Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Selbsterforschung als Antrieb des Schreibens

Nachruf auf Christa Wolf

Von Sigried Wesener

Die Schriftstellerin Christa Wolf (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Die Schriftstellerin Christa Wolf (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Ihr Werk ist ohne die DDR nicht zu denken, sagte Christa Wolf einmal. Sie war die bedeutendste Prosa-Autorin in Deutschland. In ihrem großen literarischen Werk hat sie aus einer weiblichen Perspektive vom Leben und den seelischen Verwüstungen des 20. Jahrhunderts erzählt und in den mythischen Stoffen der Antike eine Folie gefunden zu ihrem Leben im Hier und Heute.

Ihre Medea suchte "eine Welt, eine Zeit, in die sie passen würde" und wurde zum Gleichnis für den deutsch-deutschen Konflikt und die als existenziell empfundene eigene Krise.

Auch wenn Christa Wolf von Kassandra und Medea sprach, erzählte sie von der Kraft und den verzweifelten Versuchen, sich gegen eine unmenschliche Zeit zu wehren, ohne sich dem Leben und seinen Möglichkeiten zu verschließen.

Durch ihre Bücher und Positionsbeschreibungen wurden die Erfahrungen im Land zwischen Oder und Elbe zu gemeinsamer deutscher Geschichte, wurde Erleben und Gestalten in der DDR zu einer eminent deutschen Erfahrung, die sich aus historischen Umständen ergab.

"Nachdenken über Christa T", 1968 in der DDR erschienen und in 15 Sprachen übersetzt, begründete den internationalen Ruhm von Christa Wolf. Der historische Kontext, die Lebensumstände in der jungen DDR, waren eingebettet in ein Nachdenken über den – wie die Autorin schreibt - "Versuch, man selbst zu sein". "Selbsterforschung" – das ist auch der Titel eines Essays – wurde für Christa Wolf zum Antrieb ihres Schreibens.

"Ich wollte ein tieferes Nachdenken über die Wurzeln unserer Zivilisation anregen und darüber, warum wir seit so vielen Tausend Jahren immer wieder Sündenböcke brauchen."

Christa Wolf schlug einen Ton an, den es so in der DDR-Literatur nicht gab. "Subjektive Authentizität" setzte sie gegen Anpassungszwang. Ihre Generation wurde von Faschismus und Krieg, vom Verlust der heimatlichen Orte und der Existenz zweier deutscher Staaten geprägt. Der Enthusiasmus der Aufbaujahre wich einer wachsenden Skepsis gegenüber der gesellschaftlichen Alternative. Christa Wolf zählte zu den angefeindeten Autoren des berüchtigten kulturellen Kahlschlags 1965.

Ihre Bücher "Nachdenken über Christa T.", "Kindheitsmuster", "Kassandra" – wurden trotz aller Behinderungen Bestseller, machten die Autorin zu einer moralischen Instanz.

"Ich schreibe eigentlich, um mich besser kennen zu lernen, und es gibt im Vorfeld Verbotsschilder: bis hierher und nicht weiter."

Das Ende der sozialistischen Staatsmacht bescherte der DDR einen bis dahin nie gekannten demokratischen Aufbruch. Die Stimme von Christa Wolf ging an jenem denkwürdigen 4. November 1989 vom Berliner Alexanderplatz um die Welt:

"Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist Traum , also träumen wir mit hellwacher Vernunft. Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg."

Der selbstbewusste Ruf "Wir sind das Volk" war kaum verhallt, als sich Christa Wolf heftigen Attacken der Medien ausgesetzt sah. Die kritische Stimme aus dem Osten wurde als Staatsdichterin bezichtigt, der Text "Was bleibt" als selbst erstellte Opferbiografie abgekanzelt und ihr Leben in einer als Literaturstreit getarnten Täter-Opfer-Debatte aufgerechnet.

"Die schweren Konfliktfelder lagen in der DDR, in der Wendezeit und kurz danach, heute fühle ich mich nicht für alles verantwortlich, das macht Unterschied."

