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Schmökern in Zeiten der Digitalisierung

Der Greif - ein Magazin gegen die Schnelllebigkeit digitalen Bildbetrachtens

Von Andi Hörmann

Cover des Augsburger Foto-Magazins "Der Greif"
Cover des Augsburger Foto-Magazins "Der Greif" (Der Greif)

Online und Print scheinen im Magazin-Bereich eine unerwartete, fast schon harmonische, Symbiose einzugehen. Und dennoch: Das Bedürfnis nach dem anachronistischen Print-Magazin scheint nach wie vor zu bestehen. Bestes Beispiel: das Augsburger Foto-Magazin "Der Greif".

Ein uneben gepflasterter Innenhof. Verbeulte Blechbriefkästen. Weiße Lacksplitter an der Eingangstür. Standbild. Der Hinterhof Am Milchberg 17 in Augsburg wirkt wie eine Kulisse zu einem Film der Nouvelle Vague. Trister Realismus trifft auf eine lebendige Bildsprache.

"Kommen Sie rein. Hi. Hallo."

Ein etwa 30 Quadratmeter großes Hinterhof-Atelier: Kisten voller Papier, Bastelutensilien, Arbeitsplätze mit unzähligen Streichholzschachtel großen Bildern auf den Computermonitoren. Simon Karlstetter - spitze Lederschuhe, Jeans, grauer Wollpulli - studiert im neunten Semester Kommunikationsdesign an der Uni Augsburg. Zusammen mit vier weiteren Mitstreitern stemmt der Mittzwanziger von diesem Atelier aus das Projekt Der Greif. Die Idee dahinter steckt im Titel selbst:

"Wir wollen digitale Bilder, die auf irgendwelchen Festplatten zu Tausenden rum liegen wieder in einem analogen, greifbaren Medium abdrucken. Bilder wieder greifbar machen. Irgendwie nervt das, dass man nur noch am Rechner, am Bildschirm, Fotos anschaut."

Greifbar machen. Wieder zurück zum Analogen. Das ist so ein Retro-Ding, eigentlich.

"Jein. Ich denke, das ist insgesamt momentan ein Trend. Nicht nur in der Gestaltung. Also Musik, überall ist glaube ich so ein Bedürfnis nach etwas Haptischem. Ob das jetzt ein Klang ist, etwas Weiches, Warmes. Das gibt es ja auch bei Illustrationen, oder was auch immer. Dieses Bedürfnis nach so etwas Manuellem. Deswegen weiß ich gar nicht, ob man das unbedingt als Retro-Ding bezeichnen könnte. Es ist mehr eine aktuelle Bewegung, die ein ganz natürliches Resultat, aus der Fülle der digitalen Welt, mit der wir mittlerweile umgeben sind, ist."

Diese aktuelle Bewegung zeigt sich vor allem im Finanzierungsmodell des werbefreien Magazins. Kooperationen und Sponsoring werden über Klicks auf der Homepage generiert. Der Computer-Bildschirm wird zum Mittler zwischen digitaler und analoger Welt, Social-Media zu Plattformen der Vernetzung. Hier das Internet, da die Print-Ausgabe. Dazwischen: Die Medienmacher von Der Greif.

"Ohne dem Internet gäbe es den Greif gar nicht. Der Greif ist eigentlich auch als Reaktion auf das Netz entstanden. Ohne diese Seite und die ganzen Links und diese Geschichte auch, dass wir jede Woche ein Porträt von einem Fotografen zeigen, hätten wir auch nicht so viele Einsendungen bekommen, wie wir für diese Ausgabe bekommen haben."

Vom amateurhaften Schnappschuss bis zur professionellen Aufnahme - Der Greif, ein Magazin, das ästhetischen Bildern in der schnelllebigen Welt kostbaren Raum und wertvolle Zeit eingesteht. Die vierte Ausgabe soll Anfang März erscheinen. Papier: Resa Offset, Recycling. Format: B4. Auflage: 1500, durchnummeriert. Ein Magazin von Liebhabern, für Liebhaber. In den letzten Monaten hat sich über das Upload-Formular auf der Homepage der digitale Briefkasten gefüllt. Jetzt gilt es die hundert ergreifendsten Bilder zu selektieren.

"Wir haben jetzt für diese Ausgabe über 2000 Fotografien von fast 300 Fotografen aus 21 Ländern eingesendet bekommen. Und da geht es darum, dass wir selber erst mal ein Bild bekommen. Wir schauen einfach, dass wir Arbeiten raussuchen, die uns auf irgendeine Art und Weise ästhetisch, inhaltlich, emotional berühren."

Zeig mir mal, was dich jetzt spontan anspricht.

"Dieses Foto spricht mich zum Beispiel an. Wo ziemlich zentral eine sehr kräftige, deutsche Dogge steht. Das Foto ist schwarz-weiß, im Hintergrund eine Büste von einem römischen Kaiser."

Die Redaktion ist zugleich Kurator. Und so wird Der Greif zu einem Ausstellungsraum zum durchblättern. Vereinzelte Texte ordnen sich den Bildern unter, unterstützen, setzen einen Kontrast. Die Grenzen zwischen Zeitung, Magazin und Buch verschwimmen. Gegen die Schnelllebigkeit, für ein Verweilen zum bewussten Betrachten.

"Der Greif, der ist nicht so einfach konsumierbar. Du kannst ihn natürlich schnell durchblättern und: Ah, schöne Fotos! Aber wenn du dich darauf einlässt, dann wirst du viele verschiedene Ebenen entdecken."

Die vierte Ausgabe von Der Greif erscheint Anfang März.
Nähere Infos und Einsendungen von Texten und Bildern über:

Homepage: Der Greif

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

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