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Schätze in Gefahr: Ostdeutsche Lebenswirklichkeit

Zur Sicherung der ostdeutschen Bildgeschichte 1945 – 1960

Von Carsten Probst

Aus vier bedeutenden Nachlässen ostdeutscher Fotografen der Nachkriegszeit gibt es rund 68.000 Dias und Negative in der Deutschen Fotothek in Dresden. Doch aufgrund ihres hohen Alters zersetzen sich die Bildträger.

Eine große Metallkiste wird auf den Flur der Deutschen Fotothek in Dresden getragen. Eine neue Lieferung Bilder - aber keine gewöhnlichen Fotografien, wie sie hier sonst zu Hunderttausenden in den Archiven lagern ...

"Da ist eine Festplatte drin und es ist analoges Material, was wir wieder zurückführen, drin. Und auf der Festplatte gibt es mehrere Ordner, die jeweils den einzelnen Beständen zugeordnet sind, also der Bestand Pisarek, der Bestand Peter Senior und Bestand Rössing sind jeweils Teillieferungen dabei. Das ist jetzt eine 500-Gigabite-Platte, also wir arbeiten mit 500 Gigabite und 1 Terabite-Platten."

Sagt Günther Gromke. Er führt ein Büro für die Digitalisierung von Fotografien in Leipzig. Das klingt zunächst einmal so, als könne so etwas heute jeder, schließlich verfügen die meisten heute über einen Scanner, auf den sie nur ihre alten analogen Fotos und Dias legen müssen. Doch hier in der Deutschen Fotothek handelt es sich um historische Unikate und im Übrigen auch nicht nur um eine Handvoll. Dieser Auftrag, den Günther Gromke zusammen mit einer Nürnberger Archivierungsfirma erhalten hat, umfasst rund 68.000 Dias und Negative aus vier Nachlässen von Fotografen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dafür braucht es ein besonderes Gerät, das nicht nur seinen Preis hat, sondern auch Ungewöhnliches leistet.

"Das ist der Sigma von der Firma Durst, der darauf ausgelegt ist, große Mengen von Negativ-Materialien, Dia-Materialien unterschiedlicher Art in High-End-Qualität in kurzer Zeit zu digitalisieren und außerdem auch eine gewisse Logistik von vornherein mitbringt. Wenn es um Tausende bis Millionen von Bildern geht, muss man die auch wieder finden können, weil ein Bild ist nichts wert, wenn ich nicht weiß, was es darstellt, wer es war, was die Provenienz ist und so weiter und dass man sich in diesem ganzen Wust von Daten am Schluss zurechtfindet."

Der Sigma Scanner verfügt über eine Scanleiste von 10.500 Pixel, leistet die maximal erforderliche Auflösung von über 4.000 dpi und speichert schließlich alles in 16 bit ab, um zu vermeiden, dass sich in den digitalisierten Aufnahmen Stufungen ergeben - ein altes Problem digitaler Bildbearbeitung. Das alles erledigt das Gerät größtenteils automatisch und extrem schnell.

Doch wozu der immense Aufwand? Rund 250.000 Euro kostet allein die Konservierung dieses vergleichsweise kleinen Bestandes und wäre ohne die Bundeskulturstiftung für die Fotothek nicht zu stemmen.
Bei den 68.000 Negativen handelt es sich um Teile von vier bedeutenden Nachlässen ostdeutscher Fotografen der Nachkriegszeit. Der bekannteste ist sicher der Dresdner Richard Peter sen., der die in Trümmern liegende Stadt in den vierziger Jahren und später ihren Wiederaufbau zur sozialistischen Metropole fotografiert hat. Sein berühmtestes Bild ist zweifellos der Blick vom Dresdner Rathausturm auf die Ruinen der Innenstadt, das in keinem Bildband über die Nachkriegszeit fehlen darf und zu den bekanntesten deutschen Fotos des 20. Jahrhunderts zählt. Hildegard Jäckel war als Dresdner Kollegin Peters in der Nachkriegszeit vor allem als Porträtfotografin unterwegs, von ihr sind viele Bilder des damaligen kulturellen Lebens erhalten. Das Fotografenpaar Renate und Roger Rössing hat das Alltagsleben im beginnenden Sozialismus fotografiert, war aber auch an Experimenten interessiert. Nicht alle dieser Bilder sind einzigartige Meisterwerke, die allermeisten sind bislang sogar völlig unbekannt. Dennoch sind sie bedeutende Zeitzeugen, die erst allmählich von der Wissenschaft entdeckt werden.
Caroline Wintermann, eine der Restauratorinnen der Fotothek, berichtet, was den Ausschlag dafür gab, diese Bilder sofort zu digitalisieren:

"Dann gibt es ja eine zuständige Person, die immer schaut und Negative rausholt und plötzlich entdeckt, dass da Schaden passiert ist, also bis zum Verschwinden eines Motivs und also alle diese Erscheinungsbilder, was auch Sie sehen könnten: dass die Negative teilweise in den Hüllen verkleben und zerbröseln."

Fotothekdirektor Jens Bove zeigt einige Beispiele: Bedingt durch die chemische Zusammensetzung des alten Trägermaterials breiten sich rötlich-braune Flecken über das Negativ aus. Zunächst ist das Motiv noch gut zu erkennen, manchmal kann es auch vorläufig gerettet werden, indem man die Flecken vorsichtig abwäscht oder, wenn sie nur an den äußersten Rändern sitzen, abschneidet. Aber auf Dauer hilft bei diesen alten Bildträgern nichts, irgendwann werden sie sich selbst zersetzen. Innerhalb von nur zwei, drei Monaten verschwindet oft das komplette Bild. Zurück bleibt eine klebrige braune Schicht, die fast wie ein Blumenmuster aussieht. Irgendwann löst sich dann der ganze Bildträger auf:

"Eine Schublade aus unserem Regalsystem, in der sich geschädigte Negative befunden haben. Man sieht, wie aggressiv diese Chemie auch ist, dass also wirklich die einbrennlackierten Schubladen hier fast aussehen, als seien sie angerostet, aber es handelt sich um Rückstände von den Negativen und den Verpackungen."

Nicht nur die Negative selbst sind das Problem, sondern auch die Hüllen, in denen sie jahre- oder jahrzehntelang gelagert wurden. Auch diese alten Hüllen bestehen, wie man heute weiß, aus sich selbst zersetzenden Chemikalien. Das betrifft zum Glück nicht alle Bestände der Fotothek. Denn vor dem Krieg gab es meist Glasdias, und nach 1960 kamen neue Bildträger auf den Markt, deren Chemie nicht mehr selbst zersetzend wirkte. Langfristig sind die selbst zersetzenden Bildträger nur durch Digitalisierung zu retten. Das hat noch einen weiteren Nebeneffekt. Inzwischen betreibt die Deutsche Fotothek ganz freiwillig die Digitalisierung auch ihrer ungefährdeten Bestände. Mit bald einer Million Aufnahmen zählt ihre Internetpräsenz zu den größten nichtkommerziellen Bilddatenbanken in Deutschland. Denn über das Internet lässt sich das Universum der Bilder, das seit Jahrzehnten ungesehen in den Archiven schlummert, für Nutzer weltweit unkompliziert entdecken und erkunden.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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