Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Plädoyer gegen den "europäischen Katzenjammer"

Daniel Cohn-Bendit und Ulrich Beck wollen Europa retten - und nicht nur den Euro

Von Volker Finthammer

Die Flaggen Frankreichs, Deutschlands und Europas: Was wird aus dem Kontinent? (AP Archiv)
Die Flaggen Frankreichs, Deutschlands und Europas: Was wird aus dem Kontinent? (AP Archiv)

Der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit und der Soziologe Ulrich Beck werben für eine Art freiwilliges europäisches Jahr für alle. Mit ihrem "Manifest zur Neugründung der EU von unten" suchen sie nach Förderern, die es den Bürgen ermöglichen, sich gegenseitig ihre Sprachen beizubringen. Aus diesen Begegnungen soll dann endlich eine gemeinsame europäische Identität wachsen.

Der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit ist immer wieder für Überraschungen zu haben. Der europäische Katzenjammer hat uns genervt, sagt Cohn-Bendit. Statt wirklich europäisch zu denken und zu handeln wurde mit dem Beginn der Schuldenkrise eine Rückbesinnung auf nationale Tugenden eingeleitet, die dem europäischen Gedanken entgegenstehen.

"Und irgendwann hatten Ulrich Beck und ich die Lust, was dagegen zu setzen. Und dieses Europamanifest soll ja der Beginn einer anderen Erzählung über Europa sein und was Praktisches. Alle, die es wollen, müssen die Möglichkeit haben, ein Jahr in Europa zu arbeiten, und damit im Grunde genommen so 'ne transeuropäische Öffentlichkeit und Identität zu schaffen."

Die Gedanken an das europäische Einigungsprojekt sind bei den meisten in der Zwischenzeit verblasst und für viele Jüngere nur noch ein Eintrag im Geschichtsbuch. Die gelebte Realität in einem Europa ohne Grenzen haben viele in der Rolle als Touristen angenommen. Das Manifest will aber die europäische Bürgergesellschaft stärken, durch konkrete Lebenserfahrungen, die man anderswo in Europa sammeln soll.

"Und wir wollen es versuchen, dass Rentner, Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie es wollen, zum Beispiel ein Jahr in irgendeiner europäischen Schule - oder mit Kommunen einfach - Deutsch beibringen oder Französisch oder Griechisch, Spanisch oder Portugiesisch. Also im Grunde genommen, dass von unten eine europäische Identität wachsen kann."

In der Zwischenzeit haben Cohn-Bendit und der Soziologe Ulrich Beck, der als treibende Kraft in diesem Duo gilt, zahlreiche Unterstützer gefunden, so dass sie jetzt in mehreren europäischen Zeitungen den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt haben, um für ihr Projekt die Werbetrommel zu rühren.

Außer der Kulturstiftung der Allianz gibt es derzeit noch keine weiteren Geldgeber im Hintergrund. Die sollen bis hin zur EU Kommission und den Regierungen der Staaten alle noch gewonnen werden, um den praktischen Erfahrungsaustausch aus den bisherigen Programmen der europäischen Studenten und Wissenschaftsförderung herauszuholen. Da hat das bislang hervorragend funktioniert und zahlreiche Brücken bauen können. Mit dieser Initiative wollen wir diese Erfahrungen in die Breite der Gesellschaft tragen, sagt Ulrich Beck:

"Europa würde nicht mehr länger ein Land ohne Europäer sein, sondern es würden Menschen sein, die sagen: Ich bin Europäer, ich bin Deutscher und Franzose und Europäer. Für mich ist in der Tat diese Initiative ein Text, inwieweit unsere Regierung - aber auch die anderen Regierungen - versteht, dass die Rettung Europas nicht mit der Rettung der Euros identisch ist, sondern erst sozusagen die Einbeziehung des Bürgers als eine wesentliche Voraussetzung auch für die Rettung des Euros wahrnimmt."

Die beiden Initiatoren sind sich sicher, dass sich viele Interessenten für solche Projekte finden würden, wenn die notwendige Grundfinanzierung durch Staaten, Verbände und die europäischen Organisationen gegeben wäre.

Mehr zum Thema:
Interview mit Julia Friedrichs: "Für uns ist Europa Realität"
Gesine Schwan unterstützt "Manifest zur Neugründung der EU von unten"
Projekt Europa - Ende offen <br>Andreas Wirsching: "Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit", C.H. Beck
Wie lässt sich transnationale Demokratie verwirklichen? <br> Jürgen Habermas: "Zur Verfassung Europas. Ein Essay", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 140 Seiten
"Ich sehe große Gefahren für die demokratischen Strukturen" - Der Sozialphilosoph Oskar Negt plädiert für einen Lastenausgleich, um notleidenden EU-Staaten zu helfen
Nationalstaaten bürgen für ein Niveau an Gerechtigkeit und Freiheit <br> Jürgen Habermas: Zur Verfassung Europas - Ein Essay
Politologe: "Die Europäische Union hat schon viele Krisen überstanden" <br> Europa-Experte fordert mehr Transparenz und demokratische Mitwirkung (DKultur) *
Historiker: Europäischer Verfassungsvertrag muss endlich her - Heinrich-August Winkler vermisst auch bei der Bundeskanzlerin die Europa-Vision



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Für uns ist Europa Realität"

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:51 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 12:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 12:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Endlich Samstag

Aus unseren drei Programmen

Nach der Wahlschlappe der UnionKanzlerin fernab ihres Volkes

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Hände zu einer Raute geformt. (dpa picture alliance/ Michael Kappeler)

Die CDU muss sich erneuern. Das habe nicht zuletzt der Rücktritt von Sachsens Ministerpräsident Stanislav Tillich gezeigt, kommentiert unser Hauptstadtkorrespondent Volker Finthammer. Aber ist Angela Merkel dafür die richtige Vorsitzende?

Eine Lange Nacht über die Gruppe 47Das Wirtschaftswunder der Literatur

Heinrich Böll, Ilse Aichinger und Günther Eich 1952 während der Tagung der Gruppe 47 (v.lks).  (picture alliance / dpa)

Die Gruppe 47 ist ein Mythos geworden. Autoren wie Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger wurden durch sie berühmt und bestimmten die gesellschaftspolitische Diskussion.

Sondierungsgespräche"An der Union wird Jamaika nicht scheitern"

Der CDU-Europaabgeordnete Daniel Caspary. (Europäische Union / Fabry)

Am Freitag fanden die ersten Sondierungsgespräche von Union, FDP und Grünen statt. Der CDU-Europapolitiker Daniel Caspary zeigte sich im Dlf zuversichtlich, dass die Verhandlungen erfolgreich enden können. "Rumpeln" werde es vor allem bei Wirtschaftsthemen.

Samenspende vom gefallenen SohnEltern kämpfen für ihr Recht auf ein Enkelkind

Irit und Asher Shahar an Omris Grab (Igal Avidan)

Seit der Staatsgründung 1948 starben in Israel über 23.000 Soldaten. Deren Eltern nennt man dort "verwaist". Zwei dieser Hinterbliebenen kämpfen um ein Enkelkind von ihrem während des Militärdienstes gefallenen Sohnes.

Wunschlisten vor SondierungsgesprächenDie finanzielle Spielraum ist enger als gedacht

Zahlreiche verschiedene Geldscheine. (dpa/picture-alliance/Daniel Reinhardt)

Wenn jetzt über die Bildung einer Regierungskoalition verhandelt wird, dann geht es auch darum, welche Steuern vielleicht gesenkt werden oder wo Ausgaben erhöht werden können. Wenn alle Ideen umgesetzt würden, könnten die Kosten bei bis zu 180 Milliarden Euro liegen - so viel Geld gibt es aber nicht.

Literaturscouts in New YorkAuf der Suche nach dem nächsten Bestseller

Buchladen in Williamsburg, Brooklyn, New York (imago/UIG)

Was sich in den USA verkauft, funktioniert meist auf der ganzen Welt. Also schicken Verlage Literaturscouts besonders nach New York, dem Mekka der nordamerikanischen und internationalen Literatur. Die Scouts haben feine Spürnasen und sind vor allem eines: schnell.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

"Jamaika"-Sondierung  Parteien bereiten weitere Gesprächsrunden vor | mehr

Kulturnachrichten

Berliner East Side Gallery braucht Bildungsprogramm  | mehr

 

| mehr