Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Sagen Sie, dass ich gefoltert wurde, zwei Tage"

Protestbewegung in Russland unter Druck

Von Gesine Dornblüth

Oppositionsführer Sergej Udalzow an der Spitze der Demonstrantion (picture alliance / dpa / Iliya Pitalev)
Oppositionsführer Sergej Udalzow an der Spitze der Demonstrantion (picture alliance / dpa / Iliya Pitalev)

Seit Monaten versuchen die russischen Behörden, strafrechtlich relevantes Material gegen die Anführer der russischen Protestbewegung zu sammeln. Nun präsentierten die Ermittler einen angeblichen Zeugen. Er soll gestanden haben, Geld für einen gewaltsamen Umsturz beschafft zu haben. Seine Unterstützer sagen, er sei von russischen Ermittlern gefoltert worden.

Mehr als fünf Minuten widmete das Staatsfernsehen gestern den Ereignissen um die Linksfront und um das angebliche Geständnis von Leonid Razvosschajew. Zunächst trat der Sprecher der Ermittlungsbehörde auf.

"Razwosschajew hat sich am 21. Oktober gestellt, um ein Geständnis aufzuschreiben. Darin beschreibt er detailliert, wie er mit Sergej Udalzov, Konstantin Lebedew und anderen Massenunruhen auf russischem Gebiet vorbereitet hat. Er schildert auch, wer an den Massenunruhen am 6. Mai in Moskau beteiligt war."

Konstantin Lebedew ist ein Mitstreiter des Linkspolitikers Udalzow und sitzt bereits seit letzter Woche im Gefängnis. Udalzow selbst soll am Freitag die Anklage vorgelegt werden. Beiden drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Razwosschajew soll auch gestanden haben, dass das Geld für die Massenunruhen von einem georgischen Politiker stamme. Der hat mittlerweile jeden Kontakt zur Linksfront dementiert. Fraglich ist, wie das Geständnis zustande kam. Während Razwosschajew abgeführt wurde, rief er Journalisten zu:

"Sagen Sie, dass ich gefoltert wurde, zwei Tage."

Die Reporterin des Staatssenders kommentierte das mit den Worten, dafür sehe Razwosschajew aber ganz munter aus.

Heute trat nun der oppositionelle Duma-Abgeordnete Ilja Ponomarjow vor die Presse. Ponomarjow ist der Arbeitgeber des angeblich Geständigen. Er stützte die Fassung seines Assistenten.

"Er ist unschuldig. Ich bin überzeugt, dass er mit illegalen Methoden verhört wurde. Ich glaube nicht, dass er freiwillig gestanden hat. Alles deutet auf das Gegenteil. Ich habe ihn auf einem Video gesehen. Da ging er anders als sonst. Jetzt wissen wir sicher, dass die Aussagen gegen uns unter Druck zustande kommen."

Ponomarjow ist selbst unter Druck. Er ist einer von ganz wenigen Abgeordneten, die die Proteste seit Dezember unterstützten. Immer mehr Abgeordnete der Duma drängen darauf, ihm das Mandat zu entziehen, weil auch er angeblich gewaltsame Massenunruhen plane. Im staatlich gelenkten Fernsehen wetterte der nationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski:

"Diese Leute, besonders Ponomarjow, haben sich das Ziel gesetzt, die Lage in unserem Land zu eskalieren. Wenn nötig, muss Ponomarjow sein Mandat abgeben und auch verhaftet werden."

Die Schritte gegen den linken Flügel der Protestbewegung geschahen, während die Regierungsgegner erstmals eine eigene politische Führung wählten. Der sogenannte Koordinationsrat soll das Vorgehen der Protestbewegung besser abstimmen. Auch Sergej Udalzow wurde in das Gremium gewählt. Eine führende Politikerin der Regierungspartei Einiges Russland warf den 45 Mitgliedern des Rates heute schon einmal pauschal vor, sich aus dem Ausland bezahlen zu lassen und damit das eigene Land zu verraten.

