Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Mo Yan wehrt sich gegen Kritik

Chinesischer Literaturnobelpreisträger streitet Staatsnähe ab

Schriftsteller Mo Yan während einer Pressekonferenz in Gaomi, China (picture alliance / dpa / ChinaFotoPress)
Schriftsteller Mo Yan während einer Pressekonferenz in Gaomi, China (picture alliance / dpa / ChinaFotoPress)

Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an den Chinesen Mo Yan werfen ihm Dissidenten zu große Staatsnähe vor. Der Schriftsteller wehrt sich dagegen: Er schreibe nun mal in einem China unter der Führung der Kommunistischen Partei, habe aber immer auf der Seite des Volkes gestanden.

Mo Yan ist Vizechef des offiziellen chinesischen Schriftstellerverbandes, einer Parteiorganisation. Der Künstler Ai Weiwei wie auch der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, hatten Mo Yan vorgeworfen, auf der Seite der Macht zu stehen.

Der Preisträger wies die Kritik zurück. Er räumte ein: "Natürlich gibt es keine absolute Freiheit in China, einen Roman zu veröffentlichen." Es gebe aber eine Entkrampfung. "Ich schreibe in einem China unter der Führung der Kommunistischen Partei. Aber meine Werke können nicht von politischen Parteien eingeschränkt werden. Seit ich in den 80er-Jahren mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich immer auf der Seite des Volkes gestanden." Auch andere Länder hätten Zensur aus religiösen oder ethnischen Gründen.

"Großer Autor"

Allerdings erarbeitete Mo Yan für die Kommunistische Partei, zusammen mit anderen Autoren, im Juni an einem Sonderband zu Ehren einer berühmten Rede von Staatsgründer Mao Tsetung, in der Mao alle Kunst und Literatur in den Dienst der Partei stellte. Auf der Website des internationalen PEN-Clubs äußert sich der chinesische Bürgerrechtler Yu Jie hingegen kritisch: Man solle niemandem den Nobelpreis verleihen, der Mao Zedong lobe.

Die Literaturkritikerin Katharina Borchard urteilt im Deutschlandradio Kultur "Mo Yan ist ein ganz großer Autor." Dennoch gebe es geteilte Reaktionen. Manche ihrer Kollegen kritisierten, dass er ein Staatsautor sei. Mo Yan habe eine Vielzahl von Anpassungstechniken gegenüber dem chinesischen Staat entwickelt, betonte der Publizist Shi Ming im Deutschlandfunk.

Bekenntnis zu inhaftiertem Friedensnobelpreisträger

Mo Yan hat sich aber für seinen inhaftierten Landsmann Liu Xiaobo eingesetzt. Er hoffe, dass der Dissident, dem 2010 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, bald freikomme, sagte er. Liu Xiaobo war 2009 wegen Untergrabung der Staatsgewalt zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden und konnte darum auch den Friedensnobelpreis nicht persönlich entgegennehmen.

Mo Yan reagiert "überglücklich und erschrocken"

In der Begründung für den Nobelpreis würdigt Stockholm Mo Yans "halluzinatorischen Realismus", mit dem er Volksmärchen, Geschichte und Gegenwart vermische. Mo Yans Literatur sei eine "Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais", sagte Jury-Sprecher Peter Englund. Im Mittelpunkt stehe bei ihm die dörfliche chinesische Welt.

Der Schriftsteller selbst reagierte "überglücklich und erschrocken" auf die Auszeichnung, wie chinesische Staatsmedien meldeten. In den Berichten über die Vergabe wurde Mo Yan als der "erste chinesische Bürger" beschrieben, der einen Nobelpreis erhalten habe. Tatsächlich haben allerdings der inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo 2010 den Friedensnobelpreis und der in Frankreich lebende chinesische Schriftsteller Gao Xingjian 2000 den Literaturnobelpreis bekommen.

Mo Yan gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Chinas. Zahlreiche Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt. "Das rote Kornfeld" wurde verfilmt - der Film wurde 1988 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Mo Yan ist ein Künstlername, der "Ohne Worte" bedeutet. Der Autor wurde als Guan Moye geboren, seine Eltern waren Bauern. Er wuchs in Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong auf. Während Maos Kulturrevolution verließ er im Alter von zwölf Jahren die Schule und arbeitete erst in der Landwirtschaft, später in einer Fabrik. 1976 ging er in die Volksarmee, begann Literatur zu studieren und zu schreiben.

Auf Deutsch sind von Mo Yan unter anderem die Bücher "Trockener Fluß und andere Geschichten", "Der Überdruss" und "Die Sandelholzstrafe" erschienen. Bei der Frankfurter Buchmesse 2009 gehörte Mo Yan zur offiziellen Delegation des Gastlandes China.

