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Monika Seynsche

Freie Wissenschaftsredakteurin und Moderatorin

Monika Seynsche (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Monika Seynsche (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

Monika Seynsche arbeitet seit neun Jahren beim und für den Deutschlandfunk, insbesondere für die Wissenschaftssendung "Forschung aktuell".

Es ist elf Uhr morgens und ich sitze auf einem beigen Sofa in der Justizvollzugsanstalt von Münster. Mir ist schlecht vor Nervosität. Auf dem braunen Holztisch vor mir liegt ein Kassettenaufnahmegerät, das ich zu Hause mindestens 25-mal ausprobiert habe, um sicher zu sein, dass es auch wirklich funktioniert.

Um mich herum sitzen zwei Männer um die 40, ein junges Mädchen und eine ältere Frau, allesamt in mintgrünen Hemden und dunklen Hosen. Drei Justizvollzugsbeamte und eine Auszubildende. Am Kopfende, in einem dunkelblauen Jeansoverall, ein Gefangener, der mir als Hermann vorgestellt wird.

Alle fünf schauen mich erwartungsvoll an. Sie wirken genauso nervös wie ich. Schließlich werden sie fürs Radio interviewt. Ich versuche, meine eigene Nervosität zu überspielen und so zu tun, als wüsste ich, was ich tue. Ich wusste es nicht, es war mein erster Radiobeitrag. WDR 2 wollte wissen, wie weibliche Wärter im Männergefängnis zurechtkommen.

Irgendwann hatte ich sämtliche, vorher fein säuberlich aufgeschriebene Fragen stotternd von mir gegeben und die Antworten aufgenommen. Ich packte Mikrofon und Kassettenrekorder weg und unser aller Nervosität sank beträchtlich. Einer der Wärter führte mich anschließend durch das Gefängnis und irgendwo zwischen vergitterten Fenstern und neugierig schauenden Insassen kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass man mit Journalismus nicht nur das Studium finanzieren kann, sondern dass er einen an Orte bringt, die man sonst niemals sehen würde.

Seit diesem Tag sind elf Jahre vergangen. Neun davon beim Deutschlandfunk. Zuerst als Wissenschaftsvolontärin, später als Redakteurin, jetzt als freie Moderatorin von "Forschung aktuell', als Autorin und immer wieder als Reporterin.

Zu dem Gefängnis haben sich im Laufe der Jahre viele andere Orte hinzugesellt: ein kanadischer Eisbrecher auf dem Weg in den Arktischen Ozean, weggesprengte Bergkuppen in den Appalachen, ein rotes Zelt voller Forscher, Sushi und Greyerzer Käse auf dem grönländischen Eispanzer, vom markerschütternden Schrei Tasmanischer Teufel erfüllte Wälder und eine rote Schneekatze, die sich durch meterhohe Ascheschichten auf den isländischen Vulkan Eyjafjallajökull kämpft.

Mein Aufnahmegerät teste ich bis heute, aber die Nervosität hat deutlich abgenommen. Geblieben ist die Faszination für eine Welt, die sich nur dem Mikrofon erschließt.

Monika Seynsche

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