Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Pflegezeit stößt auf wenig Interesse

Bundesweit weniger als 200 Anträge gestellt

Nur wenige Angehörige nutzen die Möglichkeit der Pflegezeit
Nur wenige Angehörige nutzen die Möglichkeit der Pflegezeit (AP)

Seit Januar 2012 können Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduzieren, um Angehörige daheim zu betreuen. Doch einem Bericht zufolge haben bislang weniger als 200 Menschen das Angebot wahrgenommen. Die Reform von Familienministerin Schröder entpuppt sich als Flop.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) wollte mit der Pflegezeit die Möglichkeit schaffen, "Beruf und Pflege eines Angehörigen besser miteinander zu vereinbaren". Doch nun zeigt eine vorläufige Statistik des Bundesfamilienministeriums, dass nur wenige Beschäftigte die Möglichkeit auch nutzten, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Demnach haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Gesetz in den ersten zwölf Monaten des Bestehens in nicht mehr als 200 Einzelfällen genutzt.

Die Zeitung zitiert das Bundesfamilienministerium, wonach beim zuständigen Bundesamt erst 135 Anträge für die Familienpflegezeit gestellt wurden. Zum Teil sei dabei nur die Ausfallversicherung in Anspruch genommen worden, die Arbeitgeber wegen des Risikos abschließen müssen, dass ein Arbeitnehmer den Vorschuss nicht mehr selbst abarbeiten kann - etwa weil er früh stirbt. In 46 Fällen seien Darlehen von insgesamt 36.000 Euro pro Monat ausgezahlt worden.

Schröder fordert Unterstützung von Gewerkschaften und Betriebsräten

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, CDUBundesfamilienministerin Kristina Schröder, CDU (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Ein Sprecher Schröders sagte der Zeitung, solche gesellschaftlichen Vorhaben bräuchten eine Anlaufzeit. Dies habe das Beispiel der ähnlich organisierten Altersteilzeit gezeigt, die nach zehn Jahren 100.000 Teilnehmer hatte. Nötig sei die Unterstützung von Gewerkschaften und Betriebsräten, "damit aus der Möglichkeit zunehmend die Regel wird". Darüber hinaus gebe es gar keine offizielle Statistik über die Familienpflegezeit.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hielt dagegen, die Zahlen belegten, dass das Gesetz nicht notwendig sei. Die stellvertretende Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Ingrid Sehrbrock, sprach von "überkomplexen Regelungen". Ohne Rechtsanspruch fehlten dem Gesetz "die soziale Prägekraft" und der "soziale Mindeststandard".

Seit Anfang 2012 können Beschäftigte ihre Arbeitszeit über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren auf bis zu 15 Stunden reduzieren, wenn sie zu Hause einen Angehörigen pflegen. Sie erhalten eine Art Lohnvorschuss, der nach dem Ende der Pflegezeit ausgeglichen wird, indem zunächst weiterhin ein reduziertes Gehalt bei voller Arbeitszeit gezahlt wird. Ein Rechtsanspruch auf Pflegezeit besteht nicht. In Deutschland werden laut der "Süddeutschen Zeitung" mehr als 1,6 Millionen Menschen von Angehörigen und ambulanten Diensten zu Hause gepflegt.

"Die Pflegezeit ist völlig lebensfremd"

Markus Kurth hält das Gesetz zur Pflegezeit für lebensfremdMarkus Kurth hält das Gesetz zur Pflegezeit für lebensfremd (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)Aus Sicht des sozialpolitischen Sprechers der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Markus Kurth, war der Flop absehbar: "200 ist ziemlich wenig, damit hätte ich auch nicht gerechnet", sagte er im Deutschlandfunk: "Dass es nicht viel wird, war allerdings zu erwarten."

Nach Kurths Worten ist die Befristung auf zwei Jahre "völlig lebensfremd". Möglicherweise werde der Gesundheitszustand der Mutter nach den zwei Jahren, in denen man sich dafür entschieden habe, sie zu pflegen, noch schlimmer, und dann habe man seine Auszeit schon genommen. Vor diesem Hintergrund sei die Pflegezeit auch nicht mit der Altersteilzeit oder der Elternzeit zu vergleichen, meinte der Grünen-Politiker. Die Entwicklung eines Kindes sei viel besser planbar. Für Kurth fügt sich die Pflegezeit in die "Schritte der Symbolpolitik von Ministerin Schröder" ein: Großelternzeit, Flexiquote, eine Hotline für Linksextremisten, bei der es nur einen Anruf gegeben habe - alles habe in der Realität wenig bewirkt.

