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Neue Welle der Gewalt in Ägypten

Präsident Mursi schickt Militär in Unruhegebiete

Unruhen in Ägypten (picture alliance / dpa / EPA)
Unruhen in Ägypten (picture alliance / dpa / EPA)

Ägyptens Regierung erwägt den Notstand auszurufen, weil die Gewaltexzesse in einigen Regionen kaum mehr zu bändigen sind. Panzer sollen in Port Said und Suez für Ruhe sorgen. Dort kamen bei Straßenschlachten dutzende Menschen ums Leben. Vorausgegangene waren 21 Todesurteile im Zusammenhang mit Fußballkrawallen vor gut einem Jahr.

Bei neuen gewaltsamen Auseinandersetzungen in der ägyptischen Hafenstadt Port Said sind auch am Sonntag mehrere Menschen getötet worden. Hunderte wurden verletzt. Nach Angaben eines Krankenhauses wurde unter anderem ein 18-Jähriger von einer Kugel tödlich in der Brust getroffen. Die Gewalt war am Samstag eskaliert: 32 Menschen starben, mehr als 350 weitere wurden verletzt.

Soldaten mit Panzern hätten die Brennpunkte vorerst unter Kontrolle gebracht, hieß es am Sonntagmorgen zunächst. Ausgangspunkt der neuerlichen Zusammenstöße waren dann die Trauerfeiern für die Todesopfer vom Vortag. Dabei seien Schüsse gefallen, was eine Panik auslöste, berichteten Augenzeugen. Tausende Menschen nahmen an den Trauerfeiern teil.

Hotelgäste wurden nach Angaben von Einwohnern offenbar gebeten, abzureisen, weil weitere Gewalt befürchtet wird. Das Auswärtige Amt in Berlin aktualisierte seine Reisehinweise. Demnach wird in Ägypten allgemein dringend empfohlen, "Menschenansammlungen und Demonstrationen (insbesondere im zeitlichen Umfeld zum Freitagsgebet) weiträumig zu meiden". Auch sollten Reisende möglichst "die örtliche Medienberichterstattung sehr aufmerksam und regelmäßig verfolgen".

Mursi trifft Vorkehrungen vor Besuch in Berlin

Präsidentschaftskandidat Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / Romain Beurrier)Ägyptens Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / Romain Beurrier)Auch in Kairo setzten sich die Krawalle fort. Jugendliche bewarfen Polizisten mit Steinen. Ausländische Vertretungen blieben am Sonntag, ein Arbeitstag in Ägypten, geschlossen. Präsident Mohammed Mursi sagte seine geplante Teilnahme am Afrikagipfel in Äthiopien ab. Er rief stattdessen erstmals - nach sechs Monaten im Amt - den Nationalen Verteidigungsrat zusammen. In einer anschließend vom Staatsfernsehen übertragenen Erklärung des Rates zur Verteidigung des Landes hieß es, dass alle verfassungsgemäßen Maßnahmen zur Herstellung der Sicherheit ergriffen werden sollten. Dies könne auch Ausgangssperren und die Ausrufung des Notstands bedeuten. Mursi mahnte zur Ruhe und zu einem nationalen Dialog.

Die oppositionelle Nationale Heilsfront erhob derweil schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten. Der Staatschef sei "für die übermäßige Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten" verantwortlich, hieß es in einer Stellungnahme. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte mit Blick auf Ägyptens Demokratisierung, Mursis Besuch in Berlin am kommenden Mittwoch sei "eine sehr gute Gelegenheit, darüber intensiv zu beraten". Mursi ist zu Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verabredet.

Ein Fußballspiel und seine Folgen

Bei Ausschreitungen im ägyptischen Port Said kamen über 70 Menschen ums Leben (picture alliance / dpa / Stringer)Bei Ausschreitungen im ägyptischen Port Said kamen über 70 Menschen ums Leben (picture alliance / dpa / Stringer)Der Zorn auf der Straße ist nicht nur der Unzufriedenheit über die Früchte der Revolution geschuldet. Auslöser der Gewaltwelle waren auch 21 Todesurteile, die ein Gericht wegen Beteiligung an den schlimmsten Fußballkrawallen in der Geschichte des Landes am Samstag verhängt hatte.

Vor fast einem Jahr, am 1. Februar 2012, waren im Fußballstadion in Port Said 74 Menschen ums Leben gekommen. Unmittelbar nach Abpfiff hatten Anhänger der Heimmannschaft Al-Masri damals das Spielfeld gestürmt und waren mit Brechstangen, Messern und Schusswaffen auf die Fans des Kairoer Vereins Al-Ahli losgegangen. Von den Al-Masri-Anhängern wurden später 61 wegen Mordes angeklagt. Neun Polizisten wurden wegen Nachlässigkeit im Dienst vor Gericht gestellt, weil sie die Fans vor dem Spiel nicht gründlich auf Waffen durchsucht hätten. Die 52 übrigen Angeklagten sollen am 9. März ihr Urteil erhalten.

Alle Spiele der Fußballliga sind seit dem Vorfall ausgesetzt. Die Liga soll am 1. Februar wieder starten. Der schwarze Tag des ägyptischen Fußballs gilt längst als Symbol für die desolate Lage im Land.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

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