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"Mittelmeer wird zum Friedhof"

Maltas Premier ruft EU nach Flüchtlingsdrama zum Handeln auf

Mehr als 140 gerettete Bootsflüchtlinge sind nach Malta gebracht worden. (AFP / Matthew Mirabelli)
Mehr als 140 gerettete Bootsflüchtlinge sind nach Malta gebracht worden. (AFP / Matthew Mirabelli)

Nach der Havarie eines Flüchtlingsschiffs im Mittelmeer sind bislang 34 Leichen geborgen worden, Hunderte konnten gerettet werden. Malta Regierungschef fordert mit drastischen Worten Hilfe von der Europäischen Union.

Maltas Premierminister Joseph Muscat fühlt sich von der EU im Stich gelassen. "Bisher hören wir von der EU nur leere Worte", sagte Muscat in einem BBC-Interview. "Ich weiß nicht, wie viele Menschen noch sterben müssen, bevor etwas geschieht. Wie die Dinge im Moment stehen, machen wir unser eigenes Mittelmeer zum Friedhof", sagte Muscat und forderte die Europäische Union zum Handeln auf.

Gestern war es erneut zu einem Schiffsunglück im Mittelmeer zwischen Malta und Lampedusa gekommen. Bislang seien 34 Leichen geborgen worden, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA unter Berufung auf italienische Behörden. Demnach konnten insgesamt 206 Menschen gerettet werden. Nach Angaben der maltesischen Marine war das Schiff in stürmischer See gekentert, als sich die Flüchtlinge an einem Ende des Bootes versammelten, um ein Militärflugzeug auf sich aufmerksam zu machen. Per Satellitentelefon konnten sie einen Notruf absetzen. Die nächtlichen Rettungsarbeiten wurden jedoch durch starke Winde erschwert, wie ein Marinesprecher erklärte.

Malta und Italien, die direkt von der Flüchtlingskrise betroffen sind, fordern mehr Unterstützung bei der Bewältigung des Flüchtlingsansturms, stehen aber auch in der Kritik wegen ihres Umgangs mit den Hilfesuchenden, wie Korrespondent Jan-Christoph Kitzler im Deutschlandradio Kultur berichtete.

Kritik an Krisenmanagement

Elmar Brok, Europaabgeordneter der CDU (Deutschlandradio - Bettina Straub)Elmar Brok, Europaabgeordneter der CDU (Deutschlandradio - Bettina Straub)"Wenn ein Boot kentert, darf es keine Rolle spielen, ob ein Land mit den Flüchtlingen überfordert ist", sagte der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok dem Nachrichtenmagazin "Focus". "Die Rettung der Menschen muss im Vordergrund stehen." Brok forderte zudem einen "fairen Verteilungsschlüssel", mit dem Flüchtlinge von den EU-Ländern aufgenommen werden sollen. Die Flüchtlingslager seien hoffnungslos überfüllt.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung kritisierte die Bedingungen für Flüchtlinge auf Lampedusa scharf. "Das ist menschenunwürdig, das entspricht nicht den europäischen Standards", sagte Maria Böhmer (CDU) der "Rheinischen Post". Italien müsse dringend nachbessern.

Die SPD-Bundestagsfraktion bezeichnete die Zustände vor und auf Lampedusa als "eine Schande für Europa". Europa werde seinen eigenen Ansprüchen von Freiheit und Menschenrechten nicht gerecht, kritisierte ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Thomas Oppermann. Die unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen müsse durch eine gemeinsame Einwanderungspolitik der EU ersetzt werden. "Es ist falsch, dass die Bundesregierung dies bislang verhindert hat", kritisierte Oppermann.

Zollitsch: Europa darf keine Festung werden

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, forderte ein Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik. "Wir dürfen Europa nicht als Festung ausbauen, in die keiner mehr hinein darf", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Er hoffe, dass die Tragödie vom Lampedusa zu einer Wende führe. "Ich glaube, dass jeder, der davon gehört hat, die Luft angehalten hat vor Scham."

Vor Lampedusa hatte sich bereits am Donnerstag vergangener Woche ein Schiffsunglück ereignet. 339 Leichen sind bislang geborgen worden. 155 Flüchtlinge konnten nach dem Schiffbruch gerettet werden. Möglicherweise steigt die Zahl der Opfer weiter, denn nach Angaben von Überlebenden sollen insgesamt 545 Menschen an Bord des Bootes gewesen sein. Damit wäre das Schicksal von 51 Flüchtlingen noch nicht geklärt. Das Unglück hatte für Diskussionen über die europäische Flüchtlingspolitik gesorgt.

Trotz dieser Tragödien machen sich weiterhin Bootsflüchtlinge von Nordafrika aus auf den Weg nach Europa. Die italienische Küstenwache half 85 Migranten, die auf einem Boot etwa 85 Seemeilen südlich von Lampedusa gestrandet waren und fing ein weiteres Schiff mit 183 Flüchtlingen an Bord kurz vor der Küste der winzigen Mittelmeerinsel ab.


 

Letzte Änderung: 14.10.2013 23:11 Uhr

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