Demokratie sind, zeigt das Ergebnis: gerade drei Stimmen für Beate Klarsfeld aus den Reihen der Unterstützer Gaucks. Aber auch einen Teil der 108 Enthaltungen darf sie sich im Stillen gutschreiben. Beide Kandidaten schöpften Anerkennung wie Ablehnung aus dem Umgang mit der Vergangenheit. Das hat Vergleiche provoziert. Unzutreffende wie zutreffende. Das Präsidialamt wird nun also Gaucks Behörde."



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:49 Uhr

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