Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Prozess gegen Pussy Riot vor dem Abschluss

Staatsanwalt fordert drei Jahre Haft

Von Gesine Dornblüth, Moskau

Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r)  (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (l-r) (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Der Prozess gegen die russische Punk Band Pussy Riot ist spektakulär. Die drei Musikerinnen hatten in der zentralen Kathedrale in Moskau gegen die Allianz von Kirche und Staat protestiert. Der Staatsanwalt forderte nun drei Jahre Haft - weniger, als möglich wäre.

Möglicherweise hatte Wladimir Putins Äußerung, das Urteil gegen die Musikerinnen der Punk-Band Pussy Riot solle "milde" ausfallen, bereits gewirkt. Der Staatsanwalt blieb mit den geforderten drei Jahren Haft deutlich unter dem Höchstmaß von sieben Jahren. Eine Bewährungsstrafe lehnte er jedoch ausdrücklich ab:

"Angesichts der besonderen Gefahr für die Gesellschaft, die von diesem schweren Verbrechen ausgeht, müssen die Angeklagten von der Gesellschaft isoliert werden."

Die Frauen, so legte der Staatsanwalt noch einmal dar, hätten mit ihrem Auftritt in der Christ-Erlöser Kathedrale die öffentliche Ordnung gestört und zu religiösem Hass aufgewiegelt. Die Anwältin der Nebenkläger wurde noch deutlicher:

"Die Angeklagten hatten auch noch die Frechheit, vor Gericht zu erklären, dass ihre Aktion gerechtfertigt gewesen, dass sie Ausdruck ihrer künstlerischen Persönlichkeit gewesen sei. Das lässt nur einen Schluss zu: Dass sie beabsichtigen, erneut in Kirchen, Moscheen oder Synagogen einzubrechen, und zu tun, was die normale Moral verbietet."

Von "normaler Moral" war auf Seiten der Anklage oft die Rede, von Gesetzen oder gar der Verfassung der Russischen Föderation hingegen weniger. Genau das griff die Verteidigung auf. Sie hielt der Anklage vor, sie habe nur theokratische Luftblasen verbreitet, statt juristisch zu argumentieren. Bei dem Prozess gegen Pussy Riot handele es sich eindeutig um einen politischen Prozess. Das Urteil sei bestellt. Die Angeklagte Jekaterina Samuzewitsch:

"Wenn wir in der Kathedrale gesungen hätten, "Mutter Gottes, beschütze Putin", dann säßen wir jetzt nicht hier."

Die Verteidiger warfen der Richterin ferner vor, sie habe die Angeklagten massiv behindert, bis hin zu Schlaf- und Essensentzug. Das Gericht hatte mehrere Tage lang mehr als zehn Stunden am Stück getagt, unterbrochen von nur kurzen Pausen. Außerdem hatte die Richterin fast alle Zeugen der Verteidigung abgelehnt. Die 22-jährige Maria Aljochina stellt heute trotzig fest:

"Das ganze Verfahren, von unserer Verhaftung bis zur jetzigen Minute, ist nicht legitim. Deshalb bestehe ich auf einem Freispruch für uns, ein für alle mal."

Die drei angeklagten jungen Frauen hatten sich im Gericht bei den Gläubigen entschuldigt, sofern diese sich durch den Auftritt der Band in der Kirche beleidigt fühlten. In der Sache aber hatten sie sich während des gesamten Prozesses unbeugsam gezeigt - und damit ganz offenbar gegen die Gepflogenheiten vor russischen Gerichten verstoßen, wie Verteidiger Mark Fejgin in einem engagierten Plädoyer hervorhob:

"In Russland ist es üblich, dass du als Angeklagter die Stiefel der Richter lecken musst. Du musst dich nicht nur entschuldigen, du musst weinen und dich erniedrigen. Du musst deine Persönlichkeit zerstören. Du musst dich in ein Nichts verwandeln. Dann bekommst du vielleicht ein etwas milderes Urteil. Seit der Sowjetunion hat sich nichts geändert. Aber unsere Mandantinnen haben da nicht mitgemacht. Sie haben hier im Saal gesagt, sie vertreten eine freie Gesellschaft. Und als solche verteidigen wir sie: als freie Bürger."

