Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Pfeiffer: Bischöfe wollten Missbrauchsstudie zensieren

Untersuchung über sexuelle Gewalt von Priestern vor dem Aus

Gefaltete Hände eines katholischen Bischofs (dpa / picture alliance / Frank May)
Gefaltete Hände eines katholischen Bischofs (dpa / picture alliance / Frank May)

Die katholische Kirche will den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch vieler Kinder und Jugendlicher in ihren Einrichtungen wissenschaftlich untersuchen lassen. Diese Studie droht jetzt zu scheitern: Die beauftragten Forscher und Kirchenvertreter erheben schwere Vorwürfe gegeneinander.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgeschichte droht zu scheitern. Die Bischofskonferenz hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen um eine Expertise gebeten, berichtet Claudia van Laak. Doch der Streit zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer, ist eskaliert. Die Studie, aus der einige Bistümer bereits ausgestiegen sind, steht vor dem Aus.

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)Der Streit hat sich am nachträglichen Wunsch der Kirche entfacht, die Veröffentlichung von Ergebnissen zu reglementieren und notfalls zu verbieten. Die Kirche stößt sich dabei am Auftreten Pfeiffers und sieht das Vertrauensverhältnis als zerrüttet an. Pfeiffer sieht sich dagegen zensiert. Im Deutschlandfunk sagte er: "Sie hatten uns dann plötzlich (...) Vorschläge zugeleitet, dass der Vertrag geändert werden sollte, und sie verlangten eindeutig, dass alle Texte ihnen zur Genehmigung vorzulegen sind, und sie machten uns in diesem Vertragstext klar, dass sie dann auch das Recht haben, die Veröffentlichung von Texten zu verbieten." Darüber hinaus habe die Kirche ein Mitspracherecht bei der Anstellung neuer Mitarbeiter des Instituts gefordert. Dies widerspreche jeglichen Grundsätzen der wissenschaftlichen Forschung, sagte Pfeiffer. Er sprach von Hinweisen, dass in mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet worden seien. Der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, widersprach dieser Darstellung. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er: "Für eine Vernichtung von Täterakten habe ich keinerlei Anhaltspunkte."

Pläne über Studie unter anderer Leitung

Doch ein Scheitern der Studie ist noch nicht besiegelt: "Ob mit Pfeiffer oder ohne, das Projekt läuft weiter", sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Beide Seiten hätten sich bis Ende dieser Woche eine Frist gesetzt, um über den Fortgang der Studie zu entscheiden.

Das Forschungsvorhaben war von der Kirche als ein Baustein gedacht, um die Problematik zu analysieren, neue Missbrauchsfälle zu verhindern und Vertrauen zurückzugewinnen. Es sollte die weltweit umfangreichste Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche werden. Die Kriminologen sollten für die Untersuchung Einblicke in Personalakten der Katholiken seit 1945 erhalten. Zur Wahrung des Datenschutzes hätte das Institut anonymisierte Daten aus den Akten erhalten, die Archivmitarbeiter und geschulte Juristen sichten sollten. Damit hätten erstmals kirchenfremde Fachleute Zugang zu den Kirchenarchiven erhalten. Genau dagegen hatten konservative Priester protestiert.

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen will seine Studie auch fortsetzen, wenn ihm die Kirche den Auftrag dazu entziehen sollte - womit Pfeiffer in den nächsten Tagen rechnet. Er rief alle Opfer von Missbrauchsfällen in der Kirche auf, freiwillig an dem Projekt mitzumachen. Anonymität sei gewährleistet.

Erste Schritte der Aufarbeitung

Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (dpa / Fredrik Von Erichsen)Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz (dpa / Fredrik Von Erichsen)Der Missbrauchsskandal hatte im Jahr 2010 die katholische Kirche erschüttert. Erste Verdachtsfälle kamen am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten ans Licht. In den folgenden Wochen wurden es immer mehr, unter anderem im oberbayerischen Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen. Der Augsburger Bischof Walter Mixa bot nach Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Heimkinder und zunehmendem öffentlichen Druck dem Papst seinen Rücktritt an, der diesen akzeptierte. Mehrere Priester wurden beurlaubt oder in den Ruhestand versetzt, etwa in Würzburg und Köln.

