Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Muslimbrüder: "Tag der Entscheidung" in Ägypten

Tote bei Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern von Ex-Präsident Mursi

Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi in Kairo (picture alliance / dpa /Mohammed Saber)
Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi in Kairo (picture alliance / dpa /Mohammed Saber)

Erneut gingen die Muslimbrüder in Ägypten auf die Straße. Dabei kam es vereinzelt zu gewaltsamen Zusammenstößen. Unterdessen verschärft die Regierung ihr Vorgehen gegen den arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira.

Bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des ehemaligen Präsidenten Mohammed Mursi sind in Ägypten mindestens sechs Menschen getötet worden. 50 weitere wurden nach Angaben verletzt. Laut der Muslimbruderschaft wurde in der Stadt Sagasig ein Demonstrant von Angehörigen der Sicherheitskräfte getötet. Ein weiterer Mensch starb in der Hafenstadt Port Said bei Straßenschlachten.

Im Kairoer Bezirk Al-Nosha wurden an einer Straßensperre der Polizei kurz vor Beginn der Protestaktionen zwei Polizisten erschossen. Zwei weitere Polizisten seien verletzt worden, teilte das Innenministerium mit. In Kairo zogen Mursis Unterstützer in mehreren Gruppen durch die Straßen. Dabei mieden sie die von Polizei und Armee streng bewachten Schauplätze, an denen es bei früheren Protesten zu schweren Ausschreitungen kam. Ähnlich große Demonstrationen gab es in Alexandria, mehreren Städten im Nildelta, Suez, Ismailia, Port Said, Assiut und anderen Orten

Die ägyptische Muslimbruderschaft hatte zuvor erklärt, sie werde nur friedlich protestieren. In einer Stellungnahme, die das Pressebüro der Islamisten-Organisation in London verbreitete, hieß es, die Allianz gegen die Entmachtung von Mursi durch die Armee werde sich "durch die willkürliche Festnahme ihrer Führer nicht besiegen lassen". Die Armee hatte Mursi, der aus der Muslimbruderschaft stammt, am 3. Juli nach Massenprotesten gegen ihn und seine Regierung abgesetzt. Seitdem wurde fast die gesamte Führungsriege der Organisatioen festgenommen.

Muslimbrüder: der "Tag der Entscheidung"

Die Aktivisten wollen die Hauptstadt Kairo lahmlegen, die Autobahn dorthin blockieren und mit Bildern von getöteten Demonstranten auf sich aufmerksam machen, berichtet ARD-Korrespondent Carsten Vick. Die Muslimbrüder nennen den Tag heute den "Tag der Entscheidung". Wie viele von ihnen dem Aufruf tatsächlich folgen werden, ist offen. Vergangene Woche waren es nur noch einige Hundert.

Das Innenministerium gab am Donnerstag außerdem die Festnahme eines weiteren Führungsmitglieds der Muslimbrüder bekannt. Mohammed al-Beltagi sei in einem Kairoer Vorort gemeinsam mit dem früheren Arbeitsminister in Mursis Kabinett, Chaled al-Ashari, festgenommen worden. Al-Beltagi habe in Videos aus dem Untergrund zu Pro-Mursi-Protesten aufgerufen, hieß es. Er galt als einer der wichtigsten Organisatoren der Proteste in Kairo. Wegen Anstachelung zu Gewalt war ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden.

"Anti-Putsch-Allianz" fordert Freilassung von Muslimbrüdern

Ägyptens Präsident Mursi in einer Fernsehansprache: "werde nicht zurücktreten" (picture alliance / dpa / Ismael Mohamad)Ägyptens Präsident Mursi in einer Fernsehansprache. (picture alliance / dpa / Ismael Mohamad)Die sogenannte Anti-Putsch-Allianz rief am Donnerstag auch zur Freilassung der festgenommenen Muslimbrüder auf und verlangte eine Untersuchung des gewaltsamen Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten. Mehr als tausend Menschen, die meisten von ihnen Anhänger Mursis, waren allein in der dritten Augustwoche in Ägypten getötet worden. Mursi selbst wird seit seiner Absetzungdurch das Militär am 3. Juli an einem geheimen Ort festgehalten.

In den vergangenen beiden Wochen wurden laut Sicherheitskreisen schon mindestens 2000 Muslimbrüder festgenommen, darunter nahezu die gesamte Führungsriege der Islamisten. Schon am vergangenen Freitag hatte die Organisation daher große Schwierigkeiten, ihre Anhänger zu mobilisieren.

