Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Serbischer Kriegsverbrecher Mladic ist verhaftet

Regierungschef Boris Tadic bestätigt Festnahme

Der mutmaßliche bosnisch-serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic, 1999 (AP)
Der mutmaßliche bosnisch-serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic, 1999 (AP)

Der seit 16 Jahren gesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist in Gewahrsam. Mladic war in den 90er-Jahren Kommandeur der bosnischen Serben und wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem 8000 Menschen starben.

Der 69-jährige Mladic wurde auf serbischem Boden festgenommen und soll schnellstmöglich an das Den Haager Kriegsverbrechertribunal ausgeliefert werden, sagte der serbische Ministerpräsident Boris Tadic in Belgrad. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, die heute ohnehin in Belgrad mit Präsident Tadic verabredet war, begrüßte die Festnahme Mladics.

Angesichts des Aufenthalts der EU-Chefdiplomatin in Serbien spekulierte Balkan-Experte Thomas Francke im Deutschlandradio Kultur, es sei vermutlich kein Zufall, dass Ratko Mladic genau jetzt festgenommen wurde. Die Stimmung in Serbien beschreibt er als gespalten: Nationalistisch-faschistoide Ansichten in der Provinz, eine pro-europäische Jugend in den Städten.

Generalstabsmäßig geplanter Massenmord

Im Juni 1995 wurden rund 8000 muslimische Männer und Jungen auf mutmaßliche Weisung Mladics und seines Serbenführers Radovan Karazic festgenommen und umgebracht: Generalstabsmäßig exekutiert und in Massengräbern verscharrt. Meist nach dem gleichen Muster: Zunächst wurden die Opfer in leerstehenden Gebäuden interniert, ohne Essen und Trinken. Dann fuhren die Serben sie zur Exekution an einen abgelegenen Ort. Sofort nach den Erschießungen stand schweres Erdräumgerät zum Vergraben der Leichen bereit - die Massenerschießungen waren sorgfältig geplant.

Das Mahnmal für Srebrenica-Opfer in Potocari (AP)Das Mahnmal für Srebrenica-Opfer in Potocari (AP)

Das Trauma von Srebrenica

Das Massaker bedeutet auch für die Vereinten Nationen einen Tiefpunkt ihres völkerrechtlichen Hilfsanspruchs: Den gezielten Tötungen sahen niederländische Blauhelme mangels Mandat zur Gegenwehr tatenlos zu. Bis heute leiden viele der damals eingesetzten niederländischen Soldaten unter dem Trauma von Srebrenica.

Das UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien hatte Serbien immer wieder kritisiert, es unternehme nicht genug, um Mladic zu fassen. Es wirft Mladic Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs zwischen 1992 und 1995 vor. Der Krieg entbrannte als Resultat ethnischer Spannungen während des Zerfalls der früheren Republik Jugoslawien. Gezielte ethnische Säuberungen wie die der 8000 muslimischen Bosnier durch bosnische Serben im Juni 1995 führten schließlich zum Eingreifen der NATO, die das Morden beenden konnte. Seitdem befinden sich UN-Truppen in der Region Kosovo, das sich 2008 für unabhängig erklärte. Serbien hat dies bis heute nicht anerkannt, weil es das Kosovo als ureigenstes Territorium betrachtet.

Wichtiger Schritt für EU-Beitritt Serbiens

Die Auslieferung der mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan Karadzic war jahrelang Bedingung der EU, Serbien eine Beitrittsperspektive anzubieten. Nach der Auslieferung Karadzics stellte Serbien 2009 den offiziellen Beitrittsantrag, doch erst im Herbst entscheidet die Europäische Kommission, ob das Land dafür reif ist. Grundlage ist die Umsetzung von Reformen und anderen Vorgaben wie der Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy von einer großartigen Nachricht und einer weiteren Etappe Serbiens "auf dem Weg zur zügigen Integration in die Europäische Union". Andere europäische Politiker waren bei aller Freude über die Festnahme Mladics vorsichtiger mit Festlegungen über Serbiens weitere EU-Annäherung. EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton versprach nur, die EU werde sich nun mit neuer Energie mit Serbiens Zukunft in der EU befassen. Der federführende EU-Kommissar für Erweiterung, Stefan Füle, betonte, schon morgen müsse die Regierung in Belgrad wichtige Reformen anpacken:

Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. (AP)Radovan Karadzic (AP)Bereits im Juli 2008 gelang die Festnahme und Auslieferung des früheren bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic, dessen Militärchef der jetzt festgenomme Ratko Mladic war. Karadzic hatte jahrelang unerkannt unter falschem Namen in einer privaten Arztpraxis gearbeitet. Sein Äußeres hatte er durch einen langen weißen Bart und eine Brille verändert.


