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Ökonomen warnen vor "Katastrophe" in Europa

Wissenschaftler legen Krisenplan für Euro-Krise vor

Ist die Luft raus aus Europa? (dpa / Arno Burgi)
Ist die Luft raus aus Europa? (dpa / Arno Burgi)

Europa steht vor dem Abgrund - so sieht es eine Gruppe renommierter Wirtschaftsexperten. Die Wissenschaftler, darunter auch prominente deutsche Ökonomen, verlangen von den europäischen Regierungen dringend mehr Anstrengungen. Unterdessen hat sich die Ratingagentur Moody's den Euro-Rettungsschirm vorgeknöpft.

Die Finanz- und Staatsschuldenkrise in Europa wird sich deutlich verschärfen, wenn nicht bald entschieden gegengelenkt wird. So sehen es 17 renommierte Ökonomen, darunter zwei Experten des deutschen Sachverständigenrates. "Wir glauben, dass Europa ... schlafwandelnd auf eine Katastrophe mit unkalkulierbaren Ausmaßen zutaumelt", heißt es in ihrem Gutachten.

Unter der Überschrift "Aus der Sackgasse - Ein Weg aus der Krise" verlangen die Experten, die Konstruktionsfehler der Währungsgemeinschaft zu beseitigen. Altlasten der Schuldenkrise müssten noch stärker als bisher von allen Euro-Ländern gemeinsam getragen werden, heißt es in dem Gutachten, das von der US-Denkfabrik Institute for New Economic Thinking (INET) veröffentlicht wurde. "Der Eindruck einer nicht-endenden Krise, in der ein Dominostein nach dem anderen fällt, muss korrigiert werden." Der bislang letzte Dominostein, Spanien, stehe kurz vor einer Liquiditätsspritze.

An dem Gutachten haben Lars Feld und Peter Bofinger mitgearbeitet, beide Mitglieder im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sowie die ehemalige Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro und Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Experten: Rettungsschirm ESM zu klein

Die Verwerfungen im Währungsraum seien zwar bereits sehr weit fortgeschritten, so die Experten. Noch sei es jedoch möglich, die schlimmsten Schäden abzuwenden. Der EU-Fiskalpakt mit seiner Schuldenbremse sei zwar eine "sehr vernünftige" Maßnahme, sagte der langjährige Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard. "Das Problem ist: Es wirkt nur längerfristig. Und kurzfristig brennt die Hütte! Das zeigt sich daran, dass die Risikoprämien für zum Beispiel zehnjährige Staatsanleihen in Italien und vor allem in Spanien dramatisch angestiegen sind in den letzten Tagen, und dieses Feuer muss man löschen. (...) Ich glaube, die EZB ist in der aktuellen Situation diejenige Institution, die am schnellsten und am wirkungsvollsten das Feuer löschen könnte."

Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Deutschlandradio - Bettina Straub)Sachverständige Peter Bofinger (Deutschlandradio - Bettina Straub)"Entscheidend ist, dass mehr getan wird, um die Probleme kurzfristig zu lösen", sagte Bofinger der "Financial Times Deutschland". Das Problem: Der neue Rettungsschirm ESM sei zu klein, um den größeren Euro-Ländern zu helfen. Daher einigten sich die europäischen Wirtschaftswissenschaftler als akute Krisenmaßnahme auf den vom Sachverständigenrat vorgeschlagenen Schuldentilgungsfonds. Damit könnten die Verbindlichkeiten langfristig wieder auf ein tragfähiges Niveau fallen, sagte Feld. "Dann wäre auch ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar."

Der Weg aus der Krise könne nur gelingen, wenn es ein glaubwürdiges Bekenntnis zum strukturellem Wandel der Eurozone gebe, unterstreichen die Ökonomen. Langfristig seien tiefgreifende Finanzmarktreformen und eine Bankenunion erforderlich, um Staatsfinanzen und Kreditversorgung zu entkoppeln. Unentbehrlich sei aber auch ein geordneter Abwicklungsmechanismus für den Austritt von Staaten, die den Anforderungen des Fiskalvertrages nicht gerecht würden - wie etwa Griechenland.

Moody's bewertet Euro-Rettungsschirm neu

Logo der Ratingagentur Moody's in New York (dpa / picture alliance / Andrew Gombert)Logo der Ratingagentur Moody's in New York (dpa / picture alliance / Andrew Gombert)Unterdessen hat die US-Ratingagentur Moody's nun auch die Topbonität des Euro-Rettungsschirms EFSF gesenkt. Die Agentur stufte die Aussichten für die Kreditwürdigkeit des EFSF von stabil auf negativ ab. Zur Begründung verwies Moody's auf eine ähnliche Bewertung bei Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg am Vortag. Diese Länder zählen zu den Hauptgaranten des Rettungsschirms.

Zudem senkte Moody's auch den Bonitätsausblick für Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. Die Agentur begründete dies mit den engen finanziellen föderalen Wechselbeziehungen sowie den hohen Schulden der Bundesländer. Diese reagierten gelassen auf die Entscheidung. "Die Bonität der Bundesrepublik wird so hoch geschätzt, wie noch nie seit Anwendung der Ratingverfahren", sagte etwa Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU).

Debatte über US-Ratingagenturen

Zu den Gründen, warum Deutschland nicht besser behandelt wird als die USA, obwohl diese viel höher verschuldet sind, sagte Moody's-Analyst Dietmar Hornung dem "Handelsblatt": "Wir bestimmen Ratings nicht mechanisch nach Schuldenkennziffern. Und die USA sind nicht nur die größte Volkswirtschaft der Welt, sondern ein über einen langen Zeitraum gewachsener Währungsraum mit einem stabilen Finanz- und Notenbanksystem."

Die EU-Kommission kritisierte die Rolle der US-Ratingagenturen in der Eurokrise mit ungewohnt deutlichen Worten. "Es ist doch interessant, dass immer dann, wenn sich die haushaltspolitische Lage in den USA verschlechtert, bestimmte Rating-Agenturen Europa ins Rampenlicht rücken", sagte EU-Justizkommissarin Viviane Reding. Der Markt wird von den drei großen US-Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch dominiert. Nach Ansicht Redings hat Europa in den vergangenen drei Jahren "Riesenfortschritte" gemacht - "mit der soliden deutschen Wirtschaft als starken Anker und beeindruckenden Wachstumsmotor".

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:55 Uhr

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