Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Organspendeskandal: Offenbar noch weitere Personen unter Verdacht

Gesundheitsminister lädt zum Krisentreffen ein

Auch am Universitätsklinikum Regensburg wird ermittelt (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Auch am Universitätsklinikum Regensburg wird ermittelt (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Der von Regensburg beschuldigte Oberarzt ist nach einem Zeitungsbericht wahrscheinlich nicht der einzige, der in der Organspendeaffäre im Visier der Ermittler ist. Gesundheitsminister Bahr fordert eine lückenlose Aufklärung und lädt zu einem Spitzengespräch ein.

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass die Zahl der Lebertransplantationen an der Uniklinik Regensburg auch nach dem Weggang des Mediziners 2008 zunahm - und zwar binnen Jahresfrist um mehr als 40 Prozent auf 69 Fälle. Eine solche Steigerung gilt dem Blatt zufolge als ungewöhnlich, da selbst in den größten Transplantationszentren in Deutschland nur rund 100 Lebern pro Jahr verpflanzt werden. Die Prüfungen stünden noch am Anfang, sagte dazu der stellvertretende Sprecher der Staatsanwaltschaft Regensburg, Markus Pfaller.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) beantwortet vor der Bundespressekonferenz in Berlin Fragen von Journalisten. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Eine Spitzenrunde bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) soll Ende des Monats über Schlussfolgerungen aus dem Organtransplantations-Skandal beraten. Daran sollen unter anderem der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Deutsche Stiftung Organtransplantation sowie die Stiftung Eurotransplant, die Deutsche Transplantationsgesellschaft und die Bundesärztekammer teilnehmen. "Ich erwarte Vorschläge, wie künftig Manipulationen und andere Verstöße besser zu verhindern sind", sagte Bahr. Neben der lückenlosen Aufklärung der Vorfälle solle gemeinsam über Konsequenzen beraten werden. "Das sind wir den Menschen auf der Warteliste, den Spendern und ihren Angehörigen schuldig", sagte er.

Montgomery übt Kritik an Behörden

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (picture alliance / dpa / Bodo Marks)Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, attackierte die bayerischen Behörden. Im rbb-Inforadio sagte er, der verdächtige Oberarzt aus Regensburg sei schon 2005 ins Visier der Ermittler geraten. "In Bayern haben gerade die staatlichen Gremien versagt, denn wir haben damals mit der Selbstverwaltung diesen Fall aufgedeckt. Wir haben mit den bayerischen Institutionen gesprochen. Niemand hatte auch nur die Spur eines Interesses, diesen Fall damals zu verfolgen", sagte Montgomery.

Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (CSU) hat daraufhin die Vorwürfe von Montgomery zurückgewiesen. Im Gegensatz zu seinen Äußerungen hätten die bayerischen Behörden umgehend auf den Vorfall im Jahr 2005 reagiert. Das Sozialministerium hätte den Vorgang unverzüglich an die Staatsanwaltschaft Regensburg zur Prüfung weitergeleitet. Die hatte dann aber das Ermittlungsverfahren eingestellt.

Schärfere Kontrollen gefordert

Montgomery verlangte als Konsequenz aus dem Skandal schärfere und flächendeckende Kontrollen bei Transplantationen. Die Überprüfungen müssten zudem stärker mit staatlicher Kontrolle verzahnt werden, sagte der Präsident der Bundesärztekammer im WDR. Von rein staatlicher Aufsicht über Kliniken halte er dagegen nichts. Im aktuellen Organspendeskandal zeige sich am Beispiel Regensburg, dass die staatliche Kontrolle versagt habe.

Der Skandal um die Zuteilung von Organspenden war vor zwei Wochen aufgekommen, weil ein Oberarzt zuerst in Regensburg und später im Göttinger Uniklinikum Krankenakten gefälscht haben soll. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den betreffenden Patienten schneller eine neue Leber implantiert wurde - obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten. Der Arzt, der seit November vom Dienst suspendiert ist, bestreitet nach Angaben der Göttinger Klinik die Vorwürfe.

