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Präimplantationsdiagnostik als Gewissensfrage im Bundestag

Parlament debattiert über Gentests an Embryonen

Menschlicher Embryo (AP)
Menschlicher Embryo (AP)

In erster Lesung berät der Bundestag heute über eine Neuregelung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Es geht dabei um die Frage, ob künstlich erzeugte Embryonen vor dem Einpflanzen in den Mutterleib gentechnisch untersucht werden dürfen.

Die Gewissensfrage gilt als ethisch schwierig. PID-Befürworter sehen in der Methode etwa eine Hilfestellung für Eltern, die selbst eine schwere Erbkrankheit haben und abklären wollen, ob das Kind auch betroffen sein würde. Gegner befürchten ein willkürliches Aussortieren von Embryonen und die Diskriminierung von Behinderten.

Laborantinnen arbeiten mit Stammzellen in einem Labor in Rehovot, Israel. (AP)Laborantinnen arbeiten mit Stammzellen. (AP)Dem Parlament liegen drei Gesetzentwürfe vor. Sie reichen von einem kompletten Verbot der PID bis zur Zulassung der Untersuchungsmethode unter strengen Auflagen. In ihrem Beitrag im Deutschlandfunk stellt Gudula Geuther die drei Entwürfe (MP3-Audio) vor. Eine überparteiliche Initiative hatte schon im Dezember 2010 einen Entwurf vorgelegt, der die PID verbietet, aber Ausnahmen erlaubt.

Für eine weitgehende Zulassung der PID sprach sich in der Bundestagsdebatte der CDU-Politiker Peter Hintze aus. Erblich schwer vorbelastete Paare sollten ein Recht haben, diese anzuwenden.

Dagegen forderte die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ein Verbot der PID. Sie verwies auf "Würde und Schutzwürdigkeit" der Embryonen, die nach einem Gentest verworfen und nicht in die Gebärmutter eingepflanzt würden.

Auch die Grünen-Gesundheitspolitikerin Birgitt Bender plädierte dafür, die PID zu verbieten. Bender sagte, es dürfe keine Option auf Selektion geben.

Über die besondere Atmosphäre bei dieser Bundestagsdebatte, die über die Parteigrenzen hinweg (MP3-Audio) offen und respektvoll in erster Lesung geführt wurde, berichtet Christel Blanke im Deutschlandradio Kultur.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion (Deutschlandradio - Bettina Straub)Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesjustizministerin (FDP) (Deutschlandradio - Bettina Straub)Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) will dagegen eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik ein. Eltern müssten das Recht zur eingeschränkten Untersuchung von befruchteten Eizellen auf schwerste Erbkrankheiten erhalten, sagte sie im Deutschlandfunk. Die Ministerin machte deutlich, dass man durch die begrenzte Zulassung nicht die Tür aufmache, "um das immer so genannte Designer-Baby zu ermöglichen, um andere Kriterien als die der Vermeidung der Realisierung schwerster Erbkrankheiten mit größten Belastungen Vorbeuge zu leisten Verhinderung zu leisten".

Der selektive Blick auf den Embryo sei etwas, was mit der Menschenwürde nicht vereinbar sei, sagt Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat. Er wolle nicht erst die Diagnostik untersagen, erklärt er im Deutschlandfunk, "sondern überhaupt schon, dass Embryonen in der Überzahl erzeugt werden". Man solle sich strikt an das Embryonenschutzgesetz halten, das gebietet, "dass man nur drei Embryonen erzeugen darf in einem Behandlungszyklus, nämlich genau so viele, wie man anschließend auch in den Uterus der Frau transplantieren kann".

Deutscher Ethikrat gespalten

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), bekräftigte seine ablehnende Haltung gegenüber der PID. "Ich glaube, vielen, die jetzt die PID einführen wollen, geht es weniger um Menschen mit Behinderung als um das Thema: Wie schaffe ich Nachwuchs nach Qualitätskritierien?", sagte er im Deutschlandradio Kultur.

Der Deutsche Ethikrat hat im März dieses Jahres zu den drei Gesetzentwürfen eine Stellungnahme abgegeben. Dabei gab es kein klares Votum für oder gegen die PID.

Für die Abstimmung über eine Gesetzesänderung soll kein Fraktionszwang gelten. Sie ist für Juni geplant.


Links zum Thema:

Deutscher Bundestag: Erste Lesung zur Neuregelung der PID

PID-Seite des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften


Zum BGH-Urteil zur Präimplantationsdiagnostik (PID):

Oktober 2010: Deutscher Ethikrat fordert klare Regelung zu Embryonenschutz

Juli 2010: Bundesgerichtshof billigt Präimplantationsdiagnostik

Juli 2010: Nach dem Leipziger Urteil zur Präimplantationsdiagnostik

Juli 2010: "Da wird jetzt eine neue Debatte in Gang kommen" - Zum Urteil des BGH zur Präimplantationsdiagnostik

DRadio Wissen: Gespräch mit der Wissenschaftsjournalistin Marieke Degen


Pro Präimplantationsdiagnostik (PID):

Zustimmung, Daumen hoch (picture alliance / dpa)Pro PID (picture alliance / dpa)November 2010: "Ein Akt für Menschlichkeit" - CDU-Politikerin Heinen plädiert für Zulassung der Präimplantationsdiagnostik in engen Grenzen

November 2010: CDU-Chefin in Brandenburg befürwortet Präimplantationsdiagnostik

Juli 2010: Präimplantationsdiagnostik in den USA Alltag

Oktober 2010: Neuer Gentest erfolgreich bei künstlichen Befruchtungen eingesetzt

Juni 2004: Umfrage belegt Befürwortung der Präimplantationsdiagnostik


Kontra Präimplantationsdiagnostik (PID):

Geschäftsmann zeigt seine Ablehnung (Stock.XCHNG / Johnny Magnusson)Kontra PID (Stock.XCHNG / Johnny Magnusson)Dezember 2010: "Die Erfahrung zeigt, man kann es begrenzen" - Ethikratvorsitzender über die Präimplantationsdiagnostik

November 2010: CDU votiert gegen Gentests an Embryonen

Oktober 2010: "Eigentlich bräuchte man kein Gesetz" - Präimplantationsdiagnostik erneut in der Kritik

Oktober 2010: "Dann kann man nicht sagen: Den sortiere ich jetzt aus" - Behindertenbeauftragter kritisiert Präimplantationsdiagnostik

Juli 2010: "Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich Ärzte für so was hergeben"

Januar 2007: "Wir wollen ein nicht behindertes Kind!" - Präimplantationsdiagnostik-Tourismus nach Belgien

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:41 Uhr

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