Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Muslimische Jugendliche engagieren sich gegen Antisemitismus

Rabbiner Daniel Alter spendet Bambi an 'Heroes'-Projekt

Von Dorothea Jung

Daniel Alter (li), hier bei seiner Ordination (AP)
Daniel Alter (li), hier bei seiner Ordination (AP)

Ende August wurde der Berliner Rabbiner Daniel Alter zusammengeschlagen, weil er als Jude erkennbar war. Er erfuhr nach dem Vorfall Zuspruch, auch von muslimischen Jugendlichen, die in sich in einem Neuköllner Projekt "Heroes" engagieren. Deshalb stiftete er ihnen seinen "Bambi".

Heroes-Gruppenleiter Ahmad Mansour ist israelischer Palästinenser und Diplom-Psychologe. Er leitet im Projekt die wöchentlichen Trainingsgespräche mit den Jugendlichen. Sie dienen dazu, ihre Wahrnehmung zu schulen und traditionelle Denkmuster infrage zu stellen.

- Ahmad Mansour: "Und dann frage ich mich, ob es eigentlich in unserer Kultur möglich wäre, dass einfach der Vater auch akzeptiert, dass seine Tochter sagt, sie hat sich verliebt. Und vielleicht hat sie sich zwei, drei Mal mit einem Jungen getroffen und ihn geküsst."
- Jugendliche: "Ich denke, dass sie es gar nicht wollen würde, einen Jungen zu küssen. Und sie würde auch gar nicht wollen, sage ich mal, um 10 Uhr auf der Straße zu sein ohne ihren Bruder und ohne eine Begleitung."
- Hero: "Will sie das wirklich nicht oder wurde es ihr so beigebracht?"
- Jugendliche: "Es wurde Ihr so beigebracht."
- Heror: "Das ist Gehirnwäsche in meinen Augen, sorry!"

Wer genügend Trainingseinheiten in den Gruppensitzungen hinter sich hat, wird zum 'Helden' ernannt und darf das Erkennungszeichen des Projektes tragen: einen schwarzen Kapuzenpulli mit dem Aufdruck 'Heroes'. Und er darf als Multiplikator in Jugendgruppen und Schulen gehen, um dort bei Schülern aus Einwandererfamilien traditionelle Denkmuster aufzubrechen. Dabei fungiert als Diskussionsanstoß in aller Regel ein Rollenspiel. Das wiederum hat ein Theaterpädagoge, der ebenfalls Gruppenleiter im Projekt ist, mit den 'Heroes' präzise einstudiert. Beispiel: Die Tochter eines liberalen Vaters will studieren, aber ein Onkel aus der Türkei mischt sich ein.

- Onkel: "Warum geht sie noch zu Schule?"
- Vater: "Weil sie das so möchte. Und sie möchte noch studieren."
- Onkel: "Sag mal, was redest du da? Habt Ihr noch keinen gefunden, oder was? Hör mal zu, hör mal zu! Du kennst doch Mehmed, aus unserem Dorf?"
- Vater: "Nee, lass' mal du Mehmed bei dir, sie sucht sich jemanden selber aus."
- Onkel: "Was redest du?"

Schnell entwickeln sich unter den Schülern und Schülerinnen dann Diskussionen über den Wert der Bildung, freie Partnerwahl und religiöse Zwänge.

- Junge: "Na ja, viele Männer sagen ja: Ja, meine Frau soll nicht zur Arbeit gehen. Das ist nur so, weil die Männer Angst haben, dass die Frauen ihnen überlegen sind."
- Mädchen: "Na ja, ganz ehrlich: Welcher Mann will eine dumme Frau neben sich haben?"
- Junge: "Ich wollte sagen: Mir ist egal, ob sie gebildet ist oder nicht - Hauptsache, sie bleibt zu Hause."
- Mädchen: "Für mich würde schon infrage kommen, jemanden aus einem anderen Land zu heiraten, aber mit der Religion, da hapert es! Wenn er damit klar kommt, er geht in die Moschee, ich gehe in die Kirche, okay."
- Junge: "Das geht ja auch nicht, wenn schon eine Familie das akzeptiert, dann muss sie aber auch den Glauben wechseln."
- Hero: "Warum wechselt die Frau, warum wechselt nicht der Mann?"
- Junge: "Weil der Mann mehr was zu sagen hat, denke ich mal."

"Bei ihrer Arbeit als Multiplikatoren sind die 'Heroes' immer wieder auch auf antisemitische Vorurteile gestoßen", sagt Gruppenleiter Ahmad Mansour.

"Wenn wir in Workshops sind und antisemitische Äußerungen gemacht werden, das können wir nicht einfach in der Luft lassen und die nicht bearbeiten. Da versuchen wir, anhand von Nachfragen, von Beispielen die Jugendlichen dazu zu bewegen, nachzudenken."

Das Konzept des Heroes-Projekts hat Rabbiner Daniel Alter so gut gefallen, dass er sich entschied, sein Bambi, das ihm im November vom Burda-Verlag verliehen wurde, den Neuköllner Heroes zu widmen.

