Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

NATO startet Raketenabwehr

Mitgliedsstaaten bündeln neue Rüstungsprojekte

Eine Luftabwehrrakete auf dem Bundeswehr-Truppenübungsplatz Heuberg bei Sigmaringen
Eine Luftabwehrrakete auf dem Bundeswehr-Truppenübungsplatz Heuberg bei Sigmaringen (dpa / Patrick Seeger)

63 Jahre nach Gründung der NATO startet das weltgrößte Militärbündnis eine Raketenabwehr in Europa, die bis 2020 einsatzbereit sein soll. Weitere solcher teuren Rüstungsprojekte kündigten die 28 Mitgliedsstaaten auf ihrem Gipfeltreffen in Chicago an. Die Staaten wollen weniger Geld zahlen, das Bündnis soll aber mehr leisten.

Sparen schweißt zusammen: Angesichts hoher Staatsschulden wollen die NATO-Mitglieder ihre Verteidigung noch stärker in dem Bündnis vereinen. Im Militärjargon heißt das "Smart Defense", clevere Verteidigung. Gemeinsam solle das entwickelt und gekauft werden, was alleine nicht mehr finanziert werden könne, sagte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen beim Gipfeltreffen in Chicago. "Das ist ein ganz neues Geschäftsmodell für die NATO."

Ob es dabei hinter den Kulissen so friedlich abgeht, bezweifelt der NATO-Experte Johannes Varwick. In dem Bündnis gebe es "ein ständiges Ringen um Gemeinsamkeit", sagte der Politologe im Deutschlandfunk. In der Frage "der Lastenteilung zwischen den USA und Europa gibt es sehr heftige Auseinandersetzungen".

Dichtes Netz zur Raketenabwehr

Dänemarks Premierminister und künftiger Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen spricht in Straßburg auf dem Nato-Gipfel.NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen (AP)Als erstes gemeinsames Rüstungsprojekt wurde auf dem Gipfel das umstrittene Raketenabwehrsystem gestartet. Russland fühlt sich davon bedroht, obwohl die NATO dem Land ständig Einblicke in das System gewährt. "Wir haben Russland zur Zusammenarbeit eingeladen", sagte Rasmussen. Russland fordert jedoch eine engere Einbindung als bislang angeboten.

Der Abwehrschild ist nach NATO-Angaben frühestens 2020 einsatzbereit. In einem ersten Schritt startete jetzt der Betrieb eines Frühwarnradars in der Türkei, deren Daten in der Kommandozentrale auf dem NATO-Stützpunkt in Ramstein ausgewertet werden. Von einem US-Militärschiff im Mittelmeer, stationiert in der spanischen Hafenstadt Rota, können Abwehrraketen gestartet werden. Für das Abwehrschild wird in den kommenden Jahren ein dichtes Netz aus Satelliten, Schiffe, Radaranlagen und Abfangraketen errichtet.

Offiziere räumten ein, es handele sich derzeit um "begrenzte Fähigkeiten gegen begrenzte Bedrohungen auf einem begrenzten Territorium". Das System stecke noch in den Kinderschuhen, der Start sei eine politische Erklärung (mp3), berichtet Rolf Clement im Deutschlandfunk. Die Raketenabwehr soll Europa laut NATO vor einer möglichen Bedrohung durch "Schurkenstaaten" wie den Iran schützen.

Mehr leisten mit weniger Geld

Charmeoffensive beim NATO-Gipfel in Chicago: Bundeskanzlerin Merkel und US-Präsident ObamaCharmeoffensive beim NATO-Gipfel: Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama (picture alliance / dpa / Shawn Thew)Das Raketenabwehrschild ist nur der Anfang für eine Reihe weiterer Rüstungsprojekte. Rasmussen sprach von einem neuen "Zeitalter der Zusammenarbeit". Diplomaten erklärten, die Staaten würden nicht wirklich Geld einsparen, sondern künftig nur das Geld, was ihnen zur Verfügung stünde, "smarter" ausgeben. Allein die USA wollen in den nächsten zehn Jahren 490 Milliarden US-Dollar weniger für Verteidigung ausgeben.

In Zeiten leerer Staatskassen sucht die NATO ebenso wie die Europäische Union nach Möglichkeiten, teure Waffensysteme gemeinsam zu kaufen. Auch sollten die Luftraumüberwachung der drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland die Ländern übernehmen, die wie Deutschland die benötigten Flugzeuge besitzen. Diese Mission wurde nun für unbestimmte Zeit verlängert.

Weitere Großprojekte auf dem Weg

Die jüngste Aufklärungsdrohne der Bundeswehr auf der Internationalen Luftfahrausstellung in BerlinEine Aufklärungsdrohne der Bundeswehr (Bundeswehr/Wilke)Das Bündnis verständigte sich auf eine Liste von mehr als 20 Projekten mit dem Etikett "Smart Defense". Als Konsequenz aus dem Libyen-Krieg will die NATO etwa ihre Bodenaufklärung verbessern. So sollen fünf unbemannte Aufklärungsflugzeuge angeschafft und in Italien stationiert werden. Weil die Kosten explodierten, hatte zuletzt der Haushaltsausschuss im Bundestag Geld für den Ankauf dieser Drohnen vorerst nicht freigegeben. Neben Deutschland beteiligen sich zwölf andere Länder an den Kosten von mehr als 1,4 Milliarden Euro. Davon soll Deutschland mindestens ein Drittel tragen.

