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RADIOORTUNG

Hörspiele für Selbstläufer

Hörspielprojekt Radioortung (bef.friebel 2010, Fotograf: Bernd Friebel)
Hörspielprojekt Radioortung (bef.friebel 2010, Fotograf: Bernd Friebel)

In den kommenden zwölf Monaten entwickeln mehrere Künstlergruppen ortsbezogene Handy-Hörspiele für öffentliche Räume in Berlin und Köln. Heute startet die neue Hörspielreihe mit "Verwisch die Spuren!" der Hamburger Künstlergruppe LIGNA.

In ihren Stücken erforschen die Künstler Technologien des mobilen Internet für künstlerische Radioprojekte. Auf einer virtuellen Karte im Netz werden Hörspielfragmente als Audio-Datei abgelegt. Im öffentlichen Stadtraum können diese Hörminiaturen dann über ein Handy zum Klingen gebracht werden.

Doch welche Form des Erzählens eignet sich für den Stadtraum? Und welche Geschichten wollen wir erzählen? Einen Mitmach-Krimi durch die Stadt oder Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" - am Alexanderplatz?

Uns interessiert bei diesem Projekt vor allem die Technologie, die zunehmende Verbreitung leistungsfähiger Mobiltelefone mit schnellem Internetzugang und Lokalisierungsfunktion (GPS) und die Frage, wie diese Technologie in den Alltag unserer Hörer eingreift. Aus der Verknüpfung der Geo- und Bewegungsdaten mit den digitalen Datenspuren, die jeder User im Internet hinterlässt, können Profile für vielfältige Zwecke erstellt werden. Das heute im Internet angesehene Produkt wird morgen zum maßgeschneiderten Sonderangebot auf meinem Handy, sobald ich mich auf meinem Spaziergang dem Kaufhaus nähere - eine Vision der allernächsten Zukunft.

RADIOORTUNG will diese Entwicklungen mit den Mitteln des Hörspiels untersuchen. Deshalb haben wir Theater- und Hörspielmacher, Performance- und Medienkünstler eingeladen, die sich in ihren Arbeiten bereits mit Interventionen im öffentlichen Raum beschäftigt haben.

Hörspielprojekt Radioortung Die Hörspiele schalten sich in den öffentlichen Raum ein. Ebenso wie uns standortbezogene Werbebotschaften in Zukunft auf dem Handy heimsuchen können, suchen unsere Hörminiaturen die Hörer über Kopfhörer heim. Sie fordern zum Handeln auf, zum Nachdenken und Reflektieren über den Ort, an dem sich die Hörer gerade befinden.
Das Hörspiel empfängt den Hörer, denn das Handy registriert das Zusammentreffen und setzt die Geschichten in Gang. Persönliche, aktuelle, zukünftige, historische, kollektive, fiktive Geschichten legen sich über den realen Ort. Die Stimmen und Geräusche der virtuellen Tonspur mischen sich mit Geräuschen und Beobachtungen vor Ort und verführen zu einer neuen Wahrnehmung.

Am 9. September eröffnen die Medien- und Performancekünstler der Gruppe LIGNA die Hörspielreihe mit ihrem Stück "Verwisch die Spuren!".

Hörspielprojekt RadioortungSie haben 32 Hörspielfragmente zwischen dem Alexanderplatz und dem Schlossplatz in Berlin Mitte platziert. Das Gelände ist umstritten, niemand weiß, wie es in Zukunft aussehen wird. Das Berliner Stadtschloss dominierte den Platz, bis es abgerissen wurde. Der Palast der Republik wurde gebaut und gab dem Ort zusammen mit dem Fernsehturm und dem Marx-Engels-Forum eine neue Identität: eine städtebauliche Repräsentation der DDR.

Nach 1989 stellt sich noch immer die Frage, was mit diesem Raum passieren soll: Der Palast der Republik wurde abgerissen - soll der Rest des Ensembles stehen bleiben? Oder soll Alt-Berlin wieder errichtet werden? LIGNA lädt zu einer Besichtigung ein und öffnet den Raum der historischen und futuristischen Fantasie: Wie wird diese Landschaft den Archäologen in 4000 Jahren erscheinen? Vielleicht wie den Berlinern Kairo erschien, als es in der Gewerbeausstellung von 1896 mit einem Nachbau der Cheops-Pyramide, märkischem Sand und Beduinen imaginiert wurde.

Welche Spuren hinterlässt die Geschichte, welche Spuren hinterlässt eine Gesellschaft und welche Spuren werden verwischt?
Welche Spuren hinterlassen wir, wenn wir uns mit Mobiltelefonen durch den Raum bewegen, wenn wir durch unsere Bewegung das Hörspiel in Gang setzen? Und wie lassen sich die Spuren lesen?

LIGNA lädt die Hörer dazu ein, zu Flaneuren zu werden und das Gebiet in der Mitte Berlins mit ihrem Hörspiel im Ohr zu durchstreifen. Dient GPS normalerweise der genauen Verortung jedes Einzelnen im Hier und Jetzt, lädt die Technik in "Verwisch die Spuren!" zum Flanieren ein. Flanieren meint dabei das ziellose Umherstreunen in der Stadt, das nicht der Erholung dient, sondern dem Müßiggang. Dem Flaneur erscheint die zwielichtige Vieldeutigkeit des urbanen Raums, er entdeckt abgelegte Spuren, legt neue und lernt, die eigenen Spuren zu verwischen.

Zwischen dem 9. und 12. September vergibt der Koproduktionspartner Deutsches Theater Berlin Eintrittskarten und vorprogrammierte Handys.
(6 Euro inkl. Leih-Handy und – Kopfhörer).

Am Donnerstag, Freitag und Sonntag jeweils um 19:00 Uhr, am Samstag um 15:00 Uhr und um 20:30 Uhr.
Start ist am Deutschen Theater Berlin.
Kartenreservierungen


Kostenlos ist das mobile Hörspiel ab dem 13. September für alle zu erleben, die ein Handy mit dem Betriebssystem Android besitzen und sich die RADIOORTUNG-Applikation herunterladen.
So kann man jederzeit auf eigene Faust das Terrain erkunden und über das Areal flanieren, um die Geschichten zu hören.

Das Areal lässt sich auch virtuell auf unserer Webseite www.dradio-ortung.de begehen. Jeder Punkt auf der virtuellen Karte ist ein Hörspielfragment. Die meisten Punkte sind noch weiß – sie werden am 13.9. aktiviert. Ein paar Punkte können Sie sich aber schon jetzt online anhören: Es sind die Wurfsendungen, die parallel zum Handy-Hörspiel entstanden sind.


RADIOORTUNG – Hörspiele für Selbstläufer
Eine Produktion von Deutschlandradio Kultur
Teil Eins: "Verwisch die Spuren" von LIGNA
Koproduktion: Deutsches Theater Berlin

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:37 Uhr

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