"Was wir für unsere Gesellschaft brauchen, sind Menschen, die nicht nur verbal zu den Werten einer demokratischen Zivilgesellschaft stehen, sondern, die auch bereit sind, sich dafür einzusetzen. Und Menschen wie die Heroes setzen sich über eine Prägung ihrer Community hinweg; gegen Widerstände der eigenen Community. Und das ist wirklich mutig. Und das ist das, was für mich im 21. Jahrhundert ein Held ist."

Als die jungen Helden die Bambi-Statue in der Hand halten, sind sie sichtlich gerührt. Heroe Mert aus der Türkei hat eine Rede vorbereitet.

"Herr Alter hat uns sein Vertrauen geschenkt. Die Heroes versprechen ihnen, Herr Alter, dass wir uns mit Geduld und Toleranz gegen Antisemitismus und Diskriminierung einsetzen werden. Danke für ihr Vertrauen."

Das Projekt 'Heroes' ist finanziell nicht abgesichert. Eine fünfjährige Stiftungsförderung lief 2011 aus. Die Berliner Landesregierung hatte das Projekt zwar im letzten Jahr noch unterstützt, aber jetzt reichen die Gelder nur noch bis zum April 2013.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Interview der Woche

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Dein Sonntag

Aus unseren drei Programmen

Altenpflege"Die Generation, die gerade gepflegt wird, hat tierisch Bock auf Poesie"

Heike Jakobi vom ehrenamtlichen Kranken-Lotsendienst schiebt einen Patienten zur Therapie im Albertinen-Haus in Hamburg. (dpa / Christian Charisius)

Er ist Poetryslammer und ist mit Redensarten bekannt geworden. Das ist aber nur eine Seite von Lars Rüppel. Er beschäftigt sich nämlich auch mit Demenz. Und wie Gedichte und Poesie bei dieser Erkrankung helfen können.
      

Vier Fassbinder-Darstellerinnen in einem "Tatort""Ein bisschen wie Parfüm-Mischen"

Isolde (Irm Hermann), Margarethe (Margit Carstensen) und Catharina (Hanna Schygulla) freuen sich gemeinsam mit Klara (Eva Mattes) an ihrem nächtlichen Feuerritual. Im Bodensee-Tatort "Wofür es sich zu leben lohnt". (SWR-Pressestelle/Fotoredaktion)

Im letzten Bodensee-"Tatort" kommen die vier Fassbinder-Schauspielerinnen Hanna Schygulla, Margit Carstensen, Irm Hermann und Eva Mattes zusammen. Das gleiche einer Parfüm-Mischung, sagt Schygulla. Jede habe "ihren eigenen Duft".

CSU-Politiker Söder"Europa ist heute so schwach wie noch nie"

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) (picture-alliance / dpa / Matthias Balk)

Europa habe durch Deutschlands Grenzöffnung für die Flüchtlinge im vergangenen Jahr Schaden genommen, sagte der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) im Deutschlandfunk. Europa sei zudem so zerstritten wie noch nie und nicht in der Lage, mit einer Stimme auf Herausforderungen zu reagieren.

PolitikerPlötzlich Populist

Wo kommen auf einmal die vielen Populisten her? In den USA hat sich Donald Trump mit seinen extremen Positionen durchgesetzt. In Frankreich bringt sich Marine Le Pen in Stellung für den Präsidentschaftswahlkampf 2017. Geert Wilders macht die Niederlande unsicher und in Ungarn hat sich der selbstbewusste Viktor Orbán festgesetzt.

Referendum in Italien"Diese Unsicherheit ist es, die Europa bewegt"

Die Flagge der Europäischen Union weht vor wolkenverhangenem Himmel. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Wenn Italien nein sagt zur Verfassungsreform, wären die Folgen für die EU nicht absehbar, sagte Florian Eder vom Onlinemagazin "Politico" im DLF. Die größte Sorge sei die Frage, wie die Märkte reagieren. Die schlimmste Furcht wäre, wenn die Eurokrise mit aller Macht zurückkäme.

Hackerangriff auf die Telekom Raus aus der digitalen Unmündigkeit

Ein Passwort wird auf einem Laptop über die Tastatur eingegeben. Die Hände auf der Tastatur tragen schwarze Stulpen. Auf dem Monitor sind die Worte "Enter Password" zu lesen. Im Hintergrund erkennt man verschwommen weitere Bildschirme.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der Hackerangriff auf die Telekom-Router war ein Warnschuss. Er zeigt: Wir müssen uns besser wappnen gegen die Bedrohung durch Cyber-Kriminelle und Spionage. Dazu braucht es mehr digitale Bildung und mehr Haftung von Herstellern, meint Philip Banse.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Italien  Verfassungsreferendum angelaufen | mehr

Kulturnachrichten

Originalausgabe von "Der kleine Prinz" für knapp 90.000 Euro versteigert  | mehr

Wissensnachrichten

Steigende Nachfrage  Der Kirche fehlen die Exorzisten | mehr