Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Rechtsextremist gesteht Anschläge

Trauerfeiern in Oslo für die Opfer

Trauer um die Opfer vor der Kathedrale von Oslo. (picture alliance / dpa / Hakon Mosvold Larsen)
Trauer um die Opfer vor der Kathedrale von Oslo. (picture alliance / dpa / Hakon Mosvold Larsen)

Ein festgenommener 32-jähriger Rechtsextremist hat die beiden Anschläge von Oslo mit 93 Toten gestanden. Er habe Europa vor "Marxismus und Islamisierung" retten wollen. In Oslo wurde bei mehreren Trauergottesdiensten der Opfer gedacht.

Der Verteidiger des mutmaßlichen Täters sagte dem norwegischen Fernsehsender TV2, die Äußerungen seines Mandanten in dem mehrstündigen Polizeiverhör seien zum Teil unverständlich gewesen. "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat." Der Tatverdächtige lehne eine strafrechtliche Verantwortung für seine Handlungen ab. Sein Ziel sei es gewesen, die norwegische Gesellschaft anzugreifen, um sie zu verändern, erklärte er laut seinem Anwalt. Er sei einverstanden damit, von einem Arzt auf psychische Störungen untersucht zu werden.

Norwegens Kronprinz Haakon und seine Frau Mette-Marit auf einem Trauergottesdienst für die Anschlagsopfer im norwegischen Norderhov. (AP)Norwegens Kronprinz Haakon und seine Frau Mette-Marit auf einem Trauergottesdienst im Osloer Dom. (AP)Am Sonntagmittag gedachte die norwegische Königsfamilie zusammen mit der gesamten Regierung sowie Überlebenden und Angehörigen der Opfer bei einem Trauergottesdienst im Osloer Dom der beiden Anschläge vom Freitag. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von einer nationalen Tragödie.

Tat geht aus fremdenfeindlichem Manifest hervor

Nach Berichten norwegischer Medien hatte der Festgenommene kurz vor der Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel und dem Massaker in einem sozialdemokratischen Jugendferienlager seine Anschläge in einem rund 1500 Seiten starken fremdenfeindlichen Dokument angekündigt, dass er per E-Mail verschickt hatte. Aus dem Manifest gehe offenbar auch hervor, dass die Tat seit fast zwei Jahren geplant war.

Die Ermittlungen laufen indes weiterhin auf Hochtouren. Die Polizei geht Hinweisen auf einen zweiten Schützen nach, der laut Zeugenaussagen an dem Blutbad auf das Ferienlager beteiligt gewesen sein könnte, wie ARD-Korrespondent Tim Krohn im Deutschlandfunk sagte. Im Osten Oslos fand ein Einsatz einer Anit-Terroreinheit der Polizei in einem Wohnviertel (MP3-Audio) statt. Mehrere Verdächtige wurden vorübergehend festgenommen. Nach Behördenangaben gebe es aber keine Verbindung zu den beiden Anschlägen.

Rettungskräfte suchen rund um die Fjordinsel Utøya nach weiteren Opfern. (AP)Rettungskräfte suchen rund um die Fjordinsel Utøya nach weiteren Opfern. (AP)Bereits in der Nacht zum Samstag suchten Taucher mithilfe eines U-Bootes rund um die Fjordinsel Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten ihr Ferienlager unterhält, nach weiteren Opfern. Vier bis fünf Menschen werden noch vermisst. Einige Jugendliche flüchteten vor dem Schützen ins Wasser.

Verdächtiger stammt aus christlich-fundamentalistischem Umfeld

Mit Details über den mutmaßlichen Täter halten sich die Behörden bislang bedeckt. Nach Medienberichten soll er christlich-fundamentalistischem und rechtsextremem Gedankengut anhängen. Er soll zwei legale Waffen besessen haben und Mitglied in einem Schützenverein gewesen sein. In Internetforen hat der Verdächtige offenbar Dutzende islamkritische und nationalistische Beiträge verfasst.

Auf seiner Facebook-Seite beschrieb sich der Mann als christlich und konservativ. Als Vorbild nennt er Winston Churchill, zu seinen Lieblingsbüchern zählt er Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" und "Der Wohlstand der Nationen" von Adam Smith. Norwegens rechtspopulistische Fortschrittspartei FrP bestätigte, der Verdächtige sei zwischen 1999 und 2006 ihr Mitglied gewesen.

Über den Kurznachrichtendienst Twitter schrieb der Mann: "Ein Mensch mit einem Glauben hat die Kraft von 100.000, die nur Interessen haben." Der Eintrag stammt vom 17. Juli - fünf Tage vor den Anschlägen.

