Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Regierung bringt Beschneidungsgesetz auf den Weg

Religiöse Beschneidungen sollen rechtssicher werden

Ein Urologe nimmt in einer Berliner Privatklinik eine Beschneidung an einem zweijährigen Jungen vor (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Ein Urologe nimmt in einer Berliner Privatklinik eine Beschneidung an einem zweijährigen Jungen vor (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Das Bundeskabinett hat den Gesetzentwurf zum Beschneidungsrecht gebilligt. Danach können Eltern ihren Jungen beschneiden lassen, ohne dabei ihre gesetzliche Fürsorgepflicht zu verletzen. Allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen eingehalten werden.

Nach wochenlangem Streit sieht der Entwurf vor, dass nicht das Strafrecht, sondern das Fürsorgerecht bei der Beschneidung gilt. Eltern dürfen auf Grundlage ihres Erziehungsrechts eine religiös motivierte Beschneidung veranlassen, wenn sie "nach den Regeln der ärztlichen Kunst" erfolgt. In den ersten sechs Lebensmonaten dürfen Säuglinge auch von religiösen Beschneidern beschnitten werden, die zwar keine Ärzte, aber "dafür besonders ausgebildet" sind. Der Eingriff ist aber verboten, wenn er "das Kindeswohl gefährdet", also beispielsweise gesundheitlichen Gründe vorliegen. Die Verstümmelung weiblicher Genitalien bleibt weiterhin strikt verboten.

Die Bundesregierung verweist auf den im Grundgesetz geregelten Vorrang des elterlichen Sorgerechts: Eltern dürften deshalb ihre Kinder "grundsätzlich frei von staatlichen Eingriffen nach eigenen Vorstellungen" erziehen und ihnen religiöse Überzeugungen vermitteln. Von Eltern veranlasste, religiös motivierte Beschneidungen seien insoweit keine Körperverletzung.

Zustimmung von jüdischer und muslimischer Seite

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. (AP)Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)Jüdische und muslimische Verbände begrüßten die Neuregelung der Beschneidung von Jungen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, erklärte in der "Rheinischen Post", die Bundesregierung habe einen lebensklugen, ausgewogenen und fairen Gesetzentwurf vorgelegt. Der Zentralrat der Muslime betonte, damit sei Rechtsfrieden geschaffen worden.

Auch Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden, hatte erleichtert auf diesen Gesetzestext reagiert. "Es ist ein ausgewogenes Gesetz, und ich hoffe sehr, dass auch der Bundestag diesen Richtlinien, die ihm vorliegen, folgt."

Kritiker pochen auf körperliche Unversehrtheit

Die Kritiker bleiben aber skeptisch. Sie bewerten den Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Kindes höher als die Religionsfreiheit. Juristen wie der Rechtsgelehrte Reinhard Merkel und Kinderarztverbände sind der Ansicht, dass das Selbstbestimmungsrecht und das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit einen höheren Stellenwert hätten als das Recht der Eltern auf Erziehung. Eine vorsätzliche Verletzung des Kindes sei deshalb unzulässig. Nach Auffassung der Deutschen Kinderhilfe verstößt eine Beschneidung gegen das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung.

Das Kölner Landgericht hatte im Juni die rituelle Beschneidung eines Jungen als rechtswidrige Körperverletzung eingestuft. Das Urteil stieß auf zum Teil heftigen Protest von Juden und Muslimen.

Religiöse Gründe in Judentum und Islam

Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)Im Judentum ist die Beschneidung männlicher Säuglinge am achten Lebenstag ein bindendes Gebot von höchster Bedeutung und vergleichbar mit der Taufe im Christentum. Die Grundlage findet sich in der Tora, der Heiligen Schrift der Juden, in der Gott die Beschneidung als symbolisches Zeichen des Bundes zwischen ihm und dem jüdischen Volk fordert. Während des Ritus, der sogenannten Brit Mila, bekommt das Kind auch seinen Namen.

Im Islam gilt die Beschneidung bei Sunniten und Schiiten als Pflicht und gehört zur Glaubensüberzeugung der Muslime. Der Zeitpunkt der Beschneidung variiert vom siebten Lebenstag bis zum Beginn der Pubertät.


