Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"So viel Europa war nie"

Bundespräsident Gauck hält seine erste "Europa-Rede"

Bundespräsident Gauck während seiner "Europa-Rede" (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Bundespräsident Gauck während seiner "Europa-Rede" (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Nachdenklich, auch kritisch – aber grundsätzlich optimistisch – so sieht Joachim Gauck auf das Europa von heute und morgen. Gauck steht aus Überzeugung hinter der europäischen Idee. Deshalb ermutigte er in seiner Rede die Bürger, das Vertrauen in diese Idee zu erneuern und ihre Verbindlichkeit zu stärken.

Mit seiner ersten "Europa-Rede" hat er eine neue Tradition ins Leben gerufen und damit die "Berliner Reden" seiner Vorgänger abgelöst. Eine Stunde lang hat Bundespräsident Gauck in seinem Amtssitz – dem Schloss Bellevue – über Europa gesprochen. Dabei war es ihm besonders wichtig, als Ausgangspunkt die Haltung vieler Bürger zu wählen.

"In einigen Mitgliedstaaten fürchten die Menschen, dass sie zu Zahlmeistern der Krise werden. In anderen Ländern wächst die Angst vor immer schärferen Sparmaßnahmen und sozialem Abstieg. Geben und Nehmen, Verschulden und Haften, Verantwortung und Teilhabe scheinen vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr richtig und gerecht sortiert in der Gemeinschaft der Europäer."

Daraus schließt Gauck: Es gibt Klärungsbedarf in Europa. Ungeduld, Erschöpfung und Frustration haben sich aus Sicht des Bundespräsidenten breitgemacht. Die Folge: Viele Menschen fühlen sich macht- und einflusslos. Daraus leitete Gauck das Ziel seiner Rede ab: Er will sich "vergewissern", was Europa bedeutet und welche Möglichkeiten es hat.

Kritik an Art und Weise der Euro-Einführung


Kritisch sieht Gauck zum Beispiel die Gemeinschaftswährung – oder genauer gesagt: Er beklagt, dass der Euro keine durchgreifende finanzpolitische Steuerung bekommen habe.

"Dieser Konstruktionsfehler hat die Europäische Union in eine Schieflage gebracht, die erst durch Rettungsmaßnahmen wie den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM und den Fiskalpakt notdürftig korrigiert wurde."

Der Bundespräsident zieht daraus dennoch keinen pessimistischen Schluss. Vielmehr ist für ihn klar: Das europäische Gesamtprojekt steht nicht in Frage. Das könne man zum Beispiel auch an den vielen Vorteilen wie der Reisefreiheit sehen. Danach wird Gauck philosophisch: Es geht um die Frage einer europäischen Identität – und darum, was denn eigentlich die Bürger Europas verbindet. Gauck formuliert es so: "In Europa fehlt eine große identitätsstiftende Erzählung." Es gibt keinen "Gründungsmythos".

Frieden und Freiheit

Wohl aber gibt es in der Überzeugung des Bundespräsidenten etwas, hinter dem sich alle Bürger versammeln können: "Wir versammeln uns für etwas – für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, Menschenrechte und Solidarität."

Diese Botschaft richtet Gauck im übrigen auch ganz besonders an Großbritannien – die Regierung Cameron hatte zuletzt