Auf politische Anfeindungen antwortete Christa Wolf mit neuen Texten und Innenansichten. In ihrem Jahrhundert-Tagebuch "Ein Tag im Jahr" ließ sie vier Jahrzehnte passieren, sie protokollierte Glücksmomente und Alltagsgrau, ästhetische Debatten und den Rückzugsort Familie.

Immer wieder thematisierte sie die Krankheit, die sie mehr und mehr gezeichnet hat. Im vergangenen Jahr gelang ihr mit dem lang erwarteten Roman "Die Stadt der Engel" noch einmal ein großes Prosawerk, in dem sie sich aus der unbeschwerten Perspektive Kaliforniens – noch einmal wie in ihrem Roman "Kindheitsmuster" ins Kreuzverhör mit sich selbst begab.

Links bei dradio.de:
Christa Wolf: Ich habe nicht an Flucht gedacht - Schriftstellerin über ihre Zeit in Los Angeles und ihr Buch "Stadt der Engel"
Christa Wolf ist tot



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Christa Wolf ist tot

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 23:05 Uhr Fazit

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

#PiU05Schafft die CDU die Wende?

Puderzucker wird über eine "CDU-Waffel" beim Tag der offenen Tür am 04.07.2015 im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin gestreut. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Die CDU hat sich in den zwölf Jahren der Kanzlerschaft von Angela Merkel weiterentwickelt. Im September will sie bei den Wählern mit Humanität und Härte gegenüber geflüchteten Menschen punkten.

Trump-Beraterin über "alternative Fakten"Eine Lüge ist eine Lüge

Kellyanne Conway mt ihrem Boss Donald Trump (picture alliance / dpa / Chris Kleponis)

"Alternative Facts", diese Sprachschöpfung von Trump-Beraterin Kellyanne Conway, birgt Sprengstoff in sich. Wenn eine Regierung, zumal die der letzten Supermacht, Tatsachen nicht mehr anerkennt, dann sei große Gefahr im Verzug, findet unser Kommentator Marco Bertolaso. Er sieht die Medien gefordert, aber auch Bundeskanzlerin Merkel.

BierbrauenEin kühles Blondes vom Mond

Auf lange Sicht könnte es auf unserem Planeten etwas eng werden, wenn sich die Menschheit weiterhin so rasant vermehrt wie in den letzten 100 Jahren. Die Weltbevölkerung wächst pro Tag um rund 230.000 Menschen an. Gut, wenn wir dann in der Lage wären, auf dem Mond Brot zu backen oder frisches Bier zu brauen.

Trump und die deutsche WirtschaftMichael Fuchs (CDU): "Trump wird die Zusammenarbeit nicht abschaffen"

Der stellvertretende Unions-Fraktionschef Michael Fuchs (dpa / picture alliance / Michael Kappeler )

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs geht davon aus, dass die Handelsbeziehungen zu den USA fortbestehen werden. Er glaube nicht, dass Präsident Trump hohe Zölle auf deutsche Einfuhren verhängen werde, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschlandfunk: "Am Ende des Tages wird Vernunft einkehren."

Beginn der Ära TrumpMit Shakespeare gegen Trump

William Shakespeare als Wachsfigur (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)

Wir reiben uns noch immer die Augen! Der neue König hat den Thron bestiegen. Seine Kumpane und seine Familie sind in Position gebracht, die Rivalen liegen im Staub. Wie kann man das begreifen? Vielleicht mit Shakespeare?

Trump und die Medien"Es ist klar, dass sie Unwahrheiten gesagt haben"

US-Präsident Donald Trump während einer Rede im CIA-Hauptquartier (imago / Olivier Douliery)

"Damit kommen wir klar", sagte der Präsident der Korrespondenten-Vereinigung im Weißen Haus, Jeff Mason, mit Blick auf den neuen US-Präsidenten Donald Trump und dessen Umgang mit der Presse. Aufgabe der Journalisten sei es, sich weiter an die Fakten zu halten. Auch wenn Trump und sein Team das selbst nicht immer täten.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Afghanistan  Proteste in Frankfurt gegen Abschiebungen | mehr

Kulturnachrichten

Deutscher Bühnenverein wählt neuen Präsidenten  | mehr

Wissensnachrichten

Invasive Arten  Leipziger Zoo verfüttert seine Hirsche an Raubtiere | mehr