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Schon Farbe ist den Coens zu viel

Die erfolgreichen Regisseure mögen eher den Schwarz-Weiß-Film

Ethan und Joel Coen im Gespräch mit Sigrid Fischer

Joel (links) und Ethan Coen besuchen die Berlinale 2011. (picture alliance / dpa)
Joel (links) und Ethan Coen besuchen die Berlinale 2011. (picture alliance / dpa)

Mit "True Grit", dem neuen Film der Coen-Brüder, wurde am Mittwoch die Berlinale eröffnet. Im Corso-Interview sprechen die Regisseure über das Filmen in dunklen Tälern, ihre Abneigung gegen 3D und die Idee des eindimensionalen Filmemachens.

Sigrid Fischer: Man nennt Sie beide ja jetzt "kommerzielle Filmemacher". Wie finden Sie das?

Ethan Coen: Ja, wir sind Hitproduzenten

Joel Coen: Es ist ein Schock. Und sehr überraschend, dass der Film so gut läuft. Wir haben aber auch keine Erklärung dafür. Auch wenn ich drüber nachdenke nicht

Ethan Coen: Es ist schon komisch, und auch wieder nicht. Denn wenn man lange genug wartet, scheint alles möglich zu sein, und wie Joel mal sagte: Vielleicht war das eine der wenigen Merkwürdigkeiten, die noch nicht eingetreten ist bisher. Der kommerzielle Erfolg.

Fischer: Hat der Erfolg Einfluss auf Ihre Arbeitsweise? Kalkuliert man dann nicht stärker, um so ein Kassen-Einspiel noch mal hinzukriegen?

Joel Coen: Ich hoffe nicht. Das einzige, was man denkt, wenn so was passiert ist: Es wird viel leichter sein, den nächsten Film zu finanzieren. Man denkt: Ja, das ist gut. Das gilt genauso umgekehrt. Wenn ein Film nicht gut läuft, denkt man: Oh, es wird schwierig, den nächsten zu realisieren.

Fischer: Hat es mit dem Genre "Western" zu tun? Warum glauben Sie, sind die Leute gerade jetzt so versessen auf einen Western?

Ethan Coen: Nein, ich glaube nicht, dass es am Genre liegt, es gab ja auch Western die gefloppt sind.

Joel Coen: Tatsächlich gab es einigen Widerstand gegen unseren Film, weil man in Hollywood davon ausgeht, dass es kein sehr kommerzielles Genre mehr ist.

Ethan Coen: Das Studio war nicht dagegen, aber auch nicht gerade versessen darauf. Sie haben nicht gedacht: Ein Western, da kann ja nichts schief gehen. So denkt man in Hollywood nicht.

Fischer: Ist die Zeit für Western nicht eigentlich vorbei? Es ist nicht gerade ein sehr angesagtes Genre.

Joel Coen: Die älteren Western hatten ja etwas Mythologisches, so was wie die Entstehungsgeschichte Amerikas, die man damit verbindet. Aber daran haben wir gar nicht gedacht. Auch nicht an einen Western. Uns gefiel einfach der Roman von Charles Portis. Und der spielt 1870 in Arkansas , deshalb ist es eben ein Western, weil die Leute reiten, Hüte und Waffen tragen. Aber was das Genre angeht, hat uns das gar nicht interessiert, für uns ist die Geschichte viel näher an Alice im Wunderland oder Huckleberry Finn. Also Geschichten, in denen Kinder Abenteuer erleben.

Fischer: Im Vergleich zum ersten Film von 1969 ist ihrer visuell sehr düster. Ist Ihnen der Unterschied bewusst oder haben sie das Original nicht mehr so in Erinnerung?

Joel Coen: Wir haben ihn damals '69 gesehen und beim Drehen oft gedacht: Hm, wie haben die das bloß gemacht damals.

Ethan Coen: Wir haben uns den Trailer im Internet noch mal angesehen und …

Joel Coen: Das reichte, haha.

Ethan Coen: Es gibt eine Szene, die auch im Buch nachts spielt. Eine Schießerei unten im Tal. Und unser Kameramann wollte wissen, wie die das damals wohl gedreht haben, weil es für ihn sehr schwierig war, dieses Tal auszuleuchten. Und dann kam er und sagte: Die sind auf den Hügel geklettert und haben gewartet, bis es Tag wurde. Können wir das nicht auch so machen?

Joel Coen: Das wäre sehr viel weniger Arbeit für mich. (beide lachen) Aber es war nicht nur schwierig für unseren Kameramann, denn mit Kindern darf man in Amerika nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit am Tag drehen. Und da der Film viel nachts spielt, war es ein Problem, dass die Hauptdarstellerin immer bald nach Hause gehen musste, als es gerade dunkel genug war.

Fischer: Dieter Kosslick, der Berlinale-Chef, nennt "True Grit" einen Frauenfilm. Sind Sie jetzt unter die Feministen gegangen?