Vergabe der Preise am 10. Dezember

Der Literaturnobelpreis wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. Er wird seit 1901 verliehen. Zu den bisherigen deutschen Literaturnobelpreisträgern gehören neben Herta Müller auch Günter Grass, Heinrich Böll, Thomas Mann und Gerhart Hauptmann. Bisher lag das Preisgeld bei zehn Millionen Kronen, doch auch die Schwedische Akademie muss sparen: Jetzt gibt es "nur" noch acht Millionen Kronen (etwa 930.000 Euro)


Links bei dradio.de:
- Gefährlicher Widerstand in der brutalen Zeit der Jahrhundertwende Mo Yan: "Die Sandelholzstrafe"

- Die Nachricht kam ins Dorf - Jury würdigt Mo Yans Sprache als "halluzinatorischen Realismus"

Mo Yan "pflegt einen literarischen Stil, der durchaus diskutabel ist" <br> Publizist über Literaturnobelpreisträger Mo Yan

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:59 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 23:05 Uhr Lange Nacht

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 23:05 Uhr Fazit

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 19:00 Uhr Club der Republik

Aus unseren drei Programmen

Jüdisches Leben heute Warum es junge Israelis nach Berlin zieht

Wandgemälde einer deutsche Flagge mit Davidstern an der East Side Gallery in Berlin. Copyright: imageBROKER/EgonxBömsch (imageBROKER/EgonxBömsch)

19 Cent für einen Schoko-Pudding - mit einem Foto davon rief ein junger Israeli vor zweieinhalb Jahren seine Landsleute dazu auf, auch nach Deutschland zu kommen. Inzwischen leben Tausende hier. Eine Forschungsgruppe an der Bergischen Universität Wuppertal erforscht die Gründe.

50 Jahre "Sgt. Pepper´s"Musikgeschichte im Stereomix

The Beatles im Jahr 1967: Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, John Lennon (v.l.n.r.) (imago / United Archives)

"Sgt. Pepper´s Lonely Heart Club Band" feiert kommende Woche sein 50-jähriges Erscheinen - und erstrahlt jetzt im neuen Glanz. Der Sohn des Beatles-Produzenten George Martin hat dem legendären Album ein technisches Update verpasst.

Zum Abschied von Fritz von Thurn und Taxis"Huiii! Ein Hüüüüne!"

Fritz von Thurn und Taxis kommt am Mittwoch (23.02.2011) zur Sky - 3D-Premiere der Oper "Lucrezia Borgia" in München (Oberbayern). (picture alliance / dpa / Volker Dornberger)

Wenn morgen Frankfurt und Dortmund im DFB-Pokalfinale aufeinandertreffen, hat einer sein Abschiedsspiel, der gar nicht auf dem Platz steht: Fritz von Thurn und Taxis, Sportreporter-Urgestein und Legende. Matthias Dell über einen der Großen dieser Zunft.

Manchester nach dem TerroranschlagAuf der Suche nach Normalität

Menschen zünden Kerzen für die Opfer des Attentates in Manchester an. (Chibane/MAXPPP/dpa)

Mindestens 22 Menschen starben, als sich ein Selbstmordattentäter auf einem Popkonzert in Manchester in die Luft sprengte. In der Trauer stehen die "Mancunians", die Bewohner der Stadt, zusammen und helfen sich gegenseitig - egal ob Ärzte, Taxifahrer oder Geistliche. Der Terror hat selbst im Fußball für Einigkeit gesorgt.

Neuro-Doping unter Studierenden"Großes Suchtpotenzial"

Die Grafik eines Kopfes, der mit Blitzen durchzogen ist. (imago / Science Photo Library)

Dank Pillen besser durch die Prüfung? Das praktizieren offenbar so viele Studierende, dass schon Dopingtests an Universitäten gefordert wurden. Der Neuroethiker Dieter Sturma lehnt das ab. Gleichwohl warnt er vor massiven Folgeschäden durch Neuro-Doping.

MietenexplosionKleines Gewerbe in großen Städten ist bedroht

Eine Mutter mit Kleinkind geht an einem Buchladen mit gebrauchten Büchern in der Weserstraße in Berlin-Neukölln vorbei, aufgenommen 2012 (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)

Ein Teeladen, eine Buchhandlung, eine Bäckerei – sie alle bekamen zum Jahreswechsel die Kündigung, weil sie die geforderten Mieterhöhungen nicht zahlen können. Sechs Monate bleiben den drei Gewerbetreibenden aus Berlin – so lange läuft die Kündigungsfrist. Umziehen? Kämpfen? Oder kapitulieren?

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Fußball  Dortmund holt DFB-Pokal | mehr

Kulturnachrichten

Ökumenischer Jury-Preis in Cannes geht an "Hakari"  | mehr

 

| mehr