Vier Al-Dschasira-Journalisten festgenommen

Unterdessen verschärft die Übergangsregierung in Ägypten ihr Vorgehen gegen den arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira. Vier Journalisten des englischen Dienstes wurden nach Angaben von Al-Dschasira in Kairo festgenommen. Zudem sollen bei Razzien in den Büros des Tochtersenders Al-Dschasira Mubaschir Misr mehrere Mitarbeiter in Gewahrsam genommen worden sein. Die Regierung wirft dem Sender aus Katar vor, parteiisch zu sein und die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi zu unterstützen.

Am Donnerstag erklärten drei Minister, dass Al-Dschasira Mubaschir Misr "illegal" arbeite und Satellitensender ohne Lizenz nutze, wie die amtliche Nachrichtenagentur Mena berichtete. Der Sender verbreite demnach "Gerüchte und Behauptungen, die der ägyptischen nationalen Sicherheit schaden und die Einheit des Landes gefährden".


Mehr zum Thema auf dradio.de:

Fürtig: Demokratischer Neuanfang in Ägypten ist zweifelhaft
GIGA-Chef sieht viele Hürden nach Sturz von Präsident Mursi
"Es fehlt das Verständnis für Kompromisse"
Soziologe und Revolutionsforscher über die Situation in Ägypten
"Die saudischen Milliarden sind ausgesprochen wichtig zur Stabilisierung"
Nahost-Experte Henner Fürtig im Interview
Ägyptens Militärchef droht Islamisten
Regierung verbietet Bürgerwehren
Mubarak angeblich kurz vor Freilassung
Korruptionsvorwürfe gegen Ägyptens Ex-Präsidenten werden offenbar fallengelassen
Chronologie: Unruhen in Ägypten
Eckpunkte der Revolution

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 17:35 Uhr Kultur heute

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Integrationspolitik"Es ist nicht klar, welche Werte wir vertreten wollen"

Ahmad Mansour, Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy (Imago / Jens Jeske)

Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour hat sich für einen Dialog über Werte in unserer Gesellschaft ausgesprochen. Erst dann könne Deutschland Zuwanderern klar machen, "was diese Gesellschaft tolerieren kann und was nicht", sagte der Programmdirektor der European Foundation for Democracy im DLF.

IntegrationVon der Sehnsucht nach Patentante und Butterbrotpapier

Türkisch singen diese deutschen und türkischen Kinder in einer Klasse. (dpa/ picture-alliance/ Rainer Jensen)

Sich integrieren, sich assimilieren innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft – dazu ist Sprache besonders wichtig. Aber ist das alles? Die Publizistin Dilek Güngör denkt an ihre Kindheit zurück und beschreibt, was "Anders-Sein" eigentlich ausmacht.

Ein Jahr "Wir schaffen das"Ankommen in Deutschland

Vor einem Jahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Credo ausgegeben: "Wir schaffen das!" Damit das am Ende wirklich funktioniert, packen viele Deutsche ehrenamtlich mit an. Das Wichtigste für die Flüchtlinge: Deutsch lernen.

Grünen-Politiker Giegold zum Apple-Entscheid"So geht Europa!"

Sven Giegold ist Europa-Abgeordneter der Grünen. (imago/ Rainer Weisflog)

Der Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold lobt die Entscheidung der EU-Kommission, den US-Konzern Apple in Irland Steuern in Milliardenhöhe nachzahlen zu lassen. Durch solche Schritte könne man verloren gegangenes Vertrauen der Bürger in Europa wiedergewinnen, sagte er im DLF.

Vor 75 Jahren Dichterin Marina Zwetajewa gestorben

Marina Iwanowa Zwetajewa. (picture alliance / ITAR-TASS)

Sie war eine der größten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts: Mariana Zwetajewa. Mehrfach lebte sie in Deutschland, 1939 kehrte sie in die Sowjetunion zurück. In Jelabuga an der Kama nahm sie sich Vor 75 Jahren das Leben.

73. Filmfestspiele von VenedigDas Festival der Autorenfilmer

Der "Goldene Löwe" auf dem Lido in Venedig. Mit dem Goldenen Löwen (Leone d_Oro) wird bei den jährlich veranstalteten Filmfestspielen von Venedig der beste Wettbewerbsfilm prämiert.  (picture alliance / dpa / Jens Kalaene )

Heute werden die Filmfestspiele von Venedig eröffnet. Vermutlich mit weniger Glanz und Glamour als sonst aufgrund der Erdbebenkatastrophe in Mittelitalien. Bewährte Regisseure wie Wim Wenders und Emir Kusturica treten im Wettbewerb um den Goldenen Löwen an.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Ministertreffen  Terrorfall-Manöver von Bundeswehr und Polizei vereinbart | mehr

Kulturnachrichten

Anti-AfD-Song erreicht bei Facebook Netzhit  | mehr

Wissensnachrichten

Sachsen  AfD-Politiker wünscht sich Merkels Terrortod | mehr