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Schätze in Gefahr: Das Gedächtnis der Musik

Die Tonbänder aus dem Nachlass des Musikers und Komponisten Oskar Sala

Von Susanne Lettenbauer

Oskar Sala mit dem Mixturtrautonium, das er Anfang der 50er Jahre konstruiert hat. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Oskar Sala mit dem Mixturtrautonium, das er Anfang der 50er Jahre konstruiert hat. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Im Deutschen Museum München liegt der Nachlass von Oskar Sala, Deutschlands Pionier der elektronischen Musik. Er gilt als der beste und letzte Virtuose auf dem heute archaisch wirkenden Mixturtrautonium, einem analogen Vorläufer des Synthesizers.

"Das sind die Originalbänder von Sala. So hatte er sie beschriftet, wenn er sie denn beschriftet hat."

Graue Umzugskartons in einer Flurecke vor den Archivräumen des Deutschen Museums, sorgfältig von "1" bis "24" beschriftet, lassen kaum erahnen, dass hier der Nachlass von Deutschlands Pionier der elektronischen Musik Oskar Sala verstaut war. Orangene Tonbandschachteln plus Inhalt, Tagebücher, Notizzettel und kiloweise ungeordnetes Bandmaterial haben Wilhelm Füssl und Silke Berdux vom Deutschen Museum München seit der Übergabe im Jahr 2003 auf 70 Regalmeter verteilt:

"Sala hat professionelles Bandmaterial benutzt, auch zu unserem Glück, und die waren alle in diesen orangenen Schachteln und auch in seinem Büro sah es so aus, da gab es eine Wand, die war ganz orange von diesen Tonbandschachteln."

"Zu jedem dieser Tonbänder gehört ... sondern es kann ganz was anderes drinnen sein."

Nie hat sich der ein wenig eitle Oskar Sala um Schüler gekümmert, er hatte keine Erben und riskierte damit, eine entscheidende Entwicklung innerhalb der elektronischen Musik des 20. Jahrhunderts dem Vergessen preiszugeben. Denn der beste und letzte Virtuose auf dem heute archaisch wirkenden Mixturtrautonium, einem analogen Vorläufer des Synthesizers, repräsentiert sowohl Musikgeschichte wie auch Technikgeschichte. Über 70 Jahre lang experimentierte Sala an dem von Friedrich Trautwein Ende der 1920er-Jahre an der Rundfunkversuchsstelle in Berlin entwickelten Trautonium. Überdimensionale Schaltpläne dokumentieren sein Bestreben, mittels Widerstandsdraht, Glimmlampe und Röhren immer neue Klänge und Geräusche zu erzeugen.

Professor Walther Rathert von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität berät das Deutsche Museum beim KUR-Projekt:

"Wir haben es hier mit Material zu tun, das nicht traditionell aufgezeichnet wurde, es existiert keine Notenschrift, sondern sie ist irgendwo in dieser im Moment noch analogen Weise dokumentiert. Für den gesamten Zeitraum, sagen wir mal Ende der zwanziger Jahre bis zu den 70ern, also bis zur Erfindung des Moog-Synthesizers, stehen diese Geräte für eine ganze Ästhetik und Geschichte der elektronischen Musik. Unabhängig davon, was Sala mit diesen Klängen gemacht hat, ob für das HB-Männchen oder für Hitchcocks Vögel, ist es ein ästhetisches und ein geschichtliches Dokument. Allein deshalb sind wir verpflichtet es zu erhalten."

Die Originaltonbänder stehen seit einigen Jahren gut verschlossen in speziellen Pappschachteln in den weitläufigen Metallregalen. Weltweit suchten Füssl und seine Mitarbeiter nach Anbietern dieser nicht oxidierenden, schadstofflosen Pappen. Doch nur eine Extraanfertigung entsprach den strengen Kriterien zur Erstsicherung der bis zu 75 Jahre alten Tonaufzeichnungen. Ein Karton trägt die Beschriftung "Exportstern":

"RO 3 heißt natürlich Rolle 3, EM heißt elektronische Musik 1. Also er hat sehr kryptisch gearbeitet. Manches ist aufzulösen, manches nicht. Hier ist "Mond 1", auch ein berühmter Film von ihm gewesen, den er vertont hat. Also Sala hat sehr viele Industriefilme vertont und hat damals versucht eine neue Bildsprache und Tonsprache zu finden und eben versucht die neuen Bilder zu den Herstellungsverfahren eben auch mit den Klängen zu kombinieren."

