Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Moderne Sklaverei"

Kritik an Arbeitsverhältnissen in Katar und Brasilien

In Katar wird 2022 die WM ausgerichtet. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
In Katar wird 2022 die WM ausgerichtet. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

Zwangsarbeit bei Temperaturen von 50 Grad, überfüllte Unterkünfte, kaum Trinkwasser: Auf den WM-Baustellen in Katar sollen Arbeiter ausgebeutet worden sein, Dutzende starben an den Folgen. Gewerkschafter warnen vor vielen weiteren Toten. Und auch in Brasilien gibt es offenbar sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse.

Von "moderner Sklaverei" spricht Sharan Burrow – und prangert die Ausbeutung von Gastarbeitern in Katar an. Die Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbunds IGB befürchtet Tausende Todesfälle. Neun Jahre vor der Fußball-WM 2022 steht das Emirat damit erneut massiv in der Kritik. Genau wie das Ausrichterland im kommenden Jahr.

Auch in Brasilien wurden sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse aufgedeckt. Vom brasilianischen Arbeitsministerium, bei Bauarbeiten auf dem Flughafen von São Paulo. Über 100 Arbeiter der Baufirma OAS seien dort unter menschenunwürdigen Verhältnissen ausgebeutet worden.

Der Ausbau des internationalen Flughafens Guarulhos ist Teil der Vorbereitungen auf das sportliche Großereignis im Juni 2014. Ein Bericht der Staatsanwaltschaft für Arbeitsrecht moniert marode Unterkünfte, unzureichende Verpflegung und fehlende Arbeitskleidung. Die Arbeiter aus dem armen Nordosten Brasiliens waren demnach unter falschen Versprechen nach São Paulo gelockt worden, mussten jedoch ihre Reisekosten selbst bezahlen. Das Arbeitsministerium hat inzwischen den betroffenen Arbeitern die Rückreise in ihre Heimatstädte ermöglicht.

Zahlreiche Todesfälle und Zwangsarbeit in Katar

Noch alarmierender scheint die Situation in Katar: Laut Recherchen der britischen Tageszeitung "Guardian"starben hier 44 Gastarbeiter auf den WM-Baustellen – alleine in den vergangenen zwei Monaten. Die vielen Todesfälle gehen demnach vor allem auf die katastrophalen Bedingungen zurück: Zwangsarbeit bei Temperaturen von 50 Grad, die Verweigerung von Trinkwasser und unhygienische Bedingungen in überfüllten Unterkünften. Außerdem hätten die Gastarbeiter, deren Pässe eingezogen worden seien, keinen Lohn erhalten.

Katar - Baustelle in Doha (picture alliance / dpa / Arno Burgi)Bis zu 2,2 Millionen Gastarbeiter bis 2022 (picture alliance / dpa / Arno Burgi)Rund 30 nepalesische Gastarbeiter waren jüngst in die Botschaft ihres Heimatlandes geflüchtet und hatten von den Zuständen berichtet. Die indische Botschaft in Katar vermeldete 82 gestorbene indische Gastarbeiter in den ersten fünf Monaten dieses Jahres und 1460 Beschwerden über unwürdige Arbeitsbedingungen.

Bis zu 2,2 Millionen Gastarbeiter primär aus Südasien werden auf dem Weg zur WM erwartet. Die Kosten für das Projekt sollen sich auf schätzungsweise 73 Milliarden Pfund belaufen.

Amnesty: Kein neues Phänomen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigte sich schockiert über die Enthüllungen, aber nicht überrascht: Die Ausbeutung und Misshandlung ausländischer Arbeiter sei kein neues Phänomen. In England wird derweil über eine mögliche Absage des eigenen Verbandes FA der WM diskutiert. Das englische Parlamentsmitglied Damian Collins sprach sich im Guardian dafür aus, darüber nachzudenken. Er regte eine internationale Kooperation von Politikern auch mit Blick auf die Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der WM an. Die FIFA verstehe und respektiere nur Geld. "Die einzige Macht der FA ist, nicht anzutreten", so Collins.

Der Weltfußball-Verband selber erklärte, "schleunigst Kontakt zu den katarischen Behörden aufnehmen" zu wollen. Zudem werde das Thema auf die Agenda für die bevorstehende Exekutivkomitee-Sitzung in der kommenden Woche in Zürich gesetzt. Präsident Joseph S. Blatter äußerte sich noch nicht persönlich.

