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Mord verjährt nicht

Beginn des Demjanjuk-Prozesses in München

Laut US-Behörden der Ausweis des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk (AP)
Laut US-Behörden der Ausweis des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk (AP)

In München hat der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk begonnen. Der Prozessauftakt hatte sich wegen des großen Besucherandrangs verzögert. Der 89-Jährige gebürtige Ukrainer muss sich vor dem Landgericht wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 27.000 Juden verantworten.

Die Anklage wirft ihm vor, 1943 als Aufseher des Vernichtungslagers Sobibor die Menschen in die Gaskammern getrieben zu haben. Dort war Demjanjuk ein halbes Jahr lang als Wachmann tätig.

Demjanjuk bestreitet die Vorwürfe. Er sei im Gegenteil ein Kriegsgefangener der Nationalsozialisten gewesen. Er war nach langem Rechtsstreit im Mai von den USA nach Deutschland ausgeliefert worden.

Als "Iwan der Schreckliche" wurde John Demjanjuk 1988 in in Israel zum Tode verurteilt. Man hatte ihm zur Last gelegt, sich im KZ Treblinka an Massenmorden beteiligt zu haben. Fünf Jahre später hob der Oberste Israelische Gerichtshof das Urteil wieder auf, weil man ihn mit dem Ukrainer Iwan Martschenko verwechselt hatte.

Die Vorarbeit zu dem Prozess hat die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg geleistet. Zwei seiner Mitarbeiter hätten über acht Monate an dem Fall recherchiert, sagte der Leiter der Zentralstelle, Kurt Schrimm, im Deutschlandradio Kultur. Auf die Frage, welchen Sinn ein Prozess bei einem so alten Mann wie Demjanjuk mache, antwortete Schrimm:

""Es macht insgesamt nicht nur Sinn, sondern ich meine, wir sind moralisch dafür verantwortlich, auch nach so langer Zeit, auch noch ältere Männer strafrechtlich zu verfolgen, wenn ein Anfangsverdacht vorliegt. Wir sind es einfach den Opfern schuldig, das waren ungeheure Verbrechen, wie sie bisher die Welt nicht kannte, und ich glaube, wir können hier in Deutschland nicht einfach sagen, Deckel drauf, Akten zu, das interessiert uns nicht mehr, der Mann ist zu alt. Ich glaube nicht, dass wir das vor der Weltöffentlichkeit rechtfertigen können"."

Täter oder Opfer?

Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk in Cleveland (AP)Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk in Cleveland (AP) Für die deutsche Justiz ist das Verfahren eine Premiere: Zum ersten Mal ist ein ausländischer Handlanger der Nazis angeklagt, einer aus dem untersten Glied der Befehlskette in einem NS-Vernichtungslager. Die Ukraine zeigte kein Interesse, ihrem einstigen Staatsbürger den Prozess zu machen. Demjanjuk muss sich verantworten, weil willige Helfer die Mordmaschinerie zur Vernichtung der Juden reibungslos in Gang hielten. Er soll eines dieser kleinen Rädchen im Getriebe gewesen sein.

Kirsten Goetze, Richterin und Dezernentin der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, spricht über Ermittlungsschwierigkeiten in einem Prozess, in dem es so gut wie keine Opferzeugen mehr gibt.

Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Wolfgang Benz, ordnet den ausgelieferten John Demjanjuk als Henkersgehilfe der SS ein.

Noch heute können mutmaßliche Mörder aus der NS-Zeit angeklagt werden, wie aktuell der Fall des John Demjanjuk zeigt. Möglich ist das aufgrund einer Entscheidung des Deutschen Bundestages vom 3. Juli 1979. Damals wurde mit 255 gegen 222 Stimmen entschieden, dass Mord nicht mehr verjähren kann.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:34 Uhr

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