Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Pussy Riot"-Musikerin darf nicht zu ihrem Sohn

Russisches Gericht lehnt Haftaufschub für Maria Aljochina ab

Von Gesine Dornblüth

Die Musikerinnen der russischen Punk-Band "Pussy Riot": Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Musikerinnen der russischen Punk-Band "Pussy Riot": Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikova und Maria Aljochina (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Die drei Frauen der russischen Band "Pussy Riot" sitzen wegen einer putin- und kirchenkritischen Performance in Russland in Haft. Eine von ihnen, Maria Aljochina, hatte beantragt die Haft später verbüßen zu dürfen, weil ihr fünfjähriger Sohn sie brauche. Das Gericht entschied negativ - wegen "der besonderen Schwere des Verbrechens".

Perm, zwei Flugstunden nordöstlich von Moskau. Es ist noch dunkel. Etwa ein Dutzend überwiegend junger Leute aus Moskau steigen in einen Kleinbus. Sie gehören zu einer Unterstützergruppe von "Pussy Riot", der wegen ihrer putinkritischen Punkperformance in einer Moskauer Kathedrale verurteilten Künstlerinnen.

An diesem Morgen fahren sie zu einer Gerichtsverhandlung von Maria Aljochina. Sie hat einen sechsjährigen Sohn und beantragt, dass ihre Haftstrafe ausgesetzt wird, solange, bis er 14 ist. Nach russischem Gesetz ist das möglich. Dmitrij Kuminov, Programmierer aus Moskau, glaubt allerdings nicht, dass Aljochina freikommt.

"Die Regierung verfolgt die Taktik, Oppositionelle einzuschüchtern und aktive Bürger mit Repressionen abzuschrecken. Aber eine kleine Chance besteht trotzdem."

Kuminov und seine Mitstreiter wollen zeigen, dass nach wie vor Interesse am Schicksal der Künstlerinnen von "Pussy Riot" besteht.

"Es geht um eine Art öffentliche Kontrolle. Es ist ein Unterschied, ob ein Richter im Stillen Unrecht sprechen kann, oder ob er widersinnige Urteile vor der Öffentlichkeit fällen muss. Außerdem wollen wir Maria zeigen, dass wir sie nicht vergessen haben, seit sie aus Moskau in diese entlegene Gegend gebracht wurde."

Die Fahrt geht nach Norden. Erst um zehn Uhr dämmert es allmählich. Am Straßenrand türmt sich Schnee, nur die Fahrspuren sind frei. Die Gegend ist menschenleer.

Nach dreieinhalb Stunden tauchen Fabrikschlote auf: Berezniki. Eine Chemie- und Kalistadt, von Verbannten errichtet. Die Gruppe fährt an der Strafkolonie vorbei, macht Fotos. Außer einer hohen Mauer mit Stacheldraht ist nichts zu sehen. In den Baracken dahinter näht Maria Aljochina nun Uniformen für die Polizei.

Die Justiz hat die Verhandlung ins Stadtgericht verlegt. Das Gebäude steht in der Straße des Fünfjahrplans. Schon zwei Stunden vorher wartet eine Traube Journalisten und Menschenrechtler aus Moskau vor der Tür. Die Einheimischen betrachten die Menschenmenge argwöhnisch. Ein junger Mann eilt den Fußweg entlang, die Schultern hochgezogen.

Mit dem Namen "Pussy Riot" kann er nichts anfangen. Aber von dem Punkgebet in der Christerlöser-Kathedrale hat er gehört.

"Es gibt Orte, die sind heilig. Da macht man so was nicht. Die haben gegen das Gesetz verstoßen, jetzt sollen sie ruhig einsitzen."

Die Verhandlung beginnt mit knapp einer Stunde Verspätung. Die Gerichtsdiener sind angesichts des Besucherandrangs überfordert. Der Saal ist zu klein für alle. Galina Guseva arbeitet für die Lokalzeitung "Berezniki am Abend".

"So viele Leute waren hier noch nie. Unglaublich."

Ihre Zeitung hat eine Umfrage zu "Pussy Riot" gemacht. Die meisten würden den Auftritt in der Kathedrale verurteilen, fänden die Haftstrafe aber zu hart.

"Aber die Leute interessieren sich nicht besonders für das Thema."

"Wir haben andere Sorgen. Hier gab es vor einigen Jahren ein Grubenunglück. Die Kalivorkommen liegen unter bebautem Gebiet. Das ist hier das Thema Nummer eins."

Im Gerichtssaal sitzt Marija Aljochina wie eine Schwerverbrecherin in einem Glaskäfig, wie schon in Moskau bewacht von mehreren Sicherheitskräften. Doch die Verhandlung in Berezniki verläuft anders. Die Richterin spricht mit ruhiger Stimme, fragt die Verurteilte nach dem Verhältnis zu ihrem Sohn, scheint sich tatsächlich für das Schicksal zu interessieren. Der Staatsanwalt plädiert gegen eine Freilassung. Aljochina habe mehrfach gegen die Lagerordnung verstoßen, das belege ihren schlechten Charakter. Die Richterin gibt der Verteidigung die Möglichkeit, die Vorwürfe des Staatsanwaltes zu entkräften.

Drei Stunden dauert die Verhandlung, dann zieht sich die Richterin für zwei Stunden zurück. Das Urteil trägt sie schließlich mit leiser Stimme vor: Antrag abgelehnt. Aljochina bleibt in Haft – wegen der "besonderen Schwere ihres Verbrechens", wie die Richterin sagt. Dmitrij Kuminov von der Unterstützergruppe ist überzeugt, dass dieses Urteil im Kreml geschrieben wurde.

"Was hier heute passiert ist, war nur die Imitation eines Prozesses."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:35 Uhr Forschung aktuell

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:30 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

GroKo-VerhandlungenNeustart für Europa?

Bei einer Kundgebung im französischen Toulouse schwenken pro-europäische Aktivisten EU-Flaggen. (imago stock&people)

Der SPD-Sonderparteitag am Sonntag stimmt darüber ab: Wird die GroKo verhandelt, ja oder nein? Es wird zugleich ein Votum für oder gegen einen politischen Neustart in der EU sein, glaubt Jörg Himmelreich.

RohingyaAngst vor der Rückkehr

Kinder der muslimischen Rohingya im Thankhali Flüchtlingslager in Bangladesch (AFP / Uz Zaman)

Myanmar und Bangladesch wollen in der kommenden Woche mit der Rückführung von Rohingya-Flüchtlingen beginnen, die in den Flüchtlingslagern in Süd-Bangladesch leben. Aber die Menschen dort wollen nicht zurück, zumindest nicht jetzt. Zu tief sitzen die Wunden, zu groß ist das Misstrauen.

VolkswagenAls der VW Käfer kriselte

Ein VW-Käfer mit historischem "H"-Kennzeichen bei einer Ausfahrt. (imago/Rüdiger Wölk)

Sparsam, zuverlässig, einfach zu reparieren: Der VW Käfer war das Auto der Wirtschaftswunder-Jahre und bald ein Exportschlager. Bis 1978 wurde er noch in Emden produziert, dann war aber Schluss: Der Käfer war nicht mehr zeitgemäß.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Mögliche Groko  SPD will Bundeskulturministerium fordern | mehr

Kulturnachrichten

SPD will Bundeskulturministerium schaffen | mehr

 

| mehr