Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Seitensprung der Menschheit

Forscher beweisen Liebeleien zwischen Homo sapiens und dem Neandertaler

Von Michael Stang

Nachbildung eines Neandertalers in einem Museum in Mettmann, NRW. (AP Archiv)
Nachbildung eines Neandertalers in einem Museum in Mettmann, NRW. (AP Archiv)

Es ist eines der großen Streitthemen in der Paläoanthropologie: Haben unsere Vorfahren auch sexuelle Beziehungen zu den heute ausgestorbenen Neandertalern gehabt oder nicht? Leipziger Paläogenetiker haben das Geheimnis gelüftet.

Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hielt sich lange Zeit bedeckt, wenn er gefragt wurde, ob es Menschen gibt, die heute noch Neandertalergene in sich tragen. Doch damit sei es nun vorbei, so der Kopf des Neandertalergenomprojekts.

"Wirklich spannend finde ich, dass wir tatsächlich noch das Erbgut des Neandertalers rekonstruieren können. Wir haben nun auch den Einfluss der Neandertaler auf unseren heutigen Genpool errechnet. Es sieht so aus, als ob die Neandertaler tatsächlich einen, wenn auch nur geringen, Beitrag zu unserem heutigen Genpool beigesteuert haben."

Was so unspektakulär klingt, ist für viele Experten eine große Überraschung, hatte es doch die Mehrzahl der Forscher ausgeschlossen, dass es überhaupt sexuelle Verbindungen zwischen den beiden Menschenarten Homo sapiens und Homo neanderthalensis gab, geschweige denn, dass daraus Nachwuchs entstanden sein könnte. Aber die Ergebnisse aus den 40.000 Jahre alten Knochen aus Kroatien, Spanien, Russland und Deutschland lassen keine andere Interpretation zu. Die rund 60 Prozent des Neandertalererbguts haben die Forscher mit dem Genom heutiger Menschen aus Südafrika, Westafrika, Papua-Neuguinea, China und Frankreich verglichen. Das Ergebnis: Menschen außerhalb Afrikas sind näher mit Neandertalern verwandt als die untersuchten Afrikaner. Einzig mögliche Erklärung: Es gab Vermischungen. Unsere Vorfahren müssen mit Neandertalern gemeinsamen Nachwuchs gezeugt haben. Damit gehören die Neandertaler entgegen der bisherigen Lehrmeinung zu unseren direkten Vorfahren. Mit diesem Ergebnis hatte auch Ed Green, Hauptautor der Studie, nicht gerechnet.

"Das war ein Schock. Natürlich sollte man seine Daten ergebnisoffen sammeln, aber das hatten wir tatsächlich nicht erwartet, zumal sämtliche früheren Untersuchungen keinerlei Hinweise auf eine Vermischung gegeben hatten."

Bis zu vier Prozent des außerafrikanischen Erbguts geht auf das Konto von Neandertalern zurück, sagt der Max-Planck-Forscher, der gerade im kalifornischen Santa Cruz forscht. Der Neandertaler gehört damit in unsere Ahnenreihe. Wie und wie lange die Liaison zwischen unseren Vorfahren und den Neandertalern ging, könne man jedoch nicht sagen. Vermutlich sind sie sich irgendwann vor 100.000 bis 50.000 Jahren im Mittleren Osten näher bekommen. Die neuen Daten verraten aber noch mehr, so Ed Green.

"Mithilfe des Neandertalergenoms können wir nun bei unserem Erbgut abgleichen, wie sich einzelne Gene verändert haben, welche Funktion sie plötzlich hatten und ob diese vielleicht entscheidende Vorteile mit sich brachten. Überraschend war, dass viele dieser Genvarianten, die es nur bei uns gibt, im Zusammenhang mit kognitiven Funktionen stehen. Vielleicht verhalfen genau diese Mutationen unseren Vorfahren dazu, die ganze Welt besiedeln zu können, aber das ist bislang nur Spekulation."

Aber immerhin wissen sie nun, so Ed Green, dass sich das Neandertalergenom nicht nur dazu eignet, den Neandertaler zu durchleuchten, sondern vor allem, um die Einzigartigkeit unserer eigenen Spezies besser zu verstehen.

Beiträge aus DLF-"Forschung aktuell" zum Thema:

Weder Neandertaler noch Homo sapiens: Forscher entdecken eine 40.000 Jahre alte Menschenform

Neandertaler entwickelten eigenständig Sinn für Schmuck

Forscher stellen Neandertaler-Genom vor

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:36 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:30 Uhr Zwischentöne

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 12:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Publizist Michael Naumann über Rassismus"Amerika hat sich seit Martin Luther King sehr langsam verbessert"

Michael Naumann (dpa / Robert Schlesinger)

In den USA gebe es noch immer einen "kulturellen Rassismus", sagt der Publizist und frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann. Das Hauptproblem des Landes aber sei, dass auch dem US-Präsidenten Donald Trump "rassistische Attitüden" nachgewiesen werden können.

Henning Beck, NeurowissenschaftlerGeistesblitze – Wie tickt unser Gehirn?

"Kreativer Kopf" (imago/Ikon Images)

Wie entstehen Gedanken? Was passiert bei einem Geistesblitz? Wie kommt unser Gehirn immer wieder auf neue Ideen? – Diese Fragen faszinieren den Neurowissenschaftler Henning Beck.

Psychometrie in den Sozialen Medien"Den Menschen wird die Information eingespielt, die sie hören wollen"

(dpa)

Donald Trump sei auch durch den Einsatz sozialer Medien an die Macht gekommen, sagt Roman Maria Koidl. So könne man "heute eigentlich als Einzelkämpfer ohne eine Parteistruktur in höchste Ämter kommen". Koidl fürchtet, das könne in einer technokratischen Diktatur enden.

"Pelléas und Mélisande" in BochumGrandioser Auftakt der Ruhrtriennale

Barbara Hannigan als Mélisande und Leigh Melrose als Golaud (Ben van Duin/ Ruhrtriennale 2017)

Krzysztof Warlikowsky ist mit Claude Debussys Oper "Pelléas und Mélisande" eine großartige Eröffnung der Ruhrtriennale gelungen. Er zeigt die Tragödie mit radikaler Konsequenz und spannend wie einen Psychothriller.

BundestagswahlDie fiesen Tricks der Hacker

Eine Hand bedient eine Computermaus. (AFP / Robyn Beck)

Könnte es Hackern gelingen, die Bundestagswahl am 24. September zu stören oder zu manipulieren? Das haben Security-Spezialisten untersucht und gleich sieben Unsicherheitsfaktoren gefunden: Die Nutzung öffentlicher Leitungen und menschliche Nachlässigkeit sind nur zwei davon.

Vormarsch der künstlichen ExistenzMenschen könnten die neuen Affen sein

Menschenhand in Roboterhand am 24.04.2017 auf der Industriemesse in Hannover. (imago stock&people)

Viele Experten sind sich einig: Bald sind Roboter und Computer so weit entwickelt, dass sie die menschliche Intelligenz übertrumpfen könnten. Wir Menschen wären dann im Vergleich zu der intelligenten Technologie quasi auf dem Stand von Schimpansen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Madrid  Festgenommener Autor Akhanli kommt wieder frei | mehr

Kulturnachrichten

Schriftsteller Akhanli kommt unter Auflagen frei  | mehr

 

| mehr