Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Pandorabüchse oder Sicherheitspolster?

Echo auf EZB-Kaufplan für Staatspapiere unterschiedlich

Kurssprünge in Frankfurt, Madrid und Mailand (AP)
Kurssprünge in Frankfurt, Madrid und Mailand (AP)

Die europäische Zentralbank hat sich entschieden: Sie will weiter Staatsanleihen von EU-Ländern in Geldnot kaufen. Die Börsen reagierten positiv: Der deutsche Aktienindex DAX schrammte ganz knapp unter seinem Jahreshoch vorbei. Politiker und Ökonomen sind dagegen skeptisch.

Im Tagesverlauf legten die Schwergewichte der Frankfurter Börse um rund 2,7 Prozent zu. Noch stärker aufwärts ging es in Madrid, wo der IBEX knapp 4,5 Prozent gewann, und an der italienischen Leitbörse Mailand mit einem Plus von fast vier Prozent. "Investoren im Euroraum haben nun mehr Sicherheit", sagte ein Händler in Frankfurt, und Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg, formulierte: "Draghi hat geliefert."

EZB-Chef Mario Draghi begründete die "Lieferung" mit den "schwerwiegenden Verzerrungen" auf den Märkten, die bekämpft werden müssten. Voraussetzung für die Ankäufe sei, dass die betreffenden Länder mit den Mechanismen der Rettungsschirme EFSF oder ESM zusammenarbeiten. Der Rat der EZB werde dann im Einzelfall über den Umfang der Stützungskäufe befinden. Eine konkrete Obergrenze für die Ankäufe nannte Draghi nicht. Der Schwerpunkt soll auf kurzfristigen Papieren liegen, Anleihen mit Laufzeiten unter drei Jahren.

Der Justizminister und Vorsitzende der FDP in Hessen, Jörg-Uwe Hahn (picture alliance / dpa)Jörg-Uwe Hahn, FDP-Vorsitzender und Europaminister in Hessen (picture alliance / dpa)Völlig unzufrieden mit der EZB-Entscheidung ist Jörg-Uwe Hahn. Der hessische FDP-Vorsitzende sprach in der "Handelsblatt"-Online-Ausgabe von einem rabenschwarzen Tag für Europa: "Draghi bastelt an einer gigantischen Finanzblase und bringt somit den Euro als Ganzes in Gefahr." Das Versprechen, die Geldmenge stabil zu halten - und damit auch die Inflation - sei schon heute unglaubwürdig. Hahn forderte eine Klage gegen die EZB.

Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier sieht in der EZB-Entscheidung ein "Dokument des Scheiterns" der Bundeskanzlerin. Angela Merkel wisse, dass sie im Bundestag keine Mehrheit für weitere Rettungsschirme habe. Die Zentralbank sei die letzte handlungsfähige Einrichtung der Eurozone. "Ihr Eingreifen ist die einzige verbleibende Möglichkeit, die Spekulation gegen den Euro einzudämmen", so Steinmeier. Steinmeiers Parteifreund, der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, unterstützt das Kaufprogramm dem Prinzip nach.

Ökonom: Deutsche Haftungssumme unklar

Deutliche Worte kamen auch vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. "Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet. Das kriegt man nicht mehr zurück", sagte der Direktor des arbeitgebernahen Forschungshauses, Michael Hüther. Für das Münchener IFO-Institut sieht dessen Konjunkturchef Kai Carstensen eine klare Begrenzung der deutschen Haftungssumme "in weite Ferne" gerückt.

Einer der möglichen Adressaten des EZB-Programms, der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy, äußerte sich heute zurückhaltend. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzlerin Merkel sagte Rajoy, er könne noch nicht sagen, ob Spanien diese Unterstützung in Anspruch nehmen werde. Die Tageszeitung "El País" weist auf einen plausiblen Grund für das Zögern des spanischen Regierungschefs hin: Bisher habe das Land die Rettungsmechanismen EFSF und ESM umschiffen können - durch das Kleingedruckte des EZB-Kaufprogramms, das die strengen Aufsichtsregeln dieser Schutzkonstruktionen verlangt, könnte Spanien nun doch zum Bittsteller werden.

Lesen Sie dazu auch auf deutschlandradio.de:

Die EZB verspielt durch Anleihekaufprogramm ihre Glaubwürdigkeit Kommentar von Eva Bahner (DLF)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:10 Uhr Hintergrund

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Bundeswehreinsatz im InnernErst mal sehen, was realistisch ist

Soldaten bergen während einer Übung einen Kameraden, der einen verletzten Soldaten simuliert, und transportieren ihn in ein gepanzertes Transportfahrzeug. (dpa)

Vor der für Februar geplanten Übung von Polizei und Bundeswehr müsse erst über Szenarien nachgedacht werden, die realistisch seien, meint Falk Steiner. Dabei müsse geklärt werden, wie die Bundeswehr tatsächlich helfen könne. 

Historiker Martin Sabrow "Die Bedeutung wächst mit der Zeit"

Das Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das!" steht auf einem wolkenförmigen Schild beim Rosenmontagszug in Köln im Februar 2016. (imago/Chai von der Laage)

"Wir schaffen das": Dieser Satz, vor einem Jahr von Angela Merkel gesprochen, wurde zum geflügelten Wort und hat viele Vorgänger. Er weckt Assoziationen an Obamas "Yes we can" oder Brandts "Mehr Demokratie wagen". Was braucht es zu einem Satz für die Ewigkeit?

Kapitulation der KünsteDer Reiz des Scheiterns

Tocotronic im April 2015 in Hamburg (picture alliance / dpa / Foto: Henrik Josef Boerger)

Der Soziologe Richard Sennett hat Scheitern als ein Tabu der Moderne bezeichnet. Erfolg und Karriere sind heute mehr denn je gefragt. Doch ist das Scheitern nur Misslingen? Oder kann sich aus der scheinbaren Niederlage nicht zugleich etwas ungeahnt Neues entwickeln?

Integrationspolitik"Es ist nicht klar, welche Werte wir vertreten wollen"

Ahmad Mansour, Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy (Imago / Jens Jeske)

Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour hat sich für einen Dialog über Werte in unserer Gesellschaft ausgesprochen. Erst dann könne Deutschland Zuwanderern klar machen, "was diese Gesellschaft tolerieren kann und was nicht", sagte der Programmdirektor der European Foundation for Democracy im DLF.

IntegrationVon der Sehnsucht nach Patentante und Butterbrotpapier

Türkisch singen diese deutschen und türkischen Kinder in einer Klasse. (dpa/ picture-alliance/ Rainer Jensen)

Sich integrieren, sich assimilieren innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft – dazu ist Sprache besonders wichtig. Aber ist das alles? Die Publizistin Dilek Güngör denkt an ihre Kindheit zurück und beschreibt, was "Anders-Sein" eigentlich ausmacht.

Ein Jahr "Wir schaffen das"Ankommen in Deutschland

Vor einem Jahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Credo ausgegeben: "Wir schaffen das!" Damit das am Ende wirklich funktioniert, packen viele Deutsche ehrenamtlich mit an. Das Wichtigste für die Flüchtlinge: Deutsch lernen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Machtwechsel in Brasilien  Temer ist neuer Präsident | mehr

Kulturnachrichten

Festival Pop-Kultur in Neukölln gestartet  | mehr

Wissensnachrichten

Sachsen  AfD-Politiker wünscht sich Merkels Terrortod | mehr