Zum Thema auf dradio.de:

"Ein guter Tag für die internationale Gerichtsbarkeit" - Interview mit Wolfgang Schomburg, Richter am Internationalen Strafgerichtshof
Hintergrund: Das Trauma von Srebrenica
Das Massaker von Srebrenica - Die UNO und der Völkermord
Völkermord mitten im modernen Europa
Zur Festnahme von Serbenführer Radovan Karadzic 2008

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:10 Uhr Hintergrund

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

KlimaschutzKein großer Wurf

Ein Braunkohlekraftwerk der Vattenfall AG in Jänschwalde (Brandenburg) (dpa / picture-alliance / Patrick Pleul)

Die ursprünglich geplante Klimaabgabe für alte, CO2-intensive Kohlekraftwerke wäre erfrischend innovativ gewesen. Die nun getroffenen Vereinbarungen der Großen Koalition sind hingegen vor allem eines: kein gutes Zeichen für die deutsche Energiewende. Es kommentiert Barbara Schmidt-Mattern.

ErnährungAuf Zucker!

Ein Löffel mit Haushaltszucker liegt auf einem Tisch. (picture alliance / ZB - Jens Kalaene)

Wirkt Zucker wie eine Droge? Einige Wissenschaftler behaupten, dass unsere Körper vom süßen Stoff abhängig sind - ähnlich wie bei Nikotin oder Alkohol.

Die neuen VerkehrsteilnehmerZivile Drohnen vor dem Aufstieg

Eine fliegende Kameradrohne, die Luftaufnahmen macht. (picture alliance / Felix Hörhager)

Der Luftraum über Europa und Deutschland ist eng, streng reguliert und kontrolliert. Je nach Art und Einsatz sind Drohnen entweder Modellflugzeuge oder Teilnehmer des regulären Luftverkehrs. Grundsätzlich unterscheiden Behörden das Hobby vom gewerbsmäßigen Einsatz. Dabei darf nicht mal die Berliner Polizei aufsteigen, wenn wichtige Gäste in der Hauptstadt sind.

Noch immer ein Tabu Häusliche Gewalt in der Türkei

Eine Demonstration gegen Gewalt an Frauen in Ankara. (Nicole Graaf)

Der Mord an einer Studentin in der türkischen Stadt Mersin im Februar trieb türkische Bürger auf die Straßen: Sie demonstrieren fast jeden Samstag in Ankara gegen Gewalt und für Gleichberechtigung. Häusliche Gewalt ist in der Türkei verbreitet, doch die Frauen beginnen sich zu wehren.

InzestWeniger risikoreich als gedacht

(imago / McPHOTO)

Rund eine Milliarde Menschen leben in Ländern, in denen Ehen zwischen nahen Verwandten üblich sind. Das kann gesellschaftliche Vorteile haben, birgt aber auch Risiken. In einer Studie wurde jetzt der generelle Einfluss des Verwandtschaftsgrads von Vater und Mutter untersucht, mit durchaus überraschenden Ergebnissen.

Parlamentarier als ImkerBienen landen im Regierungsviertel

Bienen im Regierungsviertel: Bärbel Höhn (Die Grünen) und Martin Burkert (SPD) betrachten in einem Hof des Paul-Löbe-Hauses in Berlin einen neuen Bienenstock. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Die Grünen haben die Aufstellung eines Bienenstocks in der Nähe des Parlaments durchgesetzt – eines Tages soll es sogar Honig aus dem Bundestag geben. Der Bienenkundler Peter Rosenkranz begrüßt den Trend, Bienen in der Stadt anzusiedeln.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Geheimdienste  Bundestag berät über Verfassungsschutzreform | mehr

Kulturnachrichten

Berliner gewinnt Petersburger Cello-Wettbewerb  | mehr

Wissensnachrichten

Kritik an Ingress  Ein KZ ist kein Platz für Computerspiele | mehr