Mehr zum Thema auf dradio.de:

Religionsfreiheit oder Straftat - Zum Kölner Urteil über die religiöse Beschneidung von Jungen
Aktuelle Rechtslage "gibt klare Bedingungen für eine Beschneidung" - Rechtspolitischer Sprecher hält ausführliche Diskussion für nötig
Nida-Rümelin: Gesetzgeber ist bei Beschneidung in der Pflicht - Wissenschaftler: Philosophie muss Widersprüche in Debatte benennen
"Wir wollen den Eltern nicht mit dem Strafrecht drohen" - Kinderschutzbund "bedingt" zufrieden mit Gesetzentwurf zur Beschneidung

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:59 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:05 Uhr Musiktag

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

AttentatMit ungeheurer Wucht

Sie sehen den Sattelschlepper, mit dem der Anschlag verübt wurde, Arbeiter befestigen ihn am 20.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin an einem Abschleppwagen. (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Nach Anschlägen sind Notfallseelsorger im Dauereinsatz: Sie stehen den Angehörigen der Opfer bei, helfen leicht Verletzten, klären Organisatorisches oder hören einfach nur zu. Wie gehen sie mit dem Erlebten um? Eine Recherche rund um den Berliner Breitscheidplatz.

Siddhartha Mukherjee: "Das Gen"Was Gene wirklich machen

Im Vordergrund das Buchcover von "Das Gen", im Hintergrund ein Computerbild, das eine sich auflösende DNA darstellt. (Buchcover: S. Fischer Verlag, Hintergrund: imago/Science Photo Library)

Siddhartha Mukherjee führt den Leser in "Das Gen" anschaulich in die Genetik ein. Der Mediziner und Bestseller-Autor schafft über seine Familiengeschichte einen unterhaltsamen roten Faden. Vieler kleiner Stories über zufällige Entdeckungen runden das Ganze ab.

Familienserie "This Is Us"Taschentücher bereit halten!

Der US-amerikanische Schauspieler Milo Ventimiglia am 11.05.2017 in Berlin im Kino "Zoo Palast" bei der Premiere der US-Serie "This Is Us - Das ist Leben" (picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Quotenstärkster Neueinsteiger in den USA, nominiert für den Golden Globe, Emmy-Favorit - nun läuft die Familienserie "This Is Us – Das ist Leben" im deutschen Free-TV an. Film- und Serienkritikerin Anna Wollner erzählt, was die Serie so besonders macht.

Bayerns Innenminister Herrmann"Videoüberwachung ist keine Garantie gegen Selbstmordattentäter"

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gestikuliert auf einer Pressekonferenz. (imago / Zuma Press)

"Wir dürfen uns unser Leben nicht von diesen Terroristen diktieren lassen", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im DLF. Um Terrorgefahr zu bekämpfen, müsse man rechtzeitig erkennen, wenn sich Menschen radikalisierten. 

Trump und der Frieden im Nahen Osten"Die Lage ist für die Palästinenser viel günstiger"

Abdallah Frangi, persönlicher Berater von Palästinenser-Präsident Abbas für außenpolitische Angelegenheiten. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Der palästinensische Diplomat Abdallah Frangi hat ein positives Fazit der Nahostreise von US-Präsident Donald Trump gezogen. Die Entwicklung sei sehr ermutigend für die Palästinenser. Trump habe immer wieder betont, wie wichtig ihm eine Friedenslösung sei. 

Effektiver AltruismusMit Spenden die Welt retten

Die dreijährige Siama Marjan spielt in Nairobi (Kenia) hinter einem Moskitonetz, das sie vor dem Stich von Malaria-Mücken schützen soll (Archivfoto). (picture alliance /dpa /Stephen Morrison)

Es gibt einen Weg, die Welt besser zu machen, davon ist der Philosoph Adriano Mannino überzeugt: Er plädiert dafür, dass jeder zehn Prozent seines Einkommens spendet. Möglichkeiten, effizient zu spenden, gebe es viele.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Absage eines Türkei-Besuchs  "Rote Karte für den Bundestag" | mehr

Kulturnachrichten

Facebook blockiert Holocaust-Leugnung nur in vier Ländern  | mehr

 

| mehr