Dafür bekam er Applaus von den Journalisten im Saal.
Das Urteil gegen die Künstlerinnen wird bereits in den nächsten Tagen erwartet. Ein Freispruch der jungen Frauen gilt als unwahrscheinlich. Russische Richter folgen in der Regel den Anträgen der Staatsanwälte.



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr Querköpfe

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

RassismusDie Kindheit eines südafrikanischen Comedian

Trevor Noah beim Screening der Comedy-Show The Daily Show With Trevor Noah auf dem PaleyFest New York 2016 im Paley Center for Media. New York Foto:xD.xVanxTinex/xFuturexImage Trevor Noah the Screening the Comedy Show The Daily Show With Trevor Noah on the PaleyFest New York 2016 in Paley Center for Media New Yor Photo XD xVanxTinex xFuturexImage (imago stock&people)

Seit 2015 moderiert Trevor Noah eine erfolgreiche Show beim US-amerikanischen Sender Comedy Central. Geboren als Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters in Südafrika ist Rassismus sein Hauptthema. Mit "Farbenblind" legt der erst 33-Jährige seine Memoiren vor.

"Hauptstadtfußball" im Stadtmuseum BerlinNeue Zielgruppen anlocken

Ausstellung über Hertha BSC in Berlin - viele der Ausstellungsstücke stammen von Fans (picture alliance / dpa / XAMAX)

Vor anderthalb Jahren ist Paul Spies als neuer Direktor angetreten, um das Stadtmuseum Berlin zu modernisieren. Der niederländische Kunsthistoriker möchte neue Zielgruppen anlocken. Ein Thema, das ihm dabei helfen könnte, ist der Fußball.

Digitale Ausstattung für Schulen"Riesenpaket an offenen Fragen"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Vor der Sommerpause verabschiedete die Große Koalition die Eckpunkte zum Haushalt 2018: Darin fehlt der seit 2016 versprochene Digitalpakt für Schulen. Viele Fragen zur IT-Ausstattung seien offen, sagte Bildungsministerin Johanna Wanka, im Dlf. Die Nutzung im Unterricht müsse erst auf Arbeitsebene geklärt werden.

#DeineWahl - YouTuber fragen die KanzlerinMerkel im Neuland

(picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Knapp fünf Wochen vor der Bundestagswahl stellte sich Kanzlerin Angela Merkel heute eine Stunde lang den Fragen von vier YouTubern. Nadine Lindner aus unserem Hauptstadtstudio findet: "Es war eine unterhaltsame Stunde."

SommerserieGerechtigkeit - jeder will sie, keiner kriegt sie?

Zwei Männer sitzen sich auf einer zerbrochenen Wippe über einer Euromünze gegenüber (imago stock&people)

Gerechtigkeit ist eines der wesentlichen Themen im Bundestagswahlkampf. Die Parteien diskutieren und positionieren sich. Aber wie gerecht geht es heute tatsächlich zu? Was macht der Staat, um Gerechtigkeit zu fördern und was unterlässt er?

Gewalt in Charlottesville"Das ist der typische Trump-Sound"

US-Präsident Trump spricht im Weißen Haus in Washington ins Mikrofon. (AP Photo / Evan Vucci)

US-Präsident Trump hat seine erste Reaktion auf die Gewalt bei der Rassisten-Kundgebung in Charlottesville verteidigt und erneut beiden Seiten die Schuld gegeben. Das war das Härteste, was Trump bisher vom Stapel gelassen habe, so Politikwissenschaftler Jan Techau.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

USA  Trump löst Beratergremien auf | mehr

Kulturnachrichten

Bands boykottieren Berliner Pop-Kultur Festival  | mehr

 

| mehr