Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Pfarrer, Politiklehrer und designierter Bundespräsident

Porträt über Joachim Gauck

Von Thorsten Jabs

Joachim Gauck: "Auf Grund von Wahrheit werden Menschen versöhnungsbereit." (picture alliance / dpa /Thomas Frey)
Joachim Gauck: "Auf Grund von Wahrheit werden Menschen versöhnungsbereit." (picture alliance / dpa /Thomas Frey)

Unterdrückung, Fehler, Versöhnung, Wahrheit, Freiheit – das sind Begriffe, mit denen sich Joachim Gauck sein ganzes Leben auseinandersetzt. 1940 in Rostock geboren, arbeitet er in der DDR als Pfarrer und wird nach der Wende der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit.

Als Politiklehrer möchte Joachim Gauck auch als Bundespräsident unterwegs sein. Seine Bitte: Fehler gütig zu verzeihen und nicht zu erwarten, dass er ein Supermann oder ein fehlerloser Mensch ist. Ein Manuskript hatte der nach eigener Aussage ein wenig verwirrte 72-Jährige nicht – aber das scheint er auch nicht zu brauchen:

Gauck: "Viel lieber rede ich so, wie es mir aus dem Herzen und aus dem Mund kommt."

Unterdrückung, Fehler, Versöhnung, Wahrheit, Freiheit – das sind Begriffe, mit denen sich Joachim Gauck beruflich und privat sein ganzes Leben auseinandersetzt. 1940 in Rostock geboren, macht er schon früh Bekanntschaft mit der Diktatur: Sein Vater, Kapitän und Hafenarbeiter, wird 1951 von den Sowjets verhaftet, zur Zwangsarbeit nach Sibirien geschickt und vier Jahre später begnadigt. Für die ARD-Dokumentation "Joachim Gauck: Gelebte Freiheit" beschreibt er seine Gefühle, wenn er an den Überresten der Berliner Mauer an der Bernauer Straße spazieren geht:

"Plötzlich wird die Freiheit wieder so wichtig und sie ist dann in mir, als wäre sie in mir zu Hause. Es ist ein warmes und liebevolles Gefühl. Und das hängt, damit zusammen, dass ich sie solange vermisst habe."

Gauck schließt sich weder den Jungen Pionieren noch der FDJ an. Das Germanistik-Studium wird ihm verwehrt – er entscheidet sich für evangelische Theologie. In der 70er-Jahren gründet er im Rostocker Neubaugebiet Evershagen eine Gemeinde und wird Stadtjugendpfarrer. 1988 erhält er die Gelegenheit, in seiner Stadt auf dem Kirchentag gegen das Regime zu sprechen:

"Was außenpolitisch mehr und mehr gilt, nämlich Abrüstung, will und muss in das Innere dieses unseres Landes!"

Die Rostocker Marienkirche wird 1989 zu einem Ort der Freiheit – Gauck leitet die Gottesdienste mit kritischen Predigten – elektrisiert, wie er sagt, durch das Motto "Wir sind das Volk":

"Wenn wir das Volk sind, dann sind wir doch auch verantwortlich! Dann können wir nicht immer bloß abwarten! Wir müssen raus! Und ich spürte auf der einen Seite die Angst, die in uns saß, und auf der anderen Seite die Sehnsucht nach Freiheit. Und irgendwann stand ich hier vorne an der Stelle und hab gesagt: Wir sagen unserer Angst auf Wiedersehen! Ich schluckte, weil ich hatte das noch nicht probiert, ohne Angst zu leben, die ging immer mit uns, und die Leute merkten, wie ich so schluckte, und klatschten Beifall. Sie spürten: Ja, wir müssen uns endlich von diesem Bann der Angst lösen!"

Wie groß und umfassend dieser Bann der Angst tatsächlich war, erlebt Joachim Gauck ab Oktober 1990 als Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit. Für ihn ist es wichtig, den Menschen ihre Biografie zurückzugeben, für gleiches Wissen bei Unterdrückern und Unterdrückten zu sorgen, für Rehabilitation und Wiedergutmachung, für Strafverfolgung und dafür, dass Spitzel nicht wieder in höheren Ämtern arbeiten dürfen. Bald wird die Behörde mit seinem Namen verbunden. Öffentliche Kritik bleibt zwar nicht aus, aber Gauck kann Geschichten aus seinem eigenen Leben erzählen, bewegend und bewegt redet der Mann des Glaubens darüber, wie er nach der Wende erfährt, wie er von Freunden bespitzelt wurde. Gauck schafft es trotzdem, versöhnlich aufzutreten. Denn für ihn ist Versöhnung ganz einfach:

"Wenn derjenige, der etwas getan hat, die Wahrheit sagt und auf Grund von Wahrheit werden Menschen versöhnungsbereit - sofort und unmittelbar. Und wenn zu dieser Wahrheit auch noch im Grunde Schuldeingeständnis gehört und manchmal vielleicht ein bisschen Reue, dann läuft das ganz von selbst mit der inneren Einheit und der Versöhnung."

