Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

Proteste und Festnahmen in Moskau

Polizeieinsatz bei nicht genehmigter Demonstration

Von Gesine Dornblüth

Anti-Putin-Demonstration in Moskau am 15. September.
Anti-Putin-Demonstration in Moskau am 15. September. (picture alliance / EPA / Sergei Ilnitsky)

Vor einem Jahr protestierten tausende Menschen in Moskau gegen Putin. Daraus entstand eine Bewegung. Am Sonnabend wollten sie in Moskau wieder demonstrieren, doch die Kundgebung war von den Behörden verboten worden. Dennoch gingen mehr als tausend Menschen auf die Straße.

"Verlassen Sie den Platz!"

Es war ein ungleiches Kräftemessen, und es dauerte Stunden. Bei eisigem Frost kamen immer neue Menschen auf den Platz vor der Lubjanka, den Sitz des russischen Geheimdienstes, im Zentrum von Moskau, um dort friedlich Blumen an einem Denkmal für die Opfer des Totalitarismus abzulegen. Behelmte Polizisten kreisten die Menschen ein, drängten sie ab, griffen immer wieder einzelne heraus. Im gesamten beherrschten Polizisten das Straßenbild. Stundenlang kreiste ein Hubschrauber über dem Platz. Dennoch rückten immer neue Regierungsgegner mit Blumen nach, insgesamt mehrere Tausend. Im Laufe des Nachmittags wurden nach Polizeiangaben 40 Menschen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht verhaftet, darunter prominente Anführer der Protestbewegung wie der Nationalist und Blogger Alexej Nawalnyj, Sergej Udalzow von der Linskfront und die Fernsehmoderatorin Ksenia Sobtschak. Viele Teilnehmer hatten sich auf Festnahmen eingestellt, so wie der Rentner Wladimir Beljaew.

"Ich habe im vergangenen Jahr an vielen Protestaktionen teilgenommen, und ich wurde bereits mehrfach verhaftet, jedes Mal grundlos. Ich bin aus dem Alter raus, in dem man Angst hat."

Ursprünglich hatten die Regierungsgegner an diesem Sonnabend einen "Marsch der Freiheit" veranstalten wollen und auf 50.000 Teilnehmer gehofft. Sie hatten erneut freie Wahlen und die Freilassung politischer Gefangener fordern wollen. Die Veranstalter, der im Herbst gewählte Koordinationsrat der Protestbewegung, hatte sich aber mit den Behörden auf keine Route einigen können. So wurde die Kundgebung verboten. Die Menschen kamen dennoch, trotz der Warnungen der Polizei. Ihre Plakate ließen sie zu Hause. Viele haben sich ohnehin von dem Gedanken verabschiedet, mit Demonstrationen politische Veränderungen zu bewirken. Nelli, eine Lehrerin:

"Mich hat mein Gewissen hergetrieben. Ich will zumindest das tun, was in meiner Kraft steht. Natürlich ist es riskant, hier zu sein, aber mit ständigen Gewissensbissen lebt es sich auch nicht besonders gut."

Und Mascha, eine Verkäuferin:

"Wir können hier nur das eigene Gewissen beruhigen. Sonst können wir nichts erreichen."

Seit Beginn der Protestbewegung vor einem Jahr hatten die Regierungsgegner ein "Russland ohne Putin" gefordert. Putin wurde dennoch zum Präsidenten gewählt. Auch aus Frust darüber sind viele Menschen den Protestaktionen in letzter Zeit fern geblieben. Der Schriftsteller Lev Rubinstejn meinte heute, die Straßenproteste müssten trotz allem weitergehen.

"Diese Aktionen sind nötig. Die Mächtigen müssen sehen, dass nicht alle so denken und sich so benehmen, wie sie das gern hätten."

Wie schon bei vielen Protestmärschen im vergangenen Jahr, gingen heute auch in anderen russischen Städten Regierungskritiker auf die Straße. Meist waren es dort nur wenige Dutzend Teilnehmer.

Mehr zum Thema finden Sie unter dradio.de:
Trauer und Entsetzen über russische Zustände <br> Solidaritätslesung für Pussy Riot in Berlin
Weg von der Straße <br>Die russische Protestbewegung formiert sich
Bekenntnis von Michail Chodorkowski <br>Michail Chodorkowski/Natalija Geworkjan: "Mein Weg", Deutsche Verlags-Anstalt

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr Querköpfe

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Bergtouren in NepalSolidarisch mit den Sherpas

Der Extrembergsteiger Reinhold Messner kritisiert den Tourismus am Mount Everest. Hunderte von nepalesischen Bergführern würden "ihren Kopf dafür in die Schlinge legen", damit "reiche Leute" den Gipfel erreichen.

20 Jahre BahnreformNoch immer Herrin der Schiene

Teil des Berliner Hauptbahnhofs (tief), aufgenommen am 12.09.2013. Der Bahnhof beherbergt fünf Verteilerebenen, der Höhenunterschied zwischen der obersten und untersten Ebene liegt bei 25 Metern. Foto: Peter Endig

Vor 20 Jahren entstand die Deutsche Bahn in ihrer heutigen Form. Die Länder bestimmen, wie viele Nahverkehrs- und Regionalzüge in ihrem Gebiet fahren sollen und es herrscht zudem Wettbewerb auf der Schiene. Doch es gibt auch Probleme.

Tourette-SyndromElektrische Ströme gegen die Tics

Das Modell eines menschlichen Gehirns

Unkontrollierte Zuckungen, Flüche und Beschimpfungen: Wer am Tourette-Syndrom erkrankt ist, leidet stark unter den Folgen. Nun aber gibt es Hoffnung für Betroffene: Hirnschrittmacher lassen die Tics fast völlig verschwinden.

Netzpolitik"Signal an Überwachungsstaaten"

Ein Messebesucher sitzt am 09.03.2014 auf dem Messegelände der CeBIT in Hannover (Niedersachsen) auf dem Stand der Firma VDE.

Der Rechtsexperte Matthias Kettemann sieht die Macht im Internet ungleich verteilt. Er pocht auf ein internationales Internetrecht. Das auf der Konferenz "Net Mundial" diskutierte "Multi-Stakeholder-Modell" hält er nicht für durchführbar.

Massaker im Südsudan"Die Katastrophe ist schon da"

Ein Foto des Kinderhilfswerks UNICEF zeigt drei Kinder in der südsudanesischen Stadt Mingkaman, während sie erschöpft darauf warten, als Hilfesuchende registriert zu werden.

Die Vereinten Nationen berichten von einem Massaker mit Hunderten Toten im Südsudan. Solche brutalen Übergriffe finden seit Mitte Dezember immer wieder statt, sagte Sudan-Expertin Marina Peter im DLF. Es drohe ein Ausmaß wie in Ruanda 1994.

ChronobiologieSpätschichten für Nachteulen

Zu müde zum Arbeiten

Der Kurort Bad Kissingen dreht am Rad der Zeit und will Erkenntnisse der Chronobiologie auf das Leben in der Stadt übertragen. Wer gerne früh aufsteht soll Frühschichten, Nachteulen dagegen spätere Dienste übernehmen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Israel und USA  reagieren skeptisch auf innerpalästinensische Einigung | mehr

Kulturnachrichten

Messner:  Touristische Mount-Everest-Besteigungen sind fragwürdig | mehr

Wissensnachrichten

Biologie  Biologie: Eines der größten Korallenriffe in 500 Metern Tiefe entdeckt | mehr