Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Schuldig, aber frei

Der NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk ist schuldig - der Haftbefehl gegen ihn aber aufgehoben

John Demjanjuk im Gerichtssaal in München (AP)
John Demjanjuk im Gerichtssaal in München (AP)

John Demjanjuk ist schuldig, im Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zur Ermordung von 27.900 Juden geleistet zu haben. Aufgrund seines hohen Alters und wegen nicht bestehender Fluchtgefahr hat das Landgericht München den Haftbefehl gegen den 91-Jährigen jedoch aufgehoben.

Der Prozess gegen den gebürtigen Ukrainer John Demjanjuk hatte 18 Monate gedauert. Insgesamt saß Demjanjuk rund zwei Jahre in Untersuchungshaft - auch dies führte das Gericht für seine Entscheidung an, den Haftbefehl gegen den früheren KZ-Wärter aufzuheben. Hinzu komme das hohe Alter des Verurteilten und die Tatsache, dass das Urteil noch nicht rechtskräftig sei.

Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft gefordert, die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Demjanjuks Anwälte kündigten Revision gegen das Urteil an. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, müsse über die Haftfrage neu entschieden werden, teilte das Gericht mit. Das israelische Wiesenthal-Zentrum kritisierte die Aufhebung des Haftbefehls. Demjanjuks Alter hätte nicht berücksichtigt werden dürfen.

Zuvor hatte das Landgericht München II Demnjanjuk wegen Beihilfe zum Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt. Demjanjuk sei schuldig, sich im Jahr 1943 als Wärter im KZ Sobibor an der massenhaften Juden-Vernichtung durch die Nationalsozialisten beteiligt zu haben.

Der Politikwissenschaftler und NS-Forscher Joachim Perels hält das Urteil gegen John Demjanjuk für angemessen, denn das Gericht habe bewirkt, "dass sein Anteil an der Ermordung der Juden durch den Schuldspruch sozusagen scharf und deutlich zum Ausdruck kommt". Andererseits habe der Prozess so spät stattgefunden, dass eine angemessene Beurteilung des Tatbeitrags nicht mehr möglich sei. Hätte der Prozess früher stattgefunden, hätte man sich mit der Frage beschäftigen müssen, ob Demjanjuk nicht wegen Beihilfe, sondern wegen der Tat selbst zu verurteilen gewesen wäre. Dies hätte zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe geführt. So aber seien die Zeugenaussagen und das, was sich nach so langer Zeit noch recherchieren ließ, "wahrscheinlich nicht ganz ausreichend" gewesen.

Laut US-Behörden der Ausweis des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk (AP)Laut US-Behörden der Ausweis des NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk (AP)In der Urteilsbegründung hieß es, dass der Angeklagte im Vernichtungslager Sobibor zu den so genannten "Trawniki" gehörte - also zu bereitwilligen Helfern aus Drittstaaten zählte. Diesen sei klar gewesen, was in den KZ's geschah. "Der Angeklagte war Teil dieser Vernichtungsmaschinerie", sagte der Vorsitzende Richter Ralph Alt. Zwar konnte Demjanjuk keine konkrete Tat nachgewiesen werden, jedoch schloss sich das Gericht der Anklage an. Da das Lager zur planmäßigen Ermordung von Menschen diente, habe sich jeder mitschuldig gemacht, der dort Dienst tat.

Demjanjuk nahm das Urteil ohne jede Regung auf. Auch während des gesamten 18 Monate dauernden Prozesse hatte der Angeklagte geschwiegen und sich nur im Rahmen schriftlicher Erklärungen geäußert. Darin hatte er das Verfahren einen politisch motivierten Schauprozess genannt.


Links auf dradio.de:

Interview: "Wichtiges Zeichen, dass die Schuldfrage geklärt ist" - Politikwissenschaftler zur Verurteilung von John Demjanjuk (DLF)

Hintergrund: Ein Greis vor Gericht - Im Fall Demjanjuk wird das Urteil erwartet (DLF)

DLF-Magazin: Der Mann hinter John Demjanjuk - Porträt des Demjanjuk-Anwalts Ulrich Busch

Thema: "Da hofft jeder auf einen endgültigen Schluss" - Historiker zum Demjanjuk-Prozess

Feature: Ein alter Mann und seine Schuld - Der Prozess gegen John Demjanjuk (DLF)