Die Deutsche Bischofskonferenz ernannte den Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Beauftragten für das Thema und beschloss neue Leitlinien. Eine Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer und deren Angehörige wurde eingerichtet, Experten boten Betroffenen hier bis Ende 2012 Hilfestellung. Die Kirche entschädigte zudem hunderte Opfer mit bis zu 5000 Euro, in Einzelfällen gab es auch mehr Geld.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Zwischentöne

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 14:05 Uhr Religionen

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 12:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Humanitäre Katastrophe in Afrika"20 Millionen Menschen sind akut vom Hungertod bedroht"

Jean Ziegler bei der lit.Cologne 2017. (imago - APress)

Der Soziologe Jean Ziegler fordert mehr Mittel für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Durch weniger Beitragszahlungen und Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel könne die Organisation vom Hunger bedrohte Menschen in Afrika nicht ausreichend mit Hilfsmitteln versorgen, sagte er im Deutschlandfunk.

Buch über das männliche GeschlechtsteilDer Penis-Versteher

Detail des Gipsabgusses einer antiken Skulptur, die auf dem Campus der Friedrich-Schiller-Universität Jena aufgestellt ist (Foto vom 23.11.2010). Foto: Jan-Peter Kasper/FSU | Verwendung weltweit (dpa picture-aliance / Jan-Peter Kasper)

Kein Ratgeber für mehr Standfestigkeit, sondern eine unterhaltsame und kenntnisreiche Annäherung ans männliche Geschlechtsteil: Gerhard Staguhns "Der Penis-Komplex" ist ein erzählendes Sachbuch für Männer und Frauen – und ein Plädoyer dafür, die eigene Sexualität zu erforschen.

Das perfekte Buch für den Moment… wenn du dein Deo vergessen hast

Damien verabscheut die Menschen. Sie sind nicht sauber, riechen nicht gut und essen schlechtes Zeug. Er hat sich zurückgezogen. Erst entdeckt erst seine Liebe zu Stinktieren, dann zu einer "Fischfrau". "Skunk" von Justin Courter ist das perfekte Buch für den Moment, wenn du dein Deo vergessen hast.

Agenda 2010"Es ist immer wieder gut, Dinge in Frage zu stellen"

BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise nimmt am 25.02.2016 in Berlin im Haus der Wirtschaft an der Veranstaltung "Ankommen in Deutschland", dem Aktionsprogramm der Industrie- und Handelskammern zur Integration von Flüchtlingen teil. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, hat die Agenda 2010 gelobt und sich zugleich für Änderungen ausgesprochen. Berufe, Arbeitsverträge und Arbeitsorte veränderten sich. Deshalb könne man erwarten, dass die Politik diese Entwicklungen nach vorne gerichtet unterstütze, sagte er im Deutschlandfunk.

Aretha Franklins GeburtstagSoul-Ikone und Bürgerrechtlerin feiert 75.

Aretha Franklin  (picture alliance / dpa / Ron Sachs)

Aretha Franklin sang für Martin Luther King und bei der Amteinführung von Barack Obama, die afroamerikanische Sängerin gilt als eine der erfolgreichsten Musikerinnen überhaupt. Nun ist die Soul-Diva 75 Jahre alt geworden - und denkt über einen Abschied von der Bühne nach.

BuchprojektAuf einen Coffee to go nach Togo

Ein leerer Starbucks-Kaffeebecher (dpa picture alliance / Inga Kjer)

Coffee to go kennen wir alle. Bloß wo kommt eigentlich der echte Kaffee Togo her? Markus Weber wollte es wissen und machte sich auf den Weg. Mit dem Fahrrad nach Togo, durch 26 Länder, 14.000 Kilometer. Daraus entstand sein Buch "Ein Coffee to go in Togo".

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Russland  Oppositioneller Nawalny bei Demonstration festgenommen | mehr

Kulturnachrichten

Schönstes Buch der Welt  | mehr

 

| mehr