Mehr zum Thema:

Russische Opposition wählt Koordinationsrat - Blogger Nawalni gewinnt Wahl der Putin-Gegner
Russland steht heißer Herbst bevor - Opposition kündigt neuen Massenproteste an
Russland hält mehrere Demonstranten in U-Haft fest

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:00 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 06:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 06:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

LebensmittelindustrieJunkfood und Mangelernährung in Südafrika

Ein Viertel aller südafrikanischen Kinder leiden unter Mangelernährung.  (picture alliance / Nic Bothma)

Viele arme Menschen in Südafrika ernähren sich von billigem Junkfood: Keksen, Chips und Maisbrei. Auch weil Nahrungsmittelkonzerne einheimische Lebensmittelproduzenten verdrängt haben.

HalbjahresbilanzDieselgate schrumpft VW-Gewinn

Logo von VW in Volkswagen reflektiert auf der Motorhaube eines VW-Autos (RONNY HARTMANN / AFP)

Die Dieselkrise zeigt immer noch Wirkung und drückt auf die Halbjahreszahlen von Volkswagen. Unter dem Strich sackte das Konzernergebnis im ersten Halbjahr um ein Drittel ab. Anders dagegen die wichtige Kernmarke VW-Pkw: Nach Verlusten im vergangenen Jahr, brachte sie immerhin wieder knapp 900 Millionen Euro Gewinn.

Kriminalpsychologie Medien sollten Glorifizierung von Tätern vermeiden

Heute erscheint sie mit Fotos: Die französische Tageszeitung "Le Monde" vom 27. November 2014 ( AFP / MATTHIEU ALEXANDRE)

Die französische Zeitung "Le Monde" will keine Gesichter von Terroristen mehr zeigen. Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann begrüßt diesen Schritt und mahnt die Medien zu mehr Zurückhaltung.

Sowjet-HippiesDie Blumenkinder der UdSSR

Plakat der Ausstellung "Soviet Hippies during the Cold War" im Wende Museum. (Deutschlandradio / Kerstin Zilm)

In den späten 60er-Jahren schwappte die Hippie-Bewegung vom Westen in die Sowjetunion. Die Zeugnisse der Hippie-Zeit sind weit verstreut und kaum geordnet. Das Wende-Museum archiviert nun kistenweise Fotos, Tagebücher, Konzertaufnahmen und Heimvideos.

Entscheidung des LandesarbeitsgerichtsFettleibigkeit als Kündigungsgrund

Eine Person in Arbeitshosen und Gummistiefeln geht an einer Reihe Blumentöpfe mit kleinen Blaufichten vorbei. Die Beine sind nur bis zum Oberschenkel zu sehen. (dpa / picture alliance / Sebastian Willnow)

In einigen Fällen kann es bei der Einstellung oder der Kündigung eine Rolle spielen, wie dick ein Arbeitnehmer ist, erklärte der Arbeitsrechtler Guido Weiler im DLF. So gebe es bei Polizeibeamten Anforderungen an den Body Mass Index. Im Fall des übergewichtigen Angestellten einer Gartenfirma einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich.

Tarzan-FilmeWie Sprache das koloniale Weltbild ausdrückt

Der als Tarzan berühmt gewordene USA-Schauspieler Johnny Weissmuller (picture alliance / dpa / Gustav Unger)

"Pacy, Pacy, Kuja Hapa" - was reden die da eigentlich in den alten Tarzan-Filmen? Wir haben den Afrikanisten Guido Korzonnek gefragt: Ein koloniales Gemisch aus Siedler-Swahili und anderen Sprachen, sagt er. Der neue Tarzan-Film macht es besser.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

US-Demokraten  Clinton nimmt Nominierung als Präsidentschaftskandidatin an | mehr

Kulturnachrichten

ARD verändert Profil der Senderfamilie  | mehr

Wissensnachrichten

Südseestaat Tonga  Statt Sonnen lieber Skifahren bei Olympia | mehr