Von einer "Verschwörung" zwischen Fifa und den katarischen Verantwortlichen spricht ITUC-Generalsekretärin Burrow. Bereits 2011 habe der Verband versprochen, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, dies aber nicht getan. Der Internationale Gewerkschaftsbund befürchtet, dass mindestens 4000 Gastarbeiter ihr Leben gelassen haben werden, ehe das erste WM-Spiel angepfiffen wird.

Mehr zum Thema auf dradio.de

Führungswechsel in Katar
Scheich Hamad bin Khalifa übergibt seinem Sohn Tamim die Macht

"Ein politisches Verwirrspiel"
Hin und Her um den Zeitpunkt der Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022

"Die gesamte arabische Welt steht hinter Katar"
Professor sieht darin vor allem eine Investition in das Image der Region

 

Letzte Änderung: 08.10.2013 23:11 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 22:05 Uhr Historische Aufnahmen

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 22:00 Uhr Chormusik

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

LebensmittelindustrieJunkfood und Mangelernährung in Südafrika

Ein Viertel aller südafrikanischen Kinder leiden unter Mangelernährung.  (picture alliance / Nic Bothma)

Viele arme Menschen in Südafrika ernähren sich von billigem Junkfood: Keksen, Chips und Maisbrei. Auch weil Nahrungsmittelkonzerne einheimische Lebensmittelproduzenten verdrängt haben.

HalbjahresbilanzDieselgate schrumpft VW-Gewinn

Logo von VW in Volkswagen reflektiert auf der Motorhaube eines VW-Autos (RONNY HARTMANN / AFP)

Die Dieselkrise zeigt immer noch Wirkung und drückt auf die Halbjahreszahlen von Volkswagen. Unter dem Strich sackte das Konzernergebnis im ersten Halbjahr um ein Drittel ab. Anders dagegen die wichtige Kernmarke VW-Pkw: Nach Verlusten im vergangenen Jahr, brachte sie immerhin wieder knapp 900 Millionen Euro Gewinn.

Kriminalpsychologie Medien sollten Glorifizierung von Tätern vermeiden

Heute erscheint sie mit Fotos: Die französische Tageszeitung "Le Monde" vom 27. November 2014 ( AFP / MATTHIEU ALEXANDRE)

Die französische Zeitung "Le Monde" will keine Gesichter von Terroristen mehr zeigen. Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann begrüßt diesen Schritt und mahnt die Medien zu mehr Zurückhaltung.

Sowjet-HippiesDie Blumenkinder der UdSSR

Plakat der Ausstellung "Soviet Hippies during the Cold War" im Wende Museum. (Deutschlandradio / Kerstin Zilm)

In den späten 60er-Jahren schwappte die Hippie-Bewegung vom Westen in die Sowjetunion. Die Zeugnisse der Hippie-Zeit sind weit verstreut und kaum geordnet. Das Wende-Museum archiviert nun kistenweise Fotos, Tagebücher, Konzertaufnahmen und Heimvideos.

Entscheidung des LandesarbeitsgerichtsFettleibigkeit als Kündigungsgrund

Eine Person in Arbeitshosen und Gummistiefeln geht an einer Reihe Blumentöpfe mit kleinen Blaufichten vorbei. Die Beine sind nur bis zum Oberschenkel zu sehen. (dpa / picture alliance / Sebastian Willnow)

In einigen Fällen kann es bei der Einstellung oder der Kündigung eine Rolle spielen, wie dick ein Arbeitnehmer ist, erklärte der Arbeitsrechtler Guido Weiler im DLF. So gebe es bei Polizeibeamten Anforderungen an den Body Mass Index. Im Fall des übergewichtigen Angestellten einer Gartenfirma einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich.

Tarzan-FilmeWie Sprache das koloniale Weltbild ausdrückt

Der als Tarzan berühmt gewordene USA-Schauspieler Johnny Weissmuller (picture alliance / dpa / Gustav Unger)

"Pacy, Pacy, Kuja Hapa" - was reden die da eigentlich in den alten Tarzan-Filmen? Wir haben den Afrikanisten Guido Korzonnek gefragt: Ein koloniales Gemisch aus Siedler-Swahili und anderen Sprachen, sagt er. Der neue Tarzan-Film macht es besser.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nach Gewalttaten in Deutschland  Opposition kritisiert Merkels Neun-Punkte-Plan | mehr

Kulturnachrichten

ARD verändert Profil der Senderfamilie  | mehr

Wissensnachrichten

Südseestaat Tonga  Statt Sonnen lieber Skifahren bei Olympia | mehr