Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

Pussy Riot erteilen Richtern eine Kunst-Lektion

Schlussworte der drei Künstlerinnen in Moskauer Prozess

Von Gesine Dornblüth

Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina
Die Musikerinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Für ihre provokante Aktion in einer Kathedrale müssen die russischen Punkerinnen von Pussy Riot vermutlich ins Gefängnis. Doch vor Gericht hatten die drei Frauen am Mittwoch noch einen großen Auftritt. Zu erleben war eine Nachhilfestunde in Philosophie, Literatur und moderner Kunst.

Die drei jungen Frauen von Pussy Riot nutzten ihre Schlussworte heute für eine Art Nachhilfestunde in Philosophie, Literatur und moderner Kunst. Den Anfang machte die 22-jährige Nadjeschda Tolokonnikowa, Philosophiestudentin und Wortführerin der Band. Sie bezeichnete den Prozess als "mittelalterliche Inquisition". Und sie zitierte Alexander Solschenizyn. Er hat gesagt, dass Worte Beton zum Einsturz bringen. Tolokonnikowa verwies ferner auf das Schicksal der Oberiuten, einer avantgardistischen Künstlervereinigung im Petersburg der 20er-Jahre. Die sowjetische Führung verbot die Bewegung als angeblich staatsfeindlich, ein Mitglied, der Schriftsteller Danijl Charms, verhungerte im Gefängnis, ein anderer, Alexander Wwedenskij, starb auf einem Gefangenentransport.

Tolokonnikowa: "Die Oberiuten haben mit dem Preis des eigenen Lebens bewiesen, dass ihr Eindruck der Sinnlosigkeit und Alogik ihrer Epoche richtig war. Die Oberiuten sind tot, aber sie leben. Sie wurden bestraft, aber sie sterben nicht."

Allerdings ist das Verständnis für Avantgarde, für moderne Kunst, für alternative Denkweisen insgesamt bis heute in Russland nicht sehr verbreitet. Das war heute das Thema von Maria Aljochinas kurzer Ansprache vor Gericht.

"Das russische Bildungssystem ignoriert die Persönlichkeit der Kinder. Im Ergebnis wird dabei moderne Kunst marginalisiert. Es gibt keine Motivation zum philosophischen Denken oder zum Überwinden von Geschlechterstereotypen. Die Bildungseinrichtungen bringen dem Menschen von klein auf bei, automatisiert zu leben und keine Fragen zu stellen. Von Kind an vergisst der Mensch dadurch seine Freiheiten."

Einmal mehr wurde heute klar: Die drei Künstlerinnen, Nadjeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, wussten ganz genau, was sie taten, als sie im Februar in der Moskauer Kathedrale auftraten. Es war eine bewusste Provokation, um die Verschmelzung von Kirche und Staat in Russland aufzuzeigen. Vermutlich müssen die Frauen dafür ins Gefängnis, doch heute hatten sie noch einmal einen großen Auftritt, und Tolokonnikowa machte er sichtlich Spaß. Mit einem süffisanten Lächeln wandte sie sich an die Richterin:

"Erinnern Sie sich, wofür der junge Dostojewskij zum Tode verurteilt wurde? Seine Schuld bestand darin, dass er sich für den Sozialismus begeisterte und ein paar Freidenker zusammenrief, die sich freitags trafen. An einem der letzten Freitage hat er einen Brief von Belinskij an Gogol laut vorgelesen, der, so das Gericht, voll war von – Achtung – 'unverschämten Ausdrücken gegen die russisch orthodoxe Kirche und die Obrigkeit'."

Genau das warf die Anklage den jungen Frauen von Pussy Riot in den vergangenen Tagen vor: Sozialismus, unverschämte Ausdrücke gegen die russisch orthodoxe Kirche und die Obrigkeit.

Auch Maria Aljochina verwies auf frühere Prozesse gegen Schriftsteller.

"Mich ärgert sehr, wenn die Anklage von 'sogenannter' moderner Kunst spricht. Während des Prozesses gegen den Dichter Josef Brodskij in der Sowjetunion geschah genau das gleiche. Da war von 'sogenannten Gedichten' Brodskijs die Rede. Für mich ist dieser Prozess ein 'sogenannter' Prozess. Und ich habe keine Angst vor Ihnen und vor dem Urteil dieses 'sogenannten' Gerichts."