Ein Tag nach dem Anschlag beginnen in Oslo die Aufräumarbeiten. (AP)Ein Tag nach dem Anschlag beginnen die Aufräumarbeiten. (AP)

32-Jähriger war nicht als Rechtsradikaler zu erkennen

Der mutmaßliche Täter entspricht nicht dem typischen Klischee der gewaltbereiten, rechtsradikalen Szene. Politikwissenschaftler Klaus Schröder bestätigt im Deutschlandfunk, dass es eine veränderte rechtsradikale Szene in Europa gibt (MP3-Audio). Er vermutet, dass der mutmaßlichen Täter die rechtsextreme Szene in Norwegen "aufrütteln" möchte, um auf seine Anliegen - Rettung vor Marxismus und Islamisierung - aufmerksam zu machen.

Mehr als 45 Minuten schießt der Täter auf Jugendliche

Wie Augenzeugen berichten, machte der Tatverdächtige auf der Insel Utøya am Freitagnachmittag über eine Dreiviertelstunde Jagd auf die Teilnehmer eines Ferienlagers der norwegischen Jungsozialisten. Dabei wurden mindestens 86 Menschen getötet.

Den Bombenanschlag in Oslos Regierungsviertel, dem mindestens sieben Menschen zum Opfer fielen, hat der mutmaßliche Täter möglicherweise mithilfe eines Kunstdüngersprengsatzes ausgeführt. Ein norwegischer Großhändler bestätigte, man haben dem Verdächtigen seit dem Frühjahr sechs Tonnen Dünger verkauft.

[url=http://www.dradio.de/aktuell/1510781/bilder/image_main/ title="Weitere Bilder der Explosion in Oslo" target="_self]Weitere Bilder


Mehr zum Thema:

Reaktionen deutscher Politiker auf Oslo

Ein Land trauert - Norwegen nach dem Tag des Schreckens

Sicherheitsforscher Peter Burgess: Das ganze Land steht unter Schock

Der Konflikt- und Friedensforscher Johan Galtung über die Anschläge in Norwegen

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:56 Uhr Wirtschafts-Presseschau

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Länderreport

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

25 Jahre nach Brent SparGreenpeace beklagt Meeresbelastung durch Öl

Die Bohr- und Förderinsel Mittelplate in der Nordsee vor der Küste bei Büsum (Schleswig-Holstein), aufgenommen am 21.05.2014. (picture alliance / dpa - Christian Charisius)

Vor 25 Jahren protestierte Greenpeace gegen die Versenkung der Ölbohr-Plattform Brent Spar in der Nordsee. Nun hat die Umweltorganisation in einer Studie zusammengefasst, wo es Fortschritte bei der Bekämpfung der Ausbeutung der unterseeischen Ölvorkommen gegeben hat und wo nach wie vor Handlungsbedarf besteht.

Architektur der NachkriegsjahrzehnteDer "Zeugniswert" von Gebäuden

Die Treppenstraße in Kassel (Hessen), aufgenommen am 04.10.2013. Sie gilt als erste Fußgängerzone Deutschlands und wurde im November vor 60 Jahren eröffnet. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Welche Gebäude aus den Nachkriegsjahrzehnten sollten erhalten bleiben? Viele Bürger finden sie hässlich, Denkmalpfleger halten dagegen. Aufklärung über den "Zeugniswert" der Bauten könne helfen, sagt Heiner Farwick, Präsident des Bundes Deutscher Architekten.

#ausderklapseTweets aus der Psychiatrie

Uwe Hauk ist depressiv und ist freiwillig in eine psychiatrische Klinik gegangen. Unter dem Hashtag #ausderklapse hat er von dort über seine Erfahrungen getwittert. Und das hat ihm richtig gut getan.

Hilfe für Erdbebenopfer "Nicht der Zeitpunkt für Kritik"

Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes bereiten Flüge mit Hilfsgütern für die Erdbeben-Opfer in Nepal vor. (AFP / Hannibal Hanschke)

Nach dem Erbeben in Nepal müsse genau analysiert werden, was passiert ist, sagte Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz im DLF. Es sei schon lange bekannt gewesen, dass es zu einem Beben kommen würde.

FlüchtlingspolitikEuropa muss Afrika antworten

Gerettet Flüchtlinge im Mittelmeer (picture alliance / dpa / Foto: Alessandro Di Meo)

Angesichts der Flüchtlingsströme gerät die europäische Politik zunehmend unter Druck. Es reiche aber nicht aus, wenn nur die Unterbringung und die Kosten gerechter verteilt würden, meint Sieglinde Geisel. 

Deutsche Bank contra Kirch"Der Schaden ist gewaltig"

Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim, aufgenommen am 10.05.2012 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Fünf aktuelle und ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank stehen ab heute vor Gericht. Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft, spricht von nicht konsequenten "Aufräumarbeiten".

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Sozialverband:  Soziale Spaltung in Deutschland wird tiefer | mehr

Kulturnachrichten

Geld für Kultureinrichtungen in Ostdeutschland  | mehr

Wissensnachrichten

Hintergrund  Warum Erdbeben-Vorhersagen nicht funktionieren | mehr