Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Opern-Absetzung aus Furcht vor Anschlägen

Regisseur spricht von Hysterie

Die Deutsche Oper Berlin (Bernd Ulig)
Die Deutsche Oper Berlin (Bernd Ulig)

Die Deutsche Oper Berlin hat aus Angst vor islamistischen Protesten und Anschlägen die Mozart-Oper "Idomeneo" im November vom Spielplan genommen. Das Stück war für den 5. November als Wiederaufnahme einer Inszenierung von Hans Neuenfels aus dem Jahr 2003 geplant.

Einer Gefahrenanalyse des Landeskriminalamtes zufolge stellten Teile der Inszenierung, die sich mit dem Islam auseinandersetzen, "ein unkalkulierbares Risiko" für das Haus dar. Störungen könnten nicht ausgeschlossen werden. Allerdings habe die Polizei die Absetzung weder empfohlen noch angeordnet, teilte ein Polizeisprecher mit. Auch gab es keine konkreten Drohungen. Als Ersatz würden nun Mozarts "Le Nozze di Figaro" und Verdis "La Traviata" gegeben,

Neuenfels spricht von Hysterie


Der Regisseur Hans Neuenfels sprach von "Hysterie". Er sagte dem NDR, die Absetzung des Stückes sei vorauseilender Gehorsam. Es gehe nicht um eine Kritik am Islam, sondern um die individuelle Sicht Idomeneos auf jede Form von Religionsstiftung. In Mozarts "Idomeneo" wird die Geschichte vom gleichnamigen kretischen König erzählt, der in der Antike nach seiner Heimkehr vom trojanischen Krieg gezwungen ist, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im Epilog der Oper zieht der König die Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed aus einem Sack. Die Inszenierung hatte 2003 Premiere.

"Heftig in die Defensive geraten"


Am Dienstagnachmittag gab die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, eine Pressekonferenz. Sie verteidigte ihre Entscheidung und wies daraufhin, es habe eine Warnung der Sicherheitsbehörden gegeben. Als Intendantin sei sie sowohl für die Sicherheit des Publikums als auch des Ensembles verantwortlich. Sie sei "heftig in die Defensive geraten", meinte Theaterkritiker Uwe Friedrich nach der Pressekonferenz auf Deutschlandradio Kultur.

Politiker warnen vor Selbstzensur


Politiker aller Parteien und Künstler haben nach der Absetzung des Mozart-Werks vor Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam gewarnt. Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Bosbach sprach von einem Kniefall vor Terroristen. Kritisch äußerte sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit. Kulturstaatsminister Neumann erklärte, wenn die Sorge vor möglichen Protesten zur Selbstzensur führe, gerate die demokratische Kultur der freien Rede in Gefahr.

Mit Empörung hatte auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf die Absetzung der Oper reagiert. "Das ist verrückt", sagte Schäuble am Montagabend in Washington sichtlich aufgebracht. Eine solche Entscheidung sei lächerlich und absurd. Schäuble wurde davon während seines dreitägigen USA-Besuchs unterrichtet.

Der Präsident der Akademie der Künste Berlin, Klaus Staeck, forderte, zwischen Furcht und Respekt vor dem Islam zu unterscheiden. Gerade im Fall "Idomeneo" habe es nicht einmal konkrete Drohungen gegeben. "Ich glaube, wir müssen unser Recht auf Meinungsfreiheit verteidigen", sagte er im Deutschlandfunk.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:19 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 17:05 Uhr Kulturfragen

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:05 Uhr Studio 9 kompakt

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 16:00 Uhr Einhundert

Aus unseren drei Programmen

Ruben Östlund über seinen Film "The Square" Der Kunstszene den Spiegel vorhalten

Ein einen Affen mimender Künstler (Terry Notary) steht auf einem Tisch, die chic gekleideten Gäste blicken erschrocken zu ihm auf (Alamode-Film)

Die Kunstszene interessiere sich nur noch für das, was in ihrem Kosmos passiere, kritisiert der schwedische Regisseur Ruben Östlund. Das nehme er mit seinem Film "The Square" auf die Schippe. Ebenso den harten Kampf der Künstler um die kurze Aufmerksamkeit ihres Publikums.

Alltäglicher Sexismus"Dumme Sprüche sind Teil einer Vergewaltigungskultur"

Stefanie Lohaus, Missy Magazine (Deutschlandradio Kultur )

Bei sexualisierter Gewalt gehe es um die Ausübung von Macht, sagte die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Lohaus im Dlf. Es diene dazu, Frauen sozusagen auf ihren Platz zu verweisen, sie zu verunsichern. Hier grundsätzlich etwas zu verändern, werde sehr lange dauern, ein Hashtag werde da so schnell nichts ändern.

Zeitreise von Amerikas Sklaven zu #blacklivesmatterBlack America

Menschen demonstrieren in Ferguson gegen die Ermordung des Schwarzen Michael Brown. (dpa / picture alliance / Larry W. Smith)

Bei seiner Wahl begrüßte das schwarze Amerika Barack Obama wie einen lang ersehnten Heilsbringer. Auf einer ehemaligen Sklavenplantage in Georgetown und in der Chicagoer South Side geht der Autor der Frage nach: Hat sich in der Obama-Zeit etwas verändert oder nicht?

Der jüdische EruvWas die Schnur an Manhattans Straßenlaternen bedeutet

Straße in Manhattan, durch die Luft gespannt und an einer Laterne befestigt ist ein dünner Nylonfaden. (Kai Clement)

Der Eruv spannt sich in einem Teil Manhattans von Laternenmast zu Laternenmast. Der Nylonfaden ist fast unsichtbar und erleichtert doch das Leben vieler orthodoxer Juden, die hier leben. Korrespondent Kai Clement war bei der wöchentlichen Kontrolle dabei.

Die Krim nach der AnnexionLeben mit Sanktionen

Ein Bogen wird an der Brücke über die Meerenge von Kertsch errichtet. Die Brücke soll einmal 19 Kilometer lang werden und Russland mit der Halbinsel Krim verbinden. (imago / Sergei Malgavko / TASS)

Das Leben auf der Krim dreieinhalb Jahre nach der russischen Annexion: Güter müssen aufgrund der Sanktionen per Flugzeug oder Fähre aus Russland angeliefert werden, was sie teuer macht. Die Tourismussaison war ein Flop. Doch die meisten Menschen sind guter Dinge. Gegen Kritiker wird allerdings mit aller Härte vorgegangen.

Pro Quote Bühne "Das Publikum hat ein Recht auf Qualität und Vielfalt"

Die Schauspieler Marcel Kohler und Lorna Ishema bei einer Fotoprobe zum Theaterstück "Unterwerfung" 2016 im Deutschen Theater in Berlin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Theater werden zu 80 Prozent von Männern geleitet. Nur bei den Souffleusen, also im Niedriglohnbereich, ist das Verhältnis umgekehrt. Angelika Zacek vom Verein Pro Quote Bühne fordert die Häuser auf, in der nächsten Spielzeit 50 Prozent Regisseurinnen zu engagieren.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Berlin  Tausende bei Demo gegen Rassismus im Bundestag | mehr

Kulturnachrichten

Künstler fordern Freiheit für Serebrennikow | mehr

 

| mehr