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Mit Kartoffeln gegen den Wucherkapitalismus

Nahaufnahmen aus Griechenland: Bürger wehren sich gegen überhöhte Preise

Von Andrea Mavroidis

In Veria verkaufen Bauern ihre Kartoffeln direkt und sparen den Aufschlag der Zwischenhändler (Andrea Mavroidis)
In Veria verkaufen Bauern ihre Kartoffeln direkt und sparen den Aufschlag der Zwischenhändler (Andrea Mavroidis)

Eine Bürgerinitiative hat in Griechenland Bauern aufgerufen, ihre Kartoffeln direkt an die Kunden zu verkaufen, denn die Landwirte bekommen Kilopreise von den Händlern, von denen sie nicht mehr leben können. Die Bürger nehmen das Angebot dankend an - Griechenland entdeckt die Marktwirtschaft neu.

"Wenn wir nicht den Bauern helfen, wer denn dann. Ich habe jetzt 40 Kilo Kartoffeln für zehn Euro bekommen. Ich kaufe hier regelmäßig. Und nächste Woche werde ich kommen und Olivenöl holen. Was bleibt uns anderes übrig, wir haben alle weniger in der Tasche ... die neue Armut ... "

... sagt ein Bürger von Veria. Es ist Samstag Früh, zehn Uhr, und vor den alten Kühlerhäusern etwas außerhalb der Stadt herrscht ein hektisches Treiben. Die neue Bürgerbewegung von Veria bietet heute neben Kartoffeln Reis und Mehl an. Jede Menge Autos fahren vor, die Menschen stehen Schlange, um direkt von den Produzenten Lebensmittel günstig zu kaufen.

Die Idee dazu stammt von der "Ökobewegung Veria", und der das alles hier ins Leben gerufen hat, Nikos Aslanoglou, steht mitten drin. Nikos ist das Ebenbild eines klassischen Griechen, graues dichtes Haar, coole Sonnenbrille und eine rauchige Stimme. Im eigentlichen Leben ist er Kameramann. Und seine Initiative will mehr sein als nur eine Protestbewegung.

"Das ist hier kein symbolischer Akt. Das ist lebensnahe Praxis. Wenn sie die Kartoffel anstatt für 70 Cent das Kilo hier bei uns für 25 Cent kaufen können. Das ist Ökonomie. Wir haben bislang in Veria 175 Tonnen Kartoffeln verkauft in den letzten Wochen und damit 4000 Bürgern unser Staat geholfen. Und die Bürger selbst haben einen Umsatz von rund 75.000 Euro erwirtschaftet. Das ist doch was."

Und seine Mitstreiterin Maria Theodorou formuliert es noch radikaler.

"Das Ganze passiert hier, weil wir den Leuten und uns selbst helfen müssen. Die da oben müssen verstehen, dass es hier einen Wechsel in unserem Land geben muss. Wir müssen uns an die Hand nehmen und diese lokalen Oligarchen entmachten und hier wieder Politik von Menschen für Menschen machen."

Angefangen hat alles vor ein paar Monaten, als eine Gruppe Bauern in der mazedonischen Hauptstadt Thessaloniki ihre Kartoffeln einfach auf die Straße kippten aus Protest, denn die Preise für ein Kilo Kartoffeln sind ins Bodenlose gesunken. Die Zwischenhändler kaufen billige Ware aus Ägypten und die griechischen Landwirte bleiben auf ihren Kartoffeln sitzen. Für zehn Cent das Kilo kann doch keiner mehr produzieren, meint auch der junge Landwirt Nikos Kasapis.

"Wissen Sie, das ist nicht nur der niedrige Preis. Die Händler bezahlen uns ja nicht mal. Wenn sie uns ein Jahr lang nicht bezahlen, dann ist das noch gut. Aber manchmal gehen wir bis zu drei Jahre in Vorkasse. Und wir können dagegen nichts tun, gerichtlich gegen sie vorgehen, da würden weitere Jahren vergehen, bis wir unser Geld sehen."

Um seine Kartoffeln hier in Veria zu verkaufen, nimmt Landwirt Nikos sogar 250 Kilometer Anreise in Kauf. Denn seit Jahren hat er wieder mal Bargeld in der Hand. Ein paar Meter weiter schrillt aus einem blauen Pickup voll beladen mit Kiwis der Beatles Song "With a little help of my friends". Darin sitzen Sofia Papdopoulo und Sohn Alexis, Produzenten aus dem direkten Umland der Kleinstadt. Die Idee mit der Direktvermarktung finden sie super.

"Wir haben viele Ausgaben. Der Kiwianbau ist sehr aufwendig, braucht viel Pflege, speziellen Dünger, das alles kostet und am Ende bleibt unser Verdienst bei den Händlern hängen. Unsere ganze Familie arbeitet in dem Betrieb und manchmal reicht das Geld nicht, und wir müssen noch einen Zweitjob annehmen."

Für Initiativgründer Nikos Aslanouglou ist das erst der Anfang. Den Monopolisten auf dem griechischen Lebensmittemarkt haben er und seine Mitstreiter den Kampf angesagt. Die Griechen zahlen im Durchschnitt viel mehr Geld für ihre Lebensmittel als beispielsweise in Deutschland.

"Die Händler und wenigen Supermarktketten haben schon mitbekommen, dass sich der Bürger nicht mehr alles gefallen lässt und nicht hilflos ist. Wir stehen erst am Anfang, wenn wir das alles noch besser organisieren, werden sie ihre Preise senken müssen oder wir machen weiter."

Der heutige Verkaufstag neigt sich dem Ende. Für die nächste Woche hat Nikos Aslanoglou unter anderem Fisch bestellt bei den Fischern von der Insel Kalymnos.

Nahaufnahmen aus Griechenland - <br> Reportagen aus einer Gesellschaft im Umbruch

Tagebuchnotizen aus Griechenland - Reporterin Andrea Mavroidis' persönlicher Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

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