Derzeit warten in Deutschland rund 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Experten befürchten, dass der Skandal um gefälschte Daten von Organempfängern am Göttinger Universitätsklinikum zu einem Rückgang der Organspende-Bereitschaft führt.


Mehr zum Thema:

Ein "Super-GAU der Transplantationsmedizin" - Der Direktor der Essener Uniklinik Eckhard Nagel zum Manipulationsverdacht um Organtransplantationen
"Wir haben bis jetzt geglaubt, wir bräuchten kein Kontrollsystem" - Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation zu Manipulationen in Göttingen
Henke: Mangel an Spenderorganen lässt sich nicht allein gesetzlich regeln - Chef des Marburger Bundes zur Reform des Transplantationsgesetzes

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 06:10 Uhr Geistliche Musik

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 04:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

InternetDer Lifestyle der Zukunft

Ein Besucher erlebt Virtual Reality beim Hewlett Packard Enterprise Experience Center of Futre Cities in Qingao, China, am 16.11.2016. (imago / Zuma Press)

Auch im Lifestylebereich wird im Internet an der Zukunft gebastelt. Die "Echtzeit" schaut auf "Instawalks" genannte Kreativspaziergänge, auf Foodfilme, die Kochbüchern Konkurrenz machen, Sex in der virtuellen Welt und auf Verbesserungen beim Online-Shopping.

SafeshortsLaufhose schlägt Alarm bei sexueller Gewalt

Sandra Seilz verkauft Sporthosen, die Frauen vor sexueller Gewalt schützen sollen. Die Safeshorts, die sie auch selbst erfunden hat, haben einige technische Tricks, die sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen verhindern sollen.

SOHN über die Rechten und "Rennen""Meine Generation will nicht hinschauen"

Sänger Christopher Taylor (SOHN / Sohn) während eines Auftrittes im Rahmen des Melt! Festival 2014 am 20.07.2014 in Ferropolis, Gräfenhainichen.  (imago / StarMedia)

Den Aufstieg der politischen Rechten könne man nicht behandeln, als ginge es um ein Facebook-Like, sagte Christopher Taylor alias SOHN im DLF. Dass eine Generation nicht hinsehen wolle, habe es in der Geschichte schon mal gegeben. Der Brexit, Trump und die Ausländerfeindlichkeit hätten ihn zu einem Song auf seinem neuen Album "Rennen inspiriert.

Sundance-Filmfestival eröffnetWeltpremiere von Helene Hegemanns "Axolotl Overkill"

Jasna Fritzi Bauer als Mifti in "Axolotl Overkill" von Helene Hegemann (© 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün)

Das Sundance Filmfestival in Utah ist eröffnet. Am heutigen Samstag war dort "Axolotl Overkill" von Helene Hegemann als deutscher Beitrag im internationalen Wettbewerb zu sehen. Wir waren bei der Premiere.

US-AuslandssenderSorgen um die Zukunft unter Trump

Logo and satellite dishes at the headquarters of Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) in Prague, Czech Republic, July 18, 2013. (picture alliance / dpa / Martin Sterba)

Radio Free Europe gibt es seit 1950, es soll unabhängigen Journalismus für Osteuropa und darüber hinaus garantieren. Doch mit dem Amtsantritt von Donald Trump gibt es nun Zukunftssorgen beim US-Auslandsrundfunk - denn der Präsident kann dort direkt eingreifen.

Projekt TundukAbenteuer-Skifahren in Kirgistan

Eisige Kälte, Nächte im Zelt, Tage ohne Dusche oder Toilette. Wer Bock auf Skifahren und Abenteuer hat, liegt mit einer Tour nach Kirgistan genau richtig. Marco Senteler hat dafür das Projekt Tunduk gegründet und will mehr Touristen im Winter in die zentralasiatische Republik locken.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Trump  Weißes Haus droht Medien wegen angeblich falscher Berichte | mehr

Kulturnachrichten

Dänisches Aarhus eröffnet Kulturhauptstadtjahr  | mehr

Wissensnachrichten

Navigation  Ameisen finden den Weg auch rückwärts | mehr