Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Sie tragen die weißen Bänder noch immer

Die russische Protestbewegung ist auch ein Jahr nach der Parlamentswahl noch nicht tot

Von Gesine Dornblüth

Der Protest treibt sie auf die Straße: Teilnehmer einer Demonstration in Moskau. (picture alliance / dpa / Ramil Sitdikov / RIA Novosti)
Der Protest treibt sie auf die Straße: Teilnehmer einer Demonstration in Moskau. (picture alliance / dpa / Ramil Sitdikov / RIA Novosti)

Nach der letzten Duma-Wahl gingen in Moskau aufgebrachte Wähler auf die Straße. Daraus entstand eine große Protestbewegung im Land, ihr Erkennungszeichen: ein weißes Bändchen. Das war vor einem Jahr. Ein Porträt dreier Menschen, die heute noch dabei sind.

Juri Papkow trägt noch immer ein weißes Band an seiner Lederjacke. Die Enden sind mittlerweile ausgefranst.

"Ich trage es nicht mehr ständig, nur noch an dieser Jacke. Am Mantel sieht es irgendwie komisch aus, und man will ja auch nicht unbedingt auffallen. Ich habe auch noch eine weiße Schleife an meinem Auto. Die ist aber auch schon halb zerfetzt. Das steht vielleicht metaphorisch dafür, dass es ruhiger geworden ist um unsere Bewegung."

Juri Papkow ist Unternehmer, 55 Jahre, verheiratet, er hat einen erwachsenen Sohn und eine vierjährige Tochter. Seine 30 Angestellten entwerfen und fertigen Arbeitskleidung für Kellner und Verkäufer. Jetzt sitzt er in einem Café in Moskau und nippt an einem frisch gepressten Orangensaft. Es geht ihm gut, aber Papkow macht sich Sorgen um sein Land.

"Die Leute haben ihr Einkommen, der Wohlstand steigt. Aber keiner denkt darüber nach, dass der Lebensstandard nur deshalb steigt, weil wir Öl verkaufen. Keiner denkt an die Kinder, an die Zukunft, daran, in welchem Zustand wir ihnen dieses Land hinterlassen. Das ist schrecklich."

Die meisten Teilnehmer der Proteste kommen aus der Mittelschicht. Auch Elena Rostunowa, Modefotografin, 45 Jahre. Sie macht künstlerische Porträts und hat lange in London gelebt. Am 6. Dezember 2011 ging sie zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer Demonstration – und war überrascht.

"Ich war sechs Jahre lang immer wieder in London, weil es dort viele schön angezogene Menschen gibt. Moskau war für mich immer sehr grau und farblos und mir schien, die Menschen lächeln nicht. Im Dezember habe ich begriffen, dass es auch in Moskau viele Menschen mit offenen Gesichtern gibt, die lächeln können und die auch noch geschmackvoll gekleidet sind. Die sind wie aus dem Nichts aufgetaucht."

Sie riefen: "Rossija bez Putina", "Russland ohne Putin".

"Als wir zu Zigtausenden im klirrenden Frost standen, dachten wir, nur noch ein paar Wochen, dann stürzen wir die Regierung und alles wird gut. Dann wurde Putin zum Präsidenten gewählt, es kamen immer weniger Demonstranten und alle waren frustriert. Wir dachten, wir hätten den Moment verpasst, in dem wir etwas ändern konnten. Inzwischen aber haben wir erkannt, dass nichts schnell geht, sondern dass wir einige Jahre warten müssen. Fünf oder zehn. Solange wir das Bewusstsein der Massen nicht ändern, erreichen wir nichts."

Um die Massen zu erreichen, müssten sie stärker auf soziale Fragen setzen, meint Alexander Iwanow. Auch er hat an fast allen Protestaktionen teilgenommen. Der 23jährige hat Wirtschaft studiert, er schlägt sich mit Jobs durch, außerdem engagiert sich in einer Sozialistischen Bewegung.

"Wir haben von Anfang an gesagt: Bei den Protesten geht es nicht nur um ehrliche Wahlen. Gut, die Wähler wurden betrogen. Aber aktiv sind die Leute geworden, weil sie im Alltag jede Menge Probleme haben: Der Straßenverkehr, es gibt kaum bezahlbaren Wohnraum, die Preise steigen, wir haben zu wenig Kindergartenplätze. Ich will mich nicht festlegen, aber ich denke, wenn wir all das laut genug formulieren, dann sind wir die Regierung in spätestens ein, zwei oder drei Jahren los. Es hängt von uns ab."

