Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Schnellerer Leitungsausbau zwischen Nord- und Süddeutschland

Merkel hält an Atomausstieg bis 2022 fest

Strommasten vor der Skyline von Frankfurt am Main
Strommasten vor der Skyline von Frankfurt am Main (AP)

Strom von Nord nach Süd: Um Tempo in die Energiewende zu bringen, wollen Bundesregierung und Netzbetreiber den Ausbau der Stromleitungen zwischen den Windparks im Norden und dem energiehungrigen Süden vorantreiben.

Dies ist ein Schwerpunkt des ersten nationalen Netzentwicklungsplans, den die Netzbetreiber-Unternehmen heute Bundeskanzlerin Angela Merkel vorlegten. Darin heißt es, die von der Energiewende besonders betroffenen Regionen in Südwestdeutschland müssten besser mit der im Norden erzeugten Windenergie versorgt werden. 3800 Kilometer Stromtrassen, vornehmlich Überlandleitungen, sollen dafür in den kommenden Jahren gebaut, 4000 bereits bestehende Trassen aufgerüstet werden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 20 Milliarden Euro.

Bundesnetzagentur-Chef Homann: Stromnetze Voraussetzung für Energiewende


Bürgerwindpark Reußenköge in NordfrieslandBürgerwindpark Reußenköge in Nordfriesland (Birgit Wetzel)Die Kanzlerin nahm den Plan während ihres Besuchs bei der Bundesnetzagentur in Bonn entgegen. Sie wurde von Umweltminister Peter Altmaier (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) begleitet.

Dort betonte der Präsident der Aufsichtsbehörde, Jochen Homann, ohne den Umbau der Stromnetze liefen die Fortschritte bei der Nutzung erneuerbarer Energien ins Leere. Der Deutschland-Chef des Netzbetreiber Tennet, Martin Fuchs, unterstrich diese Auffassung. Er sagte: "20 Milliarden hört sich erschreckend an". In Relation zu den Ausgaben für die Förderung von erneuerbaren Energien in Höhe von jährlich 14 Milliarden Euro sei dies jedoch eine handhabbare Summe.

Bundeskanzlerin Merkel kündigte an, die Regierung werde am Zeitplan für die geplante Energiewende festhalten. Es bleibe beim Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2022, sagte sie.

Für das Gelingen der Energiewende sollen der Regierung zufolge zahlreiche weitere Hürden aus dem Weg geräumt werden. Neben den neuen Stromleitungen müssen auch zusätzliche fossile Kraftwerke her, sagte Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Bis Ende des Jahres soll per Gesetz ein Masterplan für den bundesweiten Stromnetzausbau vorliegen.

Die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) hat den Vorwurf zurückgewiesen, der Ausbau neuer Stromnetze gehe in den Ländern zu langsam voran. Im vergangenen Jahr sei in den Ländern intensiv an der Umsetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gearbeitet worden, sagte sie im Deutschlandfunk. Nun müssten sich die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung an einen Tisch setzen, damit der Netzausbau ein Projekt für ganz Deutschland werde.

Gabriel fordert Beschleunigung

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat zur Beschleunigung der Energiewende die Gründung einer "Bundesnetz-AG" gefordert. Daran sollten sich neben dem Bund auch die Netzbetreiber sowie Stadtwerke und andere Unternehmen beteiligen, sagte Gabriel den "Stuttgarter Nachrichten". Er verlangte zudem von Bundeskanzlerin Merkel, eine Steuerungsgruppe Energiewende einzuberufen. Ohne strukturelle Veränderungen komme der Netzausbau nicht voran.

Özdemir (Grüne): Ausbau läuft zu langsam

Auch der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, warf der Regierung vor, beim Ausbau der Leitungen zu langsam vorzugehen. Er kritisierte, dass seit 2009 1880 Kilometer an Stromtrassen geplant, aber erst rund 200 Kilometer davon gebaut seien.

Merkel spricht von Rückstand

Bundeskanzlerin Angela Merkel schlägt den Griechen ein Euro-Referendum vorBundeskanzlerin Angela Merkel (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)Die Energiewende - das beschlossene Großvorhaben der schwarz-gelben Bundesregierung - steht seit längerem in der Kritik. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) räumte am Wochenende in ihrer Videobotschaft ein, das Projekt sei in Verzug geraten. Der notwendige Ausbau der Netzinfrastruktur komme nicht recht voran. Insbesondere beim Bau der Überlandleitungen, um Windstrom vom Norden in den Süden zu bekommen, gebe es Probleme. "Hier sind wir an vielen Projekten im Rückstand", sagte die Kanzlerin. "Da drängt die Zeit, denn wir stellen unsere Energieversorgung grundsätzlich um", betonte sie.

Nach Schätzungen der Deutschen Energie-Agentur sind knapp 4500 Kilometer Höchstspannungsleitungen notwendig. Hinzu kommen tausende Netzkilometer auf der Verteilebene. Der Ausbau kommt dem Bedarf seit Jahren kaum hinterher, die Verfahren dauern im Schnitt zehn Jahre - auch, weil sich betroffene Anwohner häufig gegen die Stromtrassen wehren.