Das Tonband zu dem Film "Alvorada" über ein Wirtschaftsunternehmen in Brasilien scheppert mittlerweile als wav-Datei aus Füssls Computer. In der dazugehörenden Dokumentationsdatei steht akribisch jeder kleinste Schnitt, jede Beschriftung auf dem Band, jeder Riss, jeder Kopiereffekt, der entsteht, wenn durch unsachgemäße Lagerung die Aufnahme auf mehreren Lagen des Bandes zu hören ist.

"Wir wollen ja nicht eine geschönte Aufnahme erreichen, sondern wollen es digitalisieren, wie es jetzt ist. In möglichst hoher Auflösung. Das ist die Grundlage für alles Mögliche, was man danach machen kann, für die Nutzung als CDs oder für Benutzer, da ist Verschiedenes denkbar. Jetzt geht es aber erst mal um die Sicherung der Bänder."

Zwanzig gut beschriftete und repräsentative Originalbänder wurden bereits probehalber von Nadja Wallaszkovits digitalisiert. Die verantwortliche Cheftechnikerin des auf historische Tonbänder spezialisierten Phonogramm-Archivs in Wien beschäftigt sich täglich mit Aufnahmen, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückgehen. Der Sala-Nachlass ist dennoch eine Herausforderung für sie als einem der Kooperationspartner des Restaurierungsprojektes:

"Die Digitalisierung wurde mit Bandmaschinen der letzten, also neuesten Generation durchgeführt. Allerdings wurden diese Maschinen auf die historischen Parameter eingemessen, das heißt, es wurde die historische Entzerrung verwendet, es wurde die Bandgeschwindigkeit angepasst. Die Digitalisierung wurde mit einer sehr hohen Signalauflösung durchgeführt, also mit 24 Bit, 96kHz. Und diese Signalauflösung ermöglicht es dann, in Zukunft die Sammlung digital zu restaurieren, sollte es notwendig sein."

Denn noch ist nicht geklärt, mit welchen Geschwindigkeiten die einzelnen Bandschnipsel letztendlich eingespielt wurden.

Oskar Sala, der sich selbst immer als "elektrischer Komponist" bezeichnete, macht es noch posthum den KUR-Projektpartnern schwer. In seinem Berliner Studio kopierte er Geräusche mehrfach, überblendete oder kürzte sie. Außerdem experimentierte Sala gern mit verschiedenen Bandgeschwindigkeiten. Nur welche Bänder schneller abgespielt werden müssen, weiß man nicht. Anfangs wollte Projektleiterin Silke Berdux alle Bandfragmente unter einem Meter aussortieren. Davon ist sie schnell abgekommen. Auch der kleinste Bandschnipsel soll jetzt als wav-Datei über den Bildschirm flimmern können:

"Wir wollen alle Bänder erhalten, weil wir heute noch überhaupt nicht bewerten können, was das wichtigere ist. Vielleicht ist das allerletzte Band eine Schlüsselstelle für die Interpretation des Gesamtschaffens. Deshalb geht die Intention hin zur gesamten Digitalisierung und dafür wurde das Projekt auch beantragt."

Seit Oskar Sala kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 seinen gesamten Nachlass dem Deutschen Museum München vermachte, gehört der teilweise sehr ungeordnete Bestand zu den Lieblingskindern des Archivleiters Füssl. Auch wenn er insgesamt 285 Nachlässe von so bedeutenden Naturwissenschaftlern wie dem Physiker Hermann von Helmholtz oder Joseph von Fraunhofer betreut - der Neuzugang rechtfertigt eine besondere Betreuung:

"Ja, das wäre eine Idee, dass man das Sala-Studio wieder nachbaut und deswegen könnte man auch die Originalschachteln wieder ausstellen. Natürlich ohne den Inhalt, denn die Inhalte werden im Archiv aufbewahrt."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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