Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Rein in die Kartoffel, raus aus der Kartoffel

Andrea Mavroidis' Reisetagebuch aus Griechenland

Von Andrea Mavroidis

Andrea Mavroidis im Gespräch mit einem Landwirt der Kartoffelbewegung (Deutschlandradio)
Andrea Mavroidis im Gespräch mit einem Landwirt der Kartoffelbewegung (Deutschlandradio)

Sie nennen sich Kartoffelbewegung, es geht ihnen aber um mehr, als nur die schmackhafte Knolle. Andrea Mavroidis hat die Öko- und Landwirtschaftsbewegung zwischen Land und Großstadt verfolgt.

Zur Reportagereihe Nahaufnahmen aus Griechenland

Es ist Samstag früh. Ich fahre mit meinem Auto von Thessaloniki in die 60 Kilometer entfernte Kleinstadt Veria, die liegt nicht weit entfernt von der Grabstätte Philipps, Vater Alexander des Großen. Hier bin ich heute mit Nikos Aslanoglou ,dem Herren über die Kartoffel, verabredet. Nikos ist das Ebenbild eines klassischen Griechen, graues dichtes Haar, coole Sonnenbrille und eine rauchige Stimme. Im eigentlichen Leben ist er Kameramann. Er ist einer der Mitbegründer der Kartoffelbewegung, die sich über das ganze Land ausgebreitet hat und auch inzwischen in den großen Städten Thessaloniki und Athen angekommen ist.

Nikos erzählt mir von den Anfängen der "Ökobewegung Veria":

"Unsere ersten Aktionen waren die gegen den staatlichen Stromriesen DEH. Die haben den Leuten, die ihre Rechnung nicht mehr zahlen konnten, einfach den Saft abgedreht. Egal ob, sie kleine Kinder hatten oder nicht und das mitten im Winter. Das geht doch nicht. Wir sind dann ganz offiziell mit einem Elektriker dahin und haben die Leitung wieder angeschlossen."

Und dann sind Nikos und seine Mitstreiter auf die Kartoffel gekommen und viele andere landwirtschaftliche Produkte:

"Die Idee war, den Menschen ein gesundes Essen zu ermöglichen und gleichzeitig den Bauern zu helfen. Wir sitzen doch alle in einem Boot, die Krise hat uns alle gleichermaßen getroffen."

Schlange stehen für regionale Produkte (Deutschlandradio)Schlange stehen für regionale Produkte (Deutschlandradio)Heute herrscht hier vor den alten Kühlhäusern, etwas außerhalb der Stadt, ein hektisches Treiben. Neben Kartoffeln werden Reis und Mehl angeboten. Die Leute stehen Schlange. Alle finden diese Idee direkt vom Erzeuger zu kaufen prima. Vor einem rieseigen Berg Kartoffeln steht der Landwirt Nikos Kasapis - ein groß gewachsener, junger Bursche, er stammt aus der Stadt Serres, 250 Kilometer weit weg von hier. Aber der Weg lohnt sich trotzdem, erzählt er mir:


"Ich bin jahrelang von den Zwischenhändlern nicht bezahlt worden. Hier werde ich nicht reich, aber ich habe seit langen mal wieder Geld in der Hand, und werde für meine Arbeit bezahlt. Das ist ein gutes Gefühl."

Und die Kunden, quer durch alle Schichten, finden das gut, was hier passiert und das etwas passiert.

"Warum sollen wir hier die ägyptischen Kartoffeln essen und unsere Bauern gehen leer aus? Und dann sollen wir auch noch teures Geld dafür im Supermarkt bezahlen? Wenn sie mich fragen, das ist klasse was hier passiert. Unsere Politiker müssen wachgerüttelt werden."

- entgegnet mir ein älterer Herr.

Ein paar Meter weiter schrillt aus einem blauen Pick-up voll beladen mit Kiwis der Beatles Song "With a little help of my friends". Darin sitzen Sofia Papdopoulo und Sohn Alexis, Produzenten aus dem direktem Umland der Kleinstadt. Die Idee mit der Direktvermarktung finden auch sie prima, es ist ein Anfang, "es muss sich etwas ändern und wir haben das in Hand", meinen die beiden. Denn auch bei ihrem Familienbetrieb ist das Einkommen in den letzten beiden Jahren erheblich geschrumpft und das obwohl die ganze Familie mitarbeitet.

Nikos ist voller Tatendrang und auf meine Frage, ob das hier ein symbolischer Akt ist, reagiert er fast schon empört.