"Aktuell" vom 30.11.2009: Mord verjährt nicht - Beginn des Demjanjuk-Prozesses in München

"Aktuell" vom 12.05.2009: Staatsanwaltschaft prüft Demjanjuks Verhandlungsfähigkeit - Anklage wirft ihm Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden vor

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Deutschlandfunk Radionacht

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Enttäuschung in der SPD-Hochburg Duisburg"Erschütternd"

Eine Frau trägt am am 25.09.2017 in Stuttgart (Baden-Württemberg) nach der Bundestagswahl ein abgehängtes SPD-Wahlplakat mit Spitzenkandidat Schulz zu ihrem Auto.  (picture-alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Die SPD hat bei der Bundestagswahl ihr historisch schlechtestes Ergebnis eingefahren: 20 Prozent. Selbst in ihrer Hochburg Duisburg verzeichnen die Sozialdemokraten Verluste. Als die ersten Hochrechnungen kommen, herrscht hier Ratlosigkeit.

AfD-Fraktion zerlegt sichWem tut Jamaika am meisten weh?

Die AfD-Politiker Frauke Petry (von links), Jörg Meuthen, Alexander Gauland und Alice Weidel in der Bundespressekonferenz in Berlin (picture alliance/ dpa/ Julian Stratenschulte)

Tag eins nach der Bundestagswahl - und schon zerlegt sich die AfD. Welche Strategie steckt hinter Frauke Petrys Abschied aus der Fraktion? Außerdem: Wem würde ein Jamaika-Bündnis mehr weh tun. Den Grünen oder der CSU?

Matthias Lilienthal zur Besetzung der Volksbühne"Beide Seiten wollen dasselbe"

"Doch Kunst" steht am 22.09.2017 in Berlin auf dem Transparent an der Volksbühne. Aktivisten haben das Gebäude am Nachmittag besetzt, protestieren so gegen den neuen Intendanten Chris Dercon. Die Protestierenden bezeichnen ihre Aktion als Performance. (picture alliance / Paul Zinken / dpa)

Besetzer und Management der Volksbühne sollten aufeinander zugehen und einen vernünftigen Kompromiss suchen, meint der frühere Chefdramaturg der Volksbühne, Matthias Lilienthal, denn: "Eigentlich wollen sie dasselbe. Vielleicht haben sie es noch nicht ganz gemerkt."

BundestagswahlRekord-Bundestag mit 709 Abgeordneten

Innenansicht der Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin mit Besuchern (dpa / picture-alliance / Ralf Hirschberger)

Der neue Bundestag wird so groß wie noch nie. Das geht aus dem vorläufigen Ergebnis hervor, das der Bundeswahlleiter am frühen Morgen bekannt gegeben hat. Die Parteien der großen Koalition haben massiv Stimmen verloren, die AfD ist drittstärkste Kraft. Merkel kann Kanzlerin bleiben - die Koalitionsverhandlungen dürften aber schwierig werden.

Herfried Münkler zum Wahlergebnis"Angst ist ein sehr gefährlicher Ratgeber"

Ein Gegendemonstrant hält ein Schild mit der Aufschrift "Habt keine Angst!" in der Hand am 12.09.2017 auf dem Holzmarkt in Jena (Thüringen) am Rande einer Wahlkampfveranstaltung der AfD. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Die AfD ist zweistellig in den Bundestag eingezogen. Doch jetzt in Angststarre zu verfallen oder gar zu versuchen, sich inhaltlich anzunähern, sei der falsche Weg, sagt Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Die AfD müsse politisch bekämpft werden.

Nach der Bundestagswahl Alle Demokraten sind herausgefordert

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am 24.09.2017 in Berlin in der Parteizentrale der CDU auf der Bühne. Merkel reagierte bei der Wahlparty der CDU auf die Veröffentlichung der Hochrechnungen zum Ausgang der Bundestagswahl 2017.  (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag fordere alle Demokraten heraus, kommentiert Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Das Parlament werde mit Abgeordneten umgehen müssen, die rassistische Parolen nicht scheuen. In dieser Situation sei der künftige Bundestagspräsident besonders gefordert.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Kurden-Referendum  Klares Votum für Autonomie | mehr

Kulturnachrichten

Stadt Kassel stimmt Bürgschaft für die documenta zu | mehr

 

| mehr