Die Familienpflegezeit wird auch von den Meinungsseiten vieler Zeitungen aufgegriffen. Der "Fränkische Tag" aus Bamberg wirft Kristina Schröder vor, im Ungefähren zu operieren: "Und das ist zu wenig für eine Bundesministerin. Was das für ihre politische Zukunft bedeutet, scheint klar: Nach der Bundestagswahl ist Schluss im Kabinett, egal wie die Wahl ausgehen mag." Diesen und weitere Kommentare lesen Sie in der Presseschau im Deutschlandfunk.

Mehr zum Thema:

Kommentar: Schröders Ansatz ist gut, das Gesetz ist es nicht - Christel Blanke findet, die Pflegezeit gehe an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei
Auch Pflegende brauchen Auszeiten - Tipps zur Verhinderungs- und Kurzzeitpflege
Bahr: Pflege-WGs sind "ein zusätzliches Angebot" - FDP-Politiker Daniel Bahr will eine Alternative zum Pflegeheim fördern
Bundesfamilienministerin: Pflegezeit auch für mittelständische Firmen attraktiv - Kristina Schröder über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 02:15 Uhr Zur Diskussion

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

WissenEin Denkmal für Wikipedia

Im polnischen Slubice wird das Online-Lexikon Wikipedia mit einem Denkmal geehrt.

Am Mittwoch wurde im polnischen Slubice ein Denkmal für Wikipedia enthüllt. Der Organisationstheoretiker Leonhard Dobusch begrüßt die Würdigung des Online-Lexikons: Man könne dessen Bildungsbeitrag nicht hoch genug einschätzen.

Karstadt-KriseVom Klassenprimus zum Krisenfall

Der Eingang zur der Karstadt Filiale am 01.10.2014 in Köln.

Seit Jahren sorgen Schlagzeilen und Spekulationen immer wieder für Verunsicherung bei den Karstadt-Angestellten. Der neue Eigentümer René Benko lässt keinen Zweifel an einer scharfen Sanierung. Das Konzept dazu wird morgen im Aufsichtsrat diskutiert.

Postheroismus Wenn Helden nicht mehr nötig sind

PHILIPPINES, Manila :Comic-Fans haben sich als ihre Helden verkleidet.

Heroische Werte sind in westlichen Gesellschaften nicht mehr en vogue. Was aber passiert, wenn die Figur des Helden nur noch als Superman oder Harry Potter anrückt? Über Helden und eine Gesellschaft, die scheinbar keine mehr braucht.

Obdachlose in GriechenlandFührung durch die Hinterhöfe Athens

Ein Obdachloser liegt auf seinem Schlafplatz auf dem Bürgersteig vor einer Filiale der Emporiki Bank in Athen

Die Wirtschaftskrise hat die Griechen besonders hart getroffen - auf Arbeitslosigkeit folgte häufig ein Leben auf der Straße. Doch einige der Obdachlosen haben nun einen neuen Job: Sie organisieren Stadtführungen in die dunklen Ecken Athens.

Junge Frauen beim ISPartnersuche im Dschihad

Ein von Dschihadisten ausgehändigtes Foto zeigt mutmaßliche Mitglieder der Terrorgruppe IS, darunter der Militärchef und gebürtiger Georgier Abu Omar al-Shishani (links)

Mehrere hundert Mädchen und Frauen aus Europa sollen nach Syrien gereist sein, um sich der Terrorgruppe IS anzuschließen. Viele von ihnen hoffen, dort einen Ehemann zu finden, sagt Florian Endres vom Bundesamt für Migration.

NotfallIn drei Minuten vor Ort

United Hazalah ist eine mobile Gruppe von freiwilligen Ersthelfern in Israel. Dank App und "Ambucycles" sind sie innerhalb von drei Minuten beim Patienten - der Krankenwagen braucht in Deutschland zum Beispiel deutlich länger.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Kanada: Attentäter von Ottawa  galt nach Medienberichten als "hochgefährlich" | mehr

Kulturnachrichten

Biennale di Venezia 2015:  Kurator Okwui Enwezor stellt sein Gedankengebäude vor | mehr

Wissensnachrichten

WHO  1,5 Millionen Tuberkulose-Tote in 2013 | mehr