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Reich-Ranicki erinnert an seine Zeit im Warschauer Ghetto

Rede im Bundestag zum Holocaust-Gedenktag

Marcel Reich-Ranicki spricht zum Gedenken der Opfer der NS-Diktatur. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Marcel Reich-Ranicki spricht zum Gedenken der Opfer der NS-Diktatur. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

67 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hat der Bundestag der Millionen Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erinnerte in einer Gedenkrede an die Verfolgung der Juden und den von den Nazis organisierten Völkermord und erzählte von seinem persönlichen Überlebenskampf.

Der 91-Jährige war 1940 von Berlin aus deportiert worden und überlebte die Gefangenschaft im Warschauer Ghetto. In seiner Rede berichtete Reich-Ranicki, wie er als Deutsch-Übersetzer Anweisungen der Nazis an den Judenrat habe aufnehmen müssen. Die im Juli 1942 begonnene "Umsiedlung" aus dem Ghetto sei eine "Aussiedlung" gewesen, mit nur einem einzigen Ziel: "Sie hatte nur einen Zweck: den Tod", schloss Reich-Ranicki seine Rede. Seine Eltern wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Gedenkstunde zum 67. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau im Deutschen Bundestag (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Gedenkstunde zum 67. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau im Deutschen Bundestag (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Erinnern mit Bezug zur Gegenwart

Zum Auftakt der Feierstunde sprach Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) und wies auf die aktuelle Bedeutung des Gedenktages hin: Dass nach aktuellen Untersuchungen 20 Prozent der Bundesbürger latent antisemitisch seien, seien genau 20 Prozent zu viel. Die während dieser Woche vorgestellte Studie "Antisemitismus in Deutschland" war vom Bundestag in Auftrag gegeben worden. In Deutschland müssten alle Menschen frei und ohne Angst leben können, forderte Lammert: "Die vergangenen Wochen und Monate mit der Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie haben uns allerdings wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben."

An der offiziellen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag nahmen auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) teil.

"Zeitzeugen wirken immer noch am meisten"

Der Nationalsozialismus sei zwar auch heute unter Jugendlichen immer wieder Gesprächsgegenstand, aber ohne Zeitzeugen werde die Aufarbeitung der NS-Zeit in Zukunft sehr schwer, meint der Extremismusforscher Klaus Schröder. Im Bezug auf die Gewaltbereitschaft von Neonazis in Deutschland seien sowohl der Verfassungsschutz als auch die Initiativen gegen Rechtsextremismus "blauäugig" gewesen, sagte Schröder im Deutschlandfunk..

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)Anlass des Gedenkens ist die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. (AP Archiv)Der Blogger und Autor Daniel Erk warnte im Deutschlandfunk davor, beim offiziellen Erinnern in Phrasen zu erstarren. Auch wenn sie als Thema sehr präsent sei, kritisierte er die Qualität der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit: Er ärgere sich darüber, "dass diese ständige Präsentation inhaltlich so schlecht gemacht ist und dass es um so wenige Punkte geht und dass es so wenig umfassend und tief gehend ist."

Weltweit wird am 27. Januar der Opfer des Holocaust gedacht. An diesem Tag im Jahr 1945 waren die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, dem größten Vernichtungslager des Nazi-Regimes, von sowjetischen Truppen befreit worden. Dieser Ort des Schreckens steht für den Völkermord und die Millionen Menschen, die während der Nazidiktatur verfolgt und ermordet wurden.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

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