Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Scharfer Ton in der Integrationsdebatte

Diskussion auch mit Blick auf geeignete Fachkräfte

Der Antrag auf Einbürgerung eines Mannes aus Ghana wird  bei der Ausländerbehörde in Düsseldorf vom Antragssteller unterschrieben. (AP)
Der Antrag auf Einbürgerung eines Mannes aus Ghana wird bei der Ausländerbehörde in Düsseldorf vom Antragssteller unterschrieben. (AP)

Die Forderung der CSU nach einer Begrenzung der Zuwanderung von Menschen aus fremden Kulturkreisen stößt weiterhin auf Kritik. Der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, nannte entsprechende Äußerungen diffamierend. Sie stigmatisierten bestimmte Bevölkerungsgruppen, sagte er der "Berliner Zeitung". Gleichzeitig forderte er von den Zuwanderern stärkeres Bildungsbewusstsein.

Der bayerische Ministerpräsident Seehofer hatte sich in einem Interview mit dem Magazin "Focus" explizit gegen eine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen ausgesprochen und dabei ausdrücklich die Türkei genannt. "Ich habe kein Verständnis für die Forderung nach weitergehender Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen", sagte Seehofer im "Focus".

Kontroverse um die Suche nach geeigneten Fachkräften

CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich unterstützte dagegen die Forderung des Parteivorsitzenden Horst Seehofer. Der Fachkräftemangel in Deutschland sollte zuerst durch die Qualifizierung der eigenen Bevölkerung gelöst werden, sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Falls das nicht ausreiche, stehe ein großer europäischer Binnenmarkt zur Verfügung. Diese Menschen seien leichter integrierbar als diejenigen, die fremden Kulturkreisen angehörten.

Er halte es für unrealistisch, Fachkräfte in erster Linie unter deutschen Langzeitarbeitslosen zu rekrutieren, betonte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Deshalb plädiere er für eine gesteuerte Einwanderung ausländischer Spitzenkräfte.

Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch meinte, Kriterien der Zuwanderung müssten Integrationswille und -fähigkeit sein. Dazu sollten Standards für Einwanderung definiert werden, sagte Koch im Deutschlandfunk.

Empörung über Seehofer-Äußerungen

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, zeigte sich schockiert. Es gehe nicht an, Menschen aus einem anderen Kulturkreis unter einen Generalverdacht zu stellen, sagte die CDU-Politikerin der "Bild"-Zeitung. Dies laufe allen Integrationsanstrengungen zuwider. Zudem stelle Seehofers Forderung das grundgesetzliche Recht auf Ehegatten und Familiennachzug sowie den Schutz politisch Verfolgter in Frage.

Auch das Bundesinnenministerium hatte sich bereits von den Forderungen Seehofers distanziert. Dies ginge am eigentlichen Problem vorbei, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Schröder der "Financial Times Deutschland". Problematisch sei vielmehr die schlechte Integration der Menschen, die in dritter und vierter Generation in Deutschland

Wowereit: Union trägt Mitschuld an Integrationsproblemen

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat der Union vorgeworfen, aus ideologischen Gründen die zügige Eingliederung von Zuwanderern verhindert zu haben. CDU und CSU hätten lange Zeit starr an der Position festgehalten, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, sagte der SPD-Politiker bei einer Parteiveranstaltung in Berlin. Eine aktive Integrationspolitik habe deshalb nicht stattfinden können. Wowereit fügte hinzu, es sei respektlos, Muslime nicht als Teil der Gesellschaft anzuerkennen.

Orientalist kritisiert Einheit von Politik und Religion im Islam

Laut Hans-Peter Raddatz ist der Islam "nicht nur eine Religion, sondern auch eine Ideologie". Diese Ideologie sei nicht kritikfähig und habe einen hohen Geltungsanspruch, der sich beispielsweise in der Scharia manifestiere, sagte Raddatz im Deutschlandfunk.

Die Soziologin Martina Löw nannte den Vorschlag Seehofers, Zuwanderung zu begrenzen, unrealistisch. Allein aus demografischen Gründen brauche man Menschen mit neuen Ideen aus anderen Ländern. "Die Idee von Reinheit ist einfach geradezu schädlich für moderne Gesellschaften", sagte Löw im Deutschlandradio Kultur.

Mehr zum Thema finden Sie bei dradio.de auf unserem Portal zur Integrationsdebatte.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 05:05 Uhr Studio 9

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Nach der Bundestagswahl Alle Demokraten sind herausgefordert

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am 24.09.2017 in Berlin in der Parteizentrale der CDU auf der Bühne. Merkel reagierte bei der Wahlparty der CDU auf die Veröffentlichung der Hochrechnungen zum Ausgang der Bundestagswahl 2017.  (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag fordere alle Demokraten heraus, kommentiert Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Das Parlament werde mit Abgeordneten umgehen müssen, die rassistische Parolen nicht scheuen. In dieser Situation sei der künftige Bundestagspräsident besonders gefordert.

Down-Syndrom und Wahlrecht Julian Peters will wählen - und darf nicht

Julian Peters an seinem Smartphone (privat)

Julian Peters darf bei der Bundestagswahl nicht seine Stimme abgeben, weil er das Down-Syndrom hat und eine gesetzliche Betreuung in allen Angelegenheiten. Ist das gerecht?

Reaktionen auf die Wahl - im NetzEmpörung vs. Euphorie

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am 24.09.2017 in Berlin in der Parteizentrale der CDU auf der Bühne. (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)

Im Netz wird seit 18 Uhr mit Leidenschaft über die ersten Ergebnisse der Bundestagswahl debattiert - auf Twitter ebenso wie bei Facebook oder bei Instagram. Der Tenor: Viel Enttäuschung bei den Verlierern, euphorische Stimmung bei AfD als neuer drittstärkster Kraft.

Ausstellung über den SchlafVom subversiven Potenzial des Schlummerns

Ein Mann schaut sich in Bremen im Paula Modersohn-Becker Museum das Bild "Reclining Nude" aus dem Jahr 1952 von William Copley an. Das Bild hängt in der Ausstellung "Schlaf - Eine produktive Zeitverschwendung" (dpa / Carmen Jaspersen)

Der Schlaf ist ein uraltes Thema, sowohl in der Philosophie als auch in der Kunst. Die Bremer Museen Böttcherstraße widmen ihm nun eine Ausstellung - und die überrascht.

Vor der Wahl"Es gibt eine allgemeine Stimmung der Ängstlichkeit"

Blick auf ein idylisches Örtchen im Sonnenschein mit Kirche (imago / Rüdiger Wölk)

Was bewegt die Bürger in Deutschland? Um das zu erfahren, ist der Journalist und Schriftsteller Thomas Medicus quer durchs Land gereist: vom Tegernsee nach Flensburg und von Görlitz nach Aachen. Viele seien verunsichert, sagte Medicus im Dlf. Hinzu käme die Angst vor dem sozialen Abstieg.

Beuys konservieren Von der Schwierigkeit einen Fettfleck zu erhalten

Ein Porträt von Joseph Beuys (1921-1986), Aufnahme circa 1985. (imago/Leemage)

Stillstand ist das Ziel von Konservatoren und Restauratoren in der bildenden Kunst. Gerade bei moderner Kunst kann das zu einer Herausforderung werden: Ein Werk von Joseph Beuys zu erhalten ist durchaus eine besondere Aufgabe.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Vorläufiges Endergebnis  Union mit 33 Prozent stärkste Kraft im Bundestag | mehr

Kulturnachrichten

Menschenrechtspreis für "Gruppe Caesar"  | mehr

 

| mehr