Die Rüstungsprojekte reichen von der Entschärfung von Sprengfallen durch ferngesteuerte Roboter bis hin zur Luftbetankung. Außerdem wollen sich die 28 NATO-Partner stärker spezialisieren. Unter deutscher Führung wird beispielsweise die Fähigkeit zur Seefernaufklärung zusammengeführt.

Der NATO-Gipfel beschloss auch eine Erklärung über die Notwendigkeit von Atomwaffen. Sie werden als "Kernkomponente" der Abschreckung bezeichnet. Erstmals befasste sich das Bündnis auch mit Abrüstungsfragen. So soll vereinbart werden, welche russischen Zugeständnisse nötig wären, um die taktischen Atomwaffen abzubauen.

Reiberei zwischen Merkel und Hollande

Frankreichs neuer Staatspräsident François Hollande verstimmte die NATO-Partner mit seiner Ankündigung, bereits in diesem Jahr französische Soldaten aus Afghanistan zurückzuziehen. "Wir haben erreicht, dass die Position Frankreichs vollständig respektiert und umgesetzt wird", sagte Hollande. Besonders die Bundesregierung hatte den Alleingang gerügt. "Wir sind gemeinsam nach Afghanistan gegangen und wir wollen gemeinsam auch aus Afghanistan wieder abziehen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.


Anders als im Kalten Krieg fragen sich viele Menschen heute: Brauchen wir die NATO noch, und falls ja, wozu? Diskutieren Sie mit auf unserer Facebook-Seite.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:52 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:55 Uhr Wirtschafts-Presseschau

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Länderreport

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Alkoholismus"Drei Flaschen Wein am Tag"

Ein Mann riecht an einem Glas Cognac in einer Hotelbar in München.

Die Zahl der Alkoholiker steigt seit Jahren an. Mittlerweile sind 1,8 Millionen Menschen körperlich abhängig. Es gibt Alkoholiker, die trotz ihrer Sucht hervorragend und lange Zeit mitten in der Gesellschaft leben - und beruflich sogar sehr erfolgreich sind.

Landtagswahl in SachsenDie "FDP hat Reputation verloren"

Ein Wahlplakat der FDP mit der Aufschrift "Sachsen ist nicht Berlin! Für Schwarz-Gelb: FDP wählen!" ist am 07.08.2014 in starkem Regen an einem Baum in Dresden (Sachsen) zu sehen.

Die FDP müsse dringend den Verfall ihres parteipolitischen Profils aufhalten, will sie in der Zukunft in Deutschland noch eine Rolle spielen, sagte der Politologe Everhard Holtmann im DLF. Die AfD hingegen könne langlebig sein.

KonfliktforschungMilitärische Gewalt hat abgenommen

Ein ukrainischer Soldat sitzt neben einem Panzer im Osten der Ukraine.

Der Ukraine-Konflikt spielt sich vor der eigenen Haustür ab, viele der IS-Kämpfer kommen aus Deutschland. Gibt es immer mehr militärische Gewalt? Der Friedensforscher Matthias Dembinski hat eine überraschende Antwort.

Herzogin Anna Amalia BibliothekLehren aus der Katastrophe

Rauch steigt aus dem Dachstuhl der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, zwei Feuerwehrleute auf einer Leiter löschen.

Als 2004 die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar in Flammen stand, wurden etwa 50.000 Bücher zerstört. 60.000, darunter eine Lutherbibel von 1534, konnten gerettet werden. Wiedereröffnet wurde der restaurierte Bau 2007.

Frage des TagesBrauchen wir neue Friedenslieder?

Der Liedermacher Wolf Biermann

"Nein", neue Friedenslieder brauchen wir nicht, meint Liedermacher Wolf Biermann, "wir haben ja schöne alte". Im Allgemeinen sähen die Dichter ohnehin eher dumm aus - angesichts der blutigen Wirklichkeit.

Filmreihe "Orizzonti"Brillante Verwirrung der Wahrnehmung

Christoph Schmitz und Rüdiger Suchsland bei den Filmfestspielen von Venedig, auf einer Terrasse sitzend

Ein Blick auf die Filmreihe "Orizzonti" bei der "71. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica" zeigt, dass einige Filme Realität und Fiktion gekonnt verquirlen. So gelingt dem französischen Regisseur Quentin Dupieux mit "Reality" eine gelungene Mischung aus Horror- und Science-Fiction.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Mogherini sieht in Russland  keinen strategischen Partner der EU mehr | mehr

Kulturnachrichten

Tölzer Knabenchor  nach Zerwürfnis ohne künstlerischen Leiter auf China Tournee | mehr

Wissensnachrichten

Lebensstil  Viele Franzosen haben keine Ahnung von Wein | mehr