Die nächste große Protestdemonstration ist für den 15. Dezember geplant. Natürlich will Alexander teilnehmen, ebenso wie die Fotografin Elena Rostunowa und der Unternehmer Juri Papkow. Dessen Erwartungen sind allerdings geringer:

"Wir können die Staatsmaschine nicht besiegen. Es macht aber einfach Spaß, einmal im Monat raus zu gehen und zu sagen: Ihr verkauft uns nicht für dumm. Das schafft ihr nicht."


Links bei dradio.de:
Gerüchte über Putins Gesundheit haben "subversive Wirkung"
Historiker Baberowski: Gerüchte sind "Waffen der Schwachen"
Putins Selbstinszenierung "spottet wirklich jeder Beschreibung"
Die Historikerin Irina Scherbakowa kritisiert Stillstand und Korruption in Russland

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 13:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 13:05 Uhr Breitband

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Endlich Samstag

Aus unseren drei Programmen

München"Brutale und menschenverachtende Bluttat"

Eine Hand legt eine Blume auf einer Mauer neben Kerzen nieder. (dpa)

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat mit Trauer und Entsetzen auf die tödlichen Schüsse in einem Münchener Einkaufszentrum reagiert. Ein 18-jähriger Deutsch-Iraner hatte gestern neun Menschen und danach sich selbst getötet. Auch auf Bundesebene beraten nun die Sicherheitsbehörden.

Nach MünchenWie gehen wir mit unserer Angst um?

Rettungs- und Polizeifahrzuge stehen in München nahe dem Hauptbahnhof. Bei Schüssen am Olympia-Einkaufszentrum in München hat es Tote und Verletzte gegeben (picture alliance / dpa)

Nach Paris und Nizza ist die bayerische Hauptstadt von einer blutigen Tat erschüttert worden. Klaus Pokatzky diskutiert darüber mit dem Psychologen Prof. Dr. Werner Greve von der Universität Hildesheim und Gudula Geuther, Hauptstadtkorrespondentin des Deutschlandradios.

Terror-Experte Krause"Den Medien fehlte die Gelassenheit"

Sie sehen Marcus da Gloria Martins, den Pressesprecher der Polizei München, auf den viele Mikrofone gerichtet sind. (picture-alliance / dpa / Matthias Balk)

Der Terrorismus-Experte Joachim Krause sieht es kritisch, wie die Medien mit den Ereignissen von München umgegangen sind. Im DLF sprach er von einer "Hysterie" - und prangerte auch an, dass viele Nutzer die sozialen Medien missbraucht hätten, um Falschinformationen unterzubringen. Die Polizei dagegen sei gelassen geblieben.

Fantasy und SexismusSex, Gewalt und Game of Thrones

Weltweit ist "Game of Thrones" eine der beliebtesten Fernsehserien, produziert vom US-Bezahlsender HBO. Die Mittelalter-Fantasy-Geschichte basiert auf der Romanreihe "A Song of Ice and Fire" von George R.R. Martin. Doch wie werden in der Fantasy-Serie Sexualität, Gewalt und Machtverhältnisse dargestellt? Und welche Frauen- und Männerrollen können wir sehen?

MahlzeitDer "Insektenburger" ist ethisch problematisch

Speisebohnenkaefer (imago stock&people)

Bei der Suche nach der ethisch, politisch oder sonstwie korrekten Nahrung wird im Netz inzwischen häufig der Insektenburger empfohlen. Doch es gibt Bedenken: Wo bleibt da das Tierwohl? Udo Pollmer ist gespannt, wie die Motten- und Läusesaga weitergeht.

Erdogans Erzfeind Wer ist Fethullah Gülen?

Fethullah Gülen (dpa/picture-alliance)

Für den türkischen Staatspräsidenten hat der Putschversuch einen eindeutigen Urheber: Fethullah Gülen. Der islamische Prediger lebt seit vielen Jahren in den USA und gilt als Hauptfeind Erdogans. Dabei schritten beide lange Seit an Seit - bis es zum großen Zerwürfnis kam. Ein Porträt.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

München  Ermittler: Kein islamistischer Hintergrund - Täter offenbar Amokläufer | mehr

Kulturnachrichten

"The Sphere" zurück an Ground Zero  | mehr

Wissensnachrichten

Politiker in Deutschland  Regierungsbänke ohne Muslime | mehr