Versöhnlich präsentiert er sich auch bei seinem Auftritt mit der Bundeskanzlerin – auch wenn er es im Juni 2010 als Kandidat von SPD und Grünen nicht schafft, Bundespräsident zu werden. Jetzt könnte der Politiklehrer vielen allein durch seine Biografie ein Vorbild sein – schon als Pfarrer war ihm nichts Menschliches fremd, als Bürgerrechtler ist er vorangeschritten – diesen Mut zur Verantwortung möchte er als Bundespräsident weitergeben.

Links bei dradio.de:

Wie die Gauck-Kür fast Schwarz-Gelb zerriss - <br> Kandidatenwahl belastet die Koalition

Einigung auf Gauck - <br> Entscheidung bei der Suche nach dem Bundespräsidenten

Gauck soll neuer Bundespräsident werden - <br> Ein parteiübergreifender Kandidat ist gefunden

Helau, Herr Bundespräsident! - <br> Vom Wulff-Wagen zum Ja für Gauck in der Mainzer Fastnacht

"Das war pure Verantwortung" - Interview mit Joachim Gauck als Bundespräsidenschaftskandidat 2010 in der Sendung "Tacheles"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:05 Uhr Medientag

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Ein Jahr "Wir schaffen das""Mehr zustande gebracht, als uns zugetraut wurde"

Kanzleramtsminister Peter Altmaier spricht im Mai 2016 in Berlin. (imago / Xinhua)

Kanzleramtsminister Peter Altmaier hat eingeräumt, dass zu Beginn der Flüchtlingskrise "manche Erwartungen nicht erfüllt" wurden. Inzwischen seien auf europäischer Ebene mit dem Schutz der Außengrenzen aber Fortschritte erzielt worden, sagte er im DLF. Und Deutschland habe sich seiner "humanitären Verantwortung" gestellt.

Gülen-BewegungSchulen gründen, warum nicht?

Fethullah Gülen (dpa/picture-alliance)

Schulen gründen, die Heilige Schrift studieren, Einfluss auf die Gesellschaft nehmen: Die Bewegung des Predigers Fetullah Gülen steht dafür im Kreuzfeuer der Kritik. Für den Jesuitenpater Klaus Mertens klingen die Anliegen der Bewegung jedoch vertraut - und gar nicht anrüchig. Eine Verteidigung.

FacebookChaos bei den Trending Topics

Im Mai musste sich Facebook gegen Vorwürfe der Konservativen in den USA wehren, sie würden die Trending Topics manipulieren und Nachrichten mit ihrer Weltsicht benachteiligen. Eine Untersuchung ergab zwar keine Hinweise auf eine Verzerrung, trotzdem wurden die 15 Mitarbeiter des Trending Topics Team jetzt entlassen. Die Folge: Chaos im Newsstream.

Freihandelsabkommen"TTIP-Verhandlungen sind noch nicht gescheitert"

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Martin Wansleben. (imago / Metodi Popow)

Anders als Sigmar Gabriel gibt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP noch nicht auf. Der Bundeswirtschaftsminister sei gut beraten, sich für die Interessen der Wirtschaft einzusetzen, sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben im DLF.

Verschwundene in MexikoVerbrechen mit staatlicher Beteiligung

Studenten mehrerer Universitäten forden in Mexiko-Stadt Aufklärung über das Schicksal von 43 verschwundenen Studenten. Niemand mehr, niemals – steht über dem Museumseingang.  (picture alliance / dpa / EFE / Alex Cruz)

27.000 Menschen gelten in Mexiko offiziell als verschwunden. Viele liegen verscharrt in versteckten Massengräbern. Angehörige suchen oft vergebens nach ihnen, manche seit Jahrzehnten. Ein Museum in Mexiko-Stadt hält die Erinnerung an sie wach.

Schräger Komiker Schauspieler Gene Wilder gestorben

Der Schauspieler Gene Wilder (Aufnahme von 1971).  (imago)

"Frankenstein Junior", "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Die Glücksritter": Schräge Rollen in skurrilen Komödien machten Gene Wilder berühmt. Nun trauert die Filmwelt um den Komiker.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

EU-Kommission  Apple muss in Irland bis zu 13 Milliarden Euro Steuern nachzahlen | mehr

Kulturnachrichten

Neues Museum für moderne Kunst in den Niederlanden  | mehr

Wissensnachrichten

Skandinavien  Ehelosigkeit ist offenbar gut für die Frauenrechte | mehr