Konzessionsabgabe gefordert

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, hat die Bundesregierung aufgefordert, die Kommunen bei der Energiewende stärker einzubinden. Im Deutschlandfunk sagte Landsberg, für die geplanten Stromtrassen im Verteilnetz brauche man Investitionssicherheit. So müssten zehntausende Kilometer zusätzliche Leitungen errichtet werden. Landsberg forderte eine Konzessionsabgabe für Leitungen über Gemeindegebiet. Deren Höhe veranschlagte er auf einige Tausend Euro pro Kilometer im Jahr. Landsberg betonte, die Ausgaben für die Energiewende übernehme letztlich der Verbraucher.

Rösler sieht Länder in der Pflicht

Bundeswirtschaftsminister und Vize-Kanzler Philipp Rösler (FDP)Bundeswirtschaftsminister Philipp RöslerMit dem Netzentwicklungsplan schaffe der Bund die Basis für den Ausbau der Leitungen, sagte Rösler der "Bild"-Zeitung. Beim Netzausbau trügen aber auch die Länder eine hohe Verantwortung. Bereits festgelegte Projekte müssten schnell vorangebracht werden. Weiter betonte Rösler, für das Gelingen der Energiewende brauche man zusätzliche fossile Kraftwerke und neue Stromleitungen.

Der neue Umweltminister Peter Altmaier zerstreute unterdessen Diskussionen über einen möglichen erneuten Aufschub des Atomausstiegs. "Die Kernenergie in Deutschland ist Geschichte", sagte Altmaier der "Welt am Sonntag". Der Ausstieg sei beschlossen. Noch immer gibt es in der Koalition Kritiker, die die Kehrtwende von der zunächst beschlossenen Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke bis zum Ausstieg bis 2022 nach dem Störfall im Atomkraftwerk Fukushima für falsch halten.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:52 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 12:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Dokumente der WocheDie Wende im Deutschlandfunk

Das Deutschlandfunk-Funkhaus bei Nacht.

Der Deutschlandfunk erinnert an die Umbruchzeit in Deutschland und in Europa vor 25 Jahren. In der Reihe "Dokumente der Woche" kommen DLF-Journalisten und Akteure von 1989 zu Wort.

Sperrvermerke für Dschihadisten"Nach derzeitiger Gesetzeslage nicht möglich"

Ein Mann hält am 16.10.2009 auf dem Flughafen in Frankfurt am Main seinen Reisepass in den Prototypen einer automatischen Passkontrolle, genannt "easy Pass".

Um zu verhindern, dass gewaltbereite Dschihadisten über die Türkei nach Syrien oder den Irak ausreisen, ist ein Sperrvermerk im Personalausweis im Gespräch. Ein juristisch absolut problematisches Unterfangen, sagte Nikolaos Gazeas, Experte für internationales Strafrecht, im Deutschlandfunk. Ein Sichtvermerk hätte eine stigmatisierende Wirkung.

PolitikverdrossenheitDie deutsche Demokratie braucht neuen Schwung

Wahlkabine - hier wählt der Spitzenkandidat der SPD für die Landtagswahl in Brandenburg, Ministerpräsident Dietmar Woidke; September 2014

Das deutsche Volk ist wahlmüde geworden. Das sei gefährlicher als die Radikalisierung an den politischen Rändern, meint der Schriftsteller Lutz Rathenow. Er wünscht sich viele gute Ideen für eine "friedliche Evolution" der bundesdeutschen Demokratie.

Massenprotest in Hongkong"Der Funke könnte auf Festlandchina überspringen"

Zwei junge Frauen verteilen Essen an Pro-Demokratie-Demonstranten in Hongkong

Was in Hongkong passiert, lässt sich nicht mehr wegzensieren, ist der chinesische Publizist Shi Ming überzeugt. Durch die starke ökonomische Verflechtung wisse man in Südchina über die Proteste in Hongkong genau Bescheid, sagte Shi Ming im DLF. Dies sei eine Herausforderung für Peking.

HochgeschwindigkeitszügeEcho, Falke und Sturmwind

Ein Shinkansen fährt in den Bahnhof von Tokio ein (16 September 2013).

Am 1. Oktober 1964 wurde er in Betrieb genommen: Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen fuhr bis zu 320 Kilometer schnell und katapultierte Japan in die Gemeinschaft der industrialisierten Länder.

BildungSchon Grundschüler sollen Philosophie lernen

Grundschüler beim Schreiben

In der Grundschule sollte Philosophie als Unterrichtsfach eingeführt werden, findet der Philosoph Michael Quante. Denn so könnten die Kinder "Kompetenzen und Fähigkeiten einüben, die wir in einer vielfältigen, pluralen Alltagswelt brauchen".

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Erster Ebola-Patient  in den USA | mehr

Kulturnachrichten

Die Toten Hosen  bekommen Josef-Neuberger Medaille | mehr

Wissensnachrichten

Bildung  Schon Erstklässler sollten Philosophie-Unterricht bekommen | mehr