Joel Coen: Nein, die Figur existiert ja so schon im Buch. Wir haben sie nicht erfunden, indem wir aus einem Jungen ein Mädchen gemacht haben. Wir haben ja auch andere Filme mit Frauenfiguren gedreht. Wir arbeiten zum Beispiel viel mit meiner Frau, Frances McDormand zusammen, und dann geht es ja auch oft hauptsächlich um ihre Figur

Fischer: Jetzt haben Sie schon so viele verschiedene Genres inszeniert, was noch fehlt ist der 3D-Film der Coen-Brüder, wie stehen Sie dazu?

Joel Coen: 3D.

Ethan Coen: "True Grit" in 3D. Weil Jeff als Rooster Cogburn ja eine Augenklappe trägt und er ja nicht stereoskopisch sehen kann , wollten wir den Film eigentlich gerne in 1D rausbringen. Aber der Kameramann wusste nicht, wie er das hinkriegen sollte

Joel Coen: Dazu hätten wir in eine andere Dimension eintreten müssen, eindimensionales Filmemachen, vielleicht sind wir da ja schon

Fischer: Aber mal im Ernst, alle Regisseure probieren sich doch zur Zeit in 3D aus, aber Sie halten da gar nichts davon?

Joel Coen: Walter Murch, der berühmte amerikanische Film- und Tonmeister hat das mal erklärt. Er sagt, davon kriegen die Leute Kopfschmerzen. Und zwar weil man ja in der Realität mit den Augen auf einen Punkt fokussiert, dieses Glas hier zum Beispiel - und man sieht es dreidimensional. Im Film aber kann es ja sein, dass man auf das Glas fokussiert, das vorne steht, und die Kamera dann aber auf einen Berg hinten geht. Und dann muss das Auge hin- und herswitchen und das Gehirn in einer anderen Entfernung die drei Dimensionen herstellen. Das menschliche Hirn ist nicht genug entwickelt, das zu machen ohne verrückt zu werden. 3D ist eine Mode, die nicht lange andauern wird, weil die Leute das nicht immer und wieder erleben möchten. Ich bekomme nicht wirklich Kopfschmerzen davon, aber ich mag es trotzdem nicht, ich finde nicht, dass es irgendeinen Gewinn bringt. Aber wir sind auch die Falschen, das zu beantworten. Wenn wir die Wahl hätten, gäbe es viel mehr Filme in schwarz-weiß, denn schon Farbe ist für uns zu viel.

Hintergrund zu den Coen-Brüdern:

Joel und Ethan Cohen, wurden 1954 beziehungsweise 1957 in Minneapolis/Minnesota geboren. Ihre Mutter war Dozentin für Kunstgeschichte, ihr Vater lehrte Ökonomie an der University of Minnesota. Joel hat Film in New York studiert, Ethan Philosophie an der Princeton University. Ihre Filme planen, schreiben und drehen sie gemeinsam. Schon als Kinder waren Sie Filmfans, haben mit kleinen Jobs versucht, das Kinogeld zusammen zu kriegen.

Gestartet sind die Coen-Brüder mit kleinen, sehr eigenwilligen Filmen, mit einer sehr ausgewählten Stilistik, formverliebt spielen sie bis heute gerne mit Genres, dem Thriller "Blood Simple", der Komödie "Arizona Junior" und dem Film noire "Millers Crossing". Mit "Fargo", "The Big Lebowski" oder "O Brother, Where Art Thou?" kamen sie über den Insiderstatus hinaus. Vier Oscars haben sie bereits gewonnen, u.a. für die beste Regie mit "No Country For Old Men", der 2008 auch bester Film wurde. "True Grit" ist jetzt zehn Mal für den Oscar nominiert und hat in den USA bisher 155 Millionen Dollar eingespielt. Es ist ihr erfolgreichster Film ever. Am Donnerstag hat er die Berlinale eröffnet, nächste Woche startet True Grit in Deutschland, die Coens haben die Gelegenheit genutzt, noch ein bisschen die Werbetrommel zu rühren mit Interviews.

Und darum geht es in "True Grit":

1870 herum in Arkansas: Die 14-jährige Mattie will den Mörder ihres Vaters stellen und beauftragt den abgehalfterten, versoffenen Marshal Rooster Cogburn, mit ihr ins Indianergebiet zu reiten und ihn zu finden. Klassiker, Schullektüre in den USA von Charles Portis, 1968 zuerst als Fortsetzungsroman in der Zeitung erschienen. Erste Verfilmung mit John Wayne 1969, der dafür den einzigen Oscar in seiner Karriere bekam. Jeff Bridges ist in seine Steigbügel gestiegen.

Mehr Informationen:

Alle Infos zur Berlinalel bei dradio.de

Offizielle Homepage zum Film "True Grit"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

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