Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Schuldenkrise hautnah

Reihe "Mit halber Kraft voraus": Kalifornien kämpft gegen den Bankrott

Von Beatrice Uerling

Vallejo gehörte bis 2004 mit 117.000 Einwohnern im Norden San Franciscos zu den Orten mit dem kräftigsten Jobwachstum. Heute stehen viele Immobilien leer. (Beatrice Uerlings)
Vallejo gehörte bis 2004 mit 117.000 Einwohnern im Norden San Franciscos zu den Orten mit dem kräftigsten Jobwachstum. Heute stehen viele Immobilien leer. (Beatrice Uerlings)

Lange galt Kalifornien als eine Art Paradies: der reichste Staat der USA, die Heimat von Silicon Valley, Hollywood und Disneyland. Der amerikanische Traum in seiner verführerischsten Version scheint hier inzwischen ausgeträumt. Kalifornien steht am Rande des Bankrotts.

Vallejo wirkt wie eine Geisterstadt. Im Zentrum steht jeder zweite Laden steht leer. Bis 2004 gehörte diese Kleinstadt mit 117.000 Einwohnern im Norden San Franciscos zu den Orten mit dem kräftigsten Jobwachstum. Die High-Tech-Industrie und die Immobilienbranche sorgten für Wohlstand. Doch dann brach die große Rezession über die USA hinein. Die Gemeinde konnte ihre Zukunftsvisionen nicht mehr verwirklichen und musste Insolvenz anmelden. Gemeinderatsmitglied Marty Brown kann den Absturz immer noch nicht fassen.

"Unser Problem ist, dass wir in den guten Zeiten zu spendabel waren. 83 Prozent unseres verfügbaren Budgets gehen für Gehälter und Sozialleistungen der Stadtbeamten drauf. Den Rest unserer Ausgaben konnten wir lange auf Pump finanzieren. Aber als die Wirtschaft zusammenbrach, gab es plötzlich keine Kredite mehr. Wir haben zu lange über unsere Verhältnisse gelebt."

Vallejo ist pleite. Andere Städte in Kalifornien könnte dasselbe Schicksal ereilen. Seit gut einem Jahr müssen die 38 Millionen Kalifornier den Niedergang ihres Reiches miterleben. Die Arbeitslosigkeit liegt bei zwölf Prozent, in manchen Gegenden des Staates ist sogar jeder Zweite ohne Job. Das sorgt auch für einen dramatischen Rückgang der Steuereinnahmen. Im Krisenjahr 2009 verzeichnet Kalifornien ein Defizit von über 40 Milliarden Dollar. 2010 wird sich der Fehlbetrag nach einer Schätzung des Center on Budget and Policy Priorities wahrscheinlich auf 20 Milliarden belaufen. Immer wieder wird über einen Bankrott des Bundesstaates spekuliert, der rund dreizehn Prozent zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Wirtschaftsprofessor Steve Cohen skizziert ein Schreckensszenario, dass die ganze Welt betreffen würde.

"Manche bezeichnen uns als das amerikanische Griechenland, aber dieser Vergleich hinkt alleine schon wegen der Größenordnung. Ein Bankrott Kaliforniens hätte ein ganz anderes, gigantisches Ausmaß: Wir sind der siebtgrößte Wirtschaftsraum der Welt und einer der reichsten US-Bundesstaaten, vergleichbar mit Deutschland vor der Wiedervereinigung. Die Welt würde stehen bleiben."

Eine Lösung muss her. Doch auch die Krisenbewältigung gestaltet sich in Kalifornien schwieriger als anderswo. Um eine neue Steuer in dem Bundesstaat einzuführen, bedarf es einer Zweidrittelmehrheit im kalifornischen Parlament. So viele Stimmen haben die regierenden Demokraten aber nicht. Die Beschlussfassung wird von Mal zu Mal schwieriger. Nach Ansicht von Professor Cohen wird daran auch die Wahl im November nichts ändern, wenn der republikanische Gouverneur Arnold Schwarzenegger nach zwei Amtsperioden abdanken muss.

"Wenn es nur die Wirtschaftskrise wäre, dann stünden wir besser da als die anderen Teile der USA: In Kalifornien gibt es Landwirtschaft, innovative Technologiefirmen wie Google oder Apple, wir sind das führende Zentrum der Biotechnologie. Unser Hauptproblem ist ein politisches. Egal welche Partei das Sagen hat: Bei einer Zweidrittelmehrheit finden sich immer genügend Politiker , die größere Reformen blockieren oder eigene Interessen durchboxen."