Nadjeschda Tolokonnikowa schloss ihren Auftritt mit einem Lächeln auf den Lippen.

"Zum Schluss will ich aus einem Lied der Gruppe Pussy Riot zitieren. Denn ihre Lieder haben sich als prophetisch erwiesen. Insbesondere unsere Prophezeiung, dass der Chef des KGB und der Allerheiligste die Protestierenden im Konvoi in Untersuchungshaft führen. Jetzt aber das Zitat: 'Öffnet alle Türen, nehmt die Schulterklappen ab und spürt mit uns den Geruch der Freiheit.'"

Die Richterin unterband den Applaus mit dem Hinweis, man sei hier nicht im Theater. Doch genau diesen Eindruck hatte man all die Prozesstage: Den eines absurden Theaters – in der Tradition von Danijl Charms.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:56 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:05 Uhr Hörspiel

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 19:05 Uhr Oper

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

BelgienKunstkrimi um zwei Altarbilder

Der Mittelaltar im Genter Altar von Hubert und Jan van Eyck (Ausschnitt) zeigt die "Anbetung des Lammes" als Symbol für das Paradies in einer Frühlingslandschaft. Das Gemälde entstand um 1432.

Gerüchte, Verschwörungstheorien, mysteriöse Todesfälle: Der Diebstahl zweier Bildtafeln aus dem Genter Altar des Malers Jan van Eyck im April 1934 ist ein wahrer Kunstkrimi. Bis heute ist eines der beiden Gemälde verschwunden.

ErnährungGesunder Verzicht

Viele Menschen verzichten auf Fleisch oder sogar komplett auf tierische Produkte. Die medizinische Forschung sagt: Gut so - wenn man es richtig anstellt. Im Hörsaal geht es um die Geschichte der fleischlosen Ernährung und ihre medizinischen Vorteile.

Papst Franziskus"Für Progressive und Konservative"

Papst Franziskus sitzt im roten Gewand auf einem weißen Stuhl, rechts und links neben ihm zwei Messdiener in weißen Gewändern mit gefalteten Händen

Bislang habe Papst Franziskus grundsätzliche Veränderungen in der Kirche nicht angepackt, sagte der Theologe Theo Dierkes im DLF. Dennoch habe sich etwas verändert: Mit seinem offenen, neuen Stil versuche Franziskus, die Kirche raus aus ihrer Abgeschlossenheit zu führen.

ErnährungMediengurken und Ehekrach

Darf's noch ein bisschen mehr sein?

Nun sollen fünf Mal Obst und Gemüse pro Tag nicht mehr genügen, um das Leben zu verlängern, mindestens sieben Portionen sollten es schon sein, so eine britische Studie. Lebensmittelchemiker Udo Pollmer über den Wert der Forschungsarbeit und Aggressionen durch Kalorienzählen.

FreibadEndlich wieder rutschen

Looping, Trichter oder Freefall: In Sachen Wasserrutschen macht Julian Tschech so schnell keiner was vor. Der 20-Jährige hat zusammen mit seinem Bruder schon rund 600 Rutschen getestet - in Deutschland, im Ausland, überall. Die Freibadsaison kann kommen!

SyrienAssad profitiert von der Ukraine-Krise

Syriens Präsident Assad spricht in ein Mikrofon. 

Die Ukraine-Krise hält die Regierungen im Westen in Atem. Syriens Präsident Assad dürfte das freuen - denn sein Bürgerkrieg ist aus dem Blickfeld fast verschwunden. Assad fühle sich durch den Konflikt im Osten Europas in seiner Politik bestätigt, kommentiert Tomas Avenarius im Deutschlandfunk.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Papst Franziskus  feiert mit Gläubigen Osternacht im Petersdom | mehr

Kulturnachrichten

Weltweite Anteilnahme  am Tod Gabriel Garcia Marquez´ | mehr

Wissensnachrichten

Abitur  Abitur: G8 oder G9 macht keinen Unterschied | mehr