"Nein, das ist hier überhaupt nicht symbolisch. Wenn sie die Kartoffel anstatt für 70 Cent das Kilo hier bei uns für 25 Cent kaufen können, das ist Ökonomie. Und zwar Ökonomie für den Bürger, nicht gegen ihn."

Nikos und seine wachsende Zahl von Unterstützern wollen sich noch besser organisieren. Und sie wollen solange weiter machen, bis sich etwas bewegt in diesem Land. Und nächste Woche gehen die Aktionen weiter, da hat Nikos unter anderem Öl und Fisch bestellt.

Tagebuchnotizen aus Griechenland - Reporterin Andrea Mavroidis' persönlicher Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch
Nahaufnahmen aus Griechenland - Reportagen aus einer Gesellschaft im Umbruch



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Klangkunst

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

LebensmittelindustrieJunkfood und Mangelernährung in Südafrika

Ein Viertel aller südafrikanischen Kinder leiden unter Mangelernährung.  (picture alliance / Nic Bothma)

Viele arme Menschen in Südafrika ernähren sich von billigem Junkfood: Keksen, Chips und Maisbrei. Auch weil Nahrungsmittelkonzerne einheimische Lebensmittelproduzenten verdrängt haben.

HalbjahresbilanzDieselgate schrumpft VW-Gewinn

Logo von VW in Volkswagen reflektiert auf der Motorhaube eines VW-Autos (RONNY HARTMANN / AFP)

Die Dieselkrise zeigt immer noch Wirkung und drückt auf die Halbjahreszahlen von Volkswagen. Unter dem Strich sackte das Konzernergebnis im ersten Halbjahr um ein Drittel ab. Anders dagegen die wichtige Kernmarke VW-Pkw: Nach Verlusten im vergangenen Jahr, brachte sie immerhin wieder knapp 900 Millionen Euro Gewinn.

Kriminalpsychologie Medien sollten Glorifizierung von Tätern vermeiden

Heute erscheint sie mit Fotos: Die französische Tageszeitung "Le Monde" vom 27. November 2014 ( AFP / MATTHIEU ALEXANDRE)

Die französische Zeitung "Le Monde" will keine Gesichter von Terroristen mehr zeigen. Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann begrüßt diesen Schritt und mahnt die Medien zu mehr Zurückhaltung.

Sowjet-HippiesDie Blumenkinder der UdSSR

Plakat der Ausstellung "Soviet Hippies during the Cold War" im Wende Museum. (Deutschlandradio / Kerstin Zilm)

In den späten 60er-Jahren schwappte die Hippie-Bewegung vom Westen in die Sowjetunion. Die Zeugnisse der Hippie-Zeit sind weit verstreut und kaum geordnet. Das Wende-Museum archiviert nun kistenweise Fotos, Tagebücher, Konzertaufnahmen und Heimvideos.

Entscheidung des LandesarbeitsgerichtsFettleibigkeit als Kündigungsgrund

Eine Person in Arbeitshosen und Gummistiefeln geht an einer Reihe Blumentöpfe mit kleinen Blaufichten vorbei. Die Beine sind nur bis zum Oberschenkel zu sehen. (dpa / picture alliance / Sebastian Willnow)

In einigen Fällen kann es bei der Einstellung oder der Kündigung eine Rolle spielen, wie dick ein Arbeitnehmer ist, erklärte der Arbeitsrechtler Guido Weiler im DLF. So gebe es bei Polizeibeamten Anforderungen an den Body Mass Index. Im Fall des übergewichtigen Angestellten einer Gartenfirma einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich.

Tarzan-FilmeWie Sprache das koloniale Weltbild ausdrückt

Der als Tarzan berühmt gewordene USA-Schauspieler Johnny Weissmuller (picture alliance / dpa / Gustav Unger)

"Pacy, Pacy, Kuja Hapa" - was reden die da eigentlich in den alten Tarzan-Filmen? Wir haben den Afrikanisten Guido Korzonnek gefragt: Ein koloniales Gemisch aus Siedler-Swahili und anderen Sprachen, sagt er. Der neue Tarzan-Film macht es besser.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Türkei  Regierung besetzt wichtige Armee-Positionen neu | mehr

Kulturnachrichten

ARD verändert Profil der Senderfamilie  | mehr

Wissensnachrichten

Südseestaat Tonga  Statt Sonnen lieber Skifahren bei Olympia | mehr