Politisch gelähmt, spart Kalifornien, wo es nur geht. In Vallejo achtet jetzt ein Konkursrichter darauf, dass die Stadt ihre Finanzen wieder ins Lot bringt. Schulen und Feuerwehrstationen werden geschlossen, die Zahl der Polizisten wurde halbiert. Dass derartige Eingriffe in das öffentliche Leben das angeknackste Image der Pleite-Stadt noch weiter untergraben, spricht von selbst. Marc Graham, der Sprecher einer Bürgerinitiative von Vallejo, fordert, dass seine Stadt die Insolvenz nutzt, um die Pensionslasten der Beamten abzuwerfen. Doch das ist juristisches Neuland, bei Arbeitsverträgen, die dem Tarifrecht unterliegen.

"Unsere Polizisten und Feuerwehrleute gehören immer noch zu den Spitzenverdienern in Kalifornien. Sie verdienen alle mehr als 100.000 Dollar im Jahr, der Polizeichef nimmt sogar 300.000 Dollar mit nach Hause! Und natürlich ist es schwierig, neue Betriebe anzuziehen, wenn so ein Bankrottstigma an dir haftet. Wer investiert schon in eine Stadt, wo man nicht weiß, was die Zukunft bringt?"

Nach Ansicht der Experten wird sich der Niedergang Kaliforniens noch mindestens bis 2014 hinziehen. Mit Sparmaßnahmen alleine, glauben sie, ist es nicht getan. Neue innovative Industrien müssen her, doch die sind noch nicht in Sicht.

Zum Thema

Weitere Beiträge aus der Reihe: Mit halber Kraft voraus - <br> Wie die US-Wirtschaft die Kongresswahlen beeinflusst



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Mit halber Kraft voraus

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:38 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 14:35 Uhr Campus & Karriere

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 14:07 Uhr Kompressor

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Aarhus-Projekt Dänemarks Umgang mit jungen Islamisten

Menschen erinnern am 14. Februar 2016 mit einer Lichterkette an die Anschläge vor einem Jahr in Kopenhagen. (dpa / picture alliance / Claus Bech)

Dialog und harte Hand - so beschreibt der Bürgermeister der dänischen Stadt Aarhus das erfolgreiche Projekt, Syrien-Rückkehrern die Chance zu geben, zurück in ein normales Leben zu finden. Gemeinsam mit muslimischen Mentoren geht die Polizei mit den islamistischen Extremisten in den Dialog.

Graphic Novel "Der Beeinflussungsapparat"Ein Comic-Manifest erklärt die Medienwelt

Ausschnitt aus der deutschen Übersetzung der Graphic Novel "Der Beeinflussungsapparat", geschrieben von Brooke Gladstone und gezeichnet von Josh Neufeld (Correctiv / David Schraven)

Der Journalismus hat zurzeit Probleme mit seiner Glaubwürdigkeit. Ob die Medien sogar fremdgesteuert sind, ist Thema von "Der Beeinflussungsapparat". Die Recherchegruppe Correctiv hat die Graphic Novel aus den USA nun auf Deutsch herausgegeben.

ChinaAKW Hualong 1 für den Sudan

China exportiert Reaktortechnik und baut im Sudan das erste Atomkraftwerk des Landes. Für China ist das der Auftakt. Geplant ist der Export von 30 Reaktoren bis 2030.

Kritik zum Katholikentag"Die christlichen Kirchen werden massiv privilegiert"

Teilnehmer der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) haben sich am 24.05.2016 in der Kongresshalle in Leipzig (Sachsen) versammelt. (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)

Staat und Kirche müssten konsequenter getrennt werden, fordert der konfessionslose Jurist Maximilian Steinhaus anlässlich des Katholikentages. Die Gesellschaft sei so vielfältig, dass der Staat die unterschiedlichen Weltanschauungen gar nicht gerecht fördern könne.

LandwirtschaftAntibiotika kurbeln Produktion von Treibhausgasen an

Rinder in einem Stall in Deutschland. (imago stock&people)

Antibiotika werden in der Landwirtschaft nicht nur bei Krankheiten von Nutztieren verabreicht, sondern auch als Wachstumsbeschleuniger eingesetzt. Forscher warnen immer wieder davor, dass so antibiotikaresistente Krankheitserreger entstehen. Aber es gibt wohl noch einen weiteren Nebeneffekt.

TV in Russland Sex, Klatsch und viel Propaganda

 Russlands prominente Sex-Beraterin im Fernsehen: Anfisa Chekhova. (imago)

Das russische Fernsehen ist weitgehend unter staatsnaher Kontrolle. Aber anders als zu Sowjetzeiten, als staatstragende Medien öde und langweilig waren, wird die Propaganda heute in beliebte Unterhaltung verpackt - die einen großen Teil der Bevölkerung erreicht.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Mittelmeer  Bundeswehr berichtet von steigenden Flüchtlingszahlen | mehr

Kulturnachrichten

Grab von Aristoteles wahrscheinlich entdeckt  | mehr

Wissensnachrichten

Raumfahrt  Raumstation ISS bekommt heute aufgeblasenes Zimmer | mehr