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Plagiatsaffäre: Schavan verliert Doktortitel

Opposition fordert Rücktritt der Ministerin

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)

Die Universität Düsseldorf entzieht Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ihren Doktortitel, weil sie "systematisch und vorsätzlich" Gedanken anderer als Eigenleistung vorgegeben habe. Schavan will gegen die Entscheidung klagen.

Der zuständige Fakultätsrat habe in dem Plagiatsverfahren die Promotionsleistung für ungültig erklärt und beschlossen, den vor 33 Jahren erworbenen Doktorgrad zu entziehen, teilte der Ratsvorsitzende, Prof. Bruno Bleckmann mit. Der Rat habe es als erwiesen angesehen, dass Schavan "systematisch und vorsätzlich über ihre Dissertation verteilt" gedankliche Leistungen vorgegeben habe, die sie nicht selbst erbracht habe. Ausschlaggebend sei vor allem die Zitierweise gewesen, berichtet Deutschlandradio-Landeskorrespondentin Barbara Schmidt-Mattern. Für den Entzug des Doktorgrades hätten zwölf Mitglieder des Rats der Philosophischen Fakultät gestimmt bei zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung.

Die Anwälte der Ministerin, die sich seit gestern zu fünftägigen bildungspolitischen Gesprächen in Südafrika aufhält, kündigten an, dass die CDU-Politikerin gegen den Entzug des Doktortitels klagen will. Das kann sie innerhalb eines Monats vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf. Scheitert die Klage, könnte es möglicherweise zu Berufungsverfahren beim Oberverwaltungsgericht Münster und als letzter Instanz beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig kommen.

Kai Gehring, Bildungs- und hochschulpolitischer Sprecher von Bündnis 90/ Die Grünen (S. Kaminski / Kai Gehring)Kai Gehring, Bildungs- und hochschulpolitischer Sprecher von Bündnis 90/ Die Grünen (S. Kaminski / Kai Gehring)

Rücktrittsforderungen der Opposition

Der bildungs- und hochschulpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion Kai Gehring forderte Schavan zum Rücktritt auf. "Plagiieren ist im Wissenschaftsbereich keine Bagatelle. Der Respekt vor der Wissenschaft gebietet es, das Urteil anzuerkennen", sagte Gehring im Deutschlandfunk. "Ich gehe davon aus, dass die Wissenschaftsministerin die Konsequenz zieht und um Entlassung aus ihrem Amt bittet. Falls nicht, riskiert sie einen Vertrauensverlust für genau dieses Amt."

Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Florian Pronold. Er forderte Schavan ebenfalls zum Rücktritt auf. "Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, wie sie unter diesen Umständen im Amt bleiben will", erklärte Pronold im Deutschlandfunk. Der stellvertretende Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion Dietmar Bartsch sagte, Schavan sei nicht mehr tragbar. Mit einem Klageverfahren sei sie als Ministerin nicht mehr handlungsfähig.

Konsequenzen für den Wahlkampf

Aus den eigenen Reihen erhielt die 57-Jährige Rückendeckung. Thomas Bareiß, CDU, stellvertretender Vorsitzender der baden-württembergischen Landesgruppe im Bundestag, begrüßte die Ankündigung der Ministerin, gegen die Entscheidung der Universität zu klagen. Schavan sei eine gute Ministerin, das Urteil des Fakultätsrats sei unfair. "Deswegen stehen wir in der CDU hinter ihr", so Bareiß im Deutschlandfunk.

Auch der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag Wolfgang Bosbach (CDU) sagte, ein Rücktritt sei nicht angebracht. "Das sollte sie nicht tun. Das letzte Wort haben die Gerichte. Jetzt folge ein rechtsförmliches Verfahren, das man abwarten sollte. "Ich kann verstehen, dass sie um ihren Ruf kämpft", sagte Bosbach im Deutschlandfunk. Der FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt nannte einen Rücktritt "das falsche politische Zeichen".

Der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer von der FU Berlin bezeichnete die geplante Klage als politisch unklug. Denn dann könne man Annette Schavan vorwerfen, dass sie sich selbst den Kriterien, die sie für andere anlege, nicht unterwerfen wolle. Schließlich habe sie dem früheren Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg den Rücktritt nahegelegt, nachdem dieser des Plagiats überführt worden sei: "Unabhängig vom Ausgang eines solchen Verfahrens würde sie mit diesem Vorwurf den gesamten Wahlkampf über konfrontiert werden", meinte Neugebauer im Deutschlandradio Kultur.

Schavan räumte Flüchtigkeitsfehler ein

Schavan, eine enge Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), hatte zwar Flüchtigkeitsfehler in ihrer Dissertation eingeräumt, den Vorwurf des Plagiats oder der Täuschung aber stets zurückgewiesen. Einen Rücktritt als Ministerin hatte sie immer ausgeschlossen.

Vor zwei Wochen hatte der Fakultätsrat mit 14 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung die Einleitung eines Verfahrens zum möglichen Entzug des Doktortitels beschlossen. Der Rat folgte damit der Empfehlung der Promotionskommission. In einem internen Sachstandsbericht war der Kommissionsvorsitzende Professor Stefan Rohrbacher zu der Erkenntnis gekommen, dass in der Arbeit Schavans an zahlreichen Stellen plagiiert worden sei. Aufgrund der systematischen Vorgehensweise liege eine Täuschungsabsicht vor.

Zitierregeln von Schavans Doktorvater aufgetaucht

Wenige Tage vor der zweiten Sitzung des Fakultätsrats kursierte in Medien nun ein Heft des Düsseldorfer Pädagogik-Professors Wolfgang Kramp aus dem Jahr 1978 mit strengen Zitierregeln für die Abfassung von Seminararbeiten. Das in mehrfacher Auflage gedruckte Heft wurde seinerzeit an Studenten verteilt. Einer der Herausgeber war Schavans Doktorvater Gerhard Wehle.

Die Vorwürfe waren vor neun Monaten im Internet aufgetaucht. Schavan wird unkorrektes Zitieren und die Verschleierung geistigen Eigentums vorgeworfen. Die Tragweite der angeblichen Zitierfehler ist unter Wissenschaftlern umstritten. Schavan kann nun vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf klagen.

Schavan würde im Fall der Entziehung ihres Doktortitels gänzlich ohne Hochschulabschluss dastehen, da sie die damalige Möglichkeit einer Direktpromotion nutzte. Schavans Doktorvater bezeichnet ihre Dissertation als "sehr beachtliche Leistung" auf damaligem "wissenschaftlichen Standard"; er sieht sich nicht getäuscht.

Mehr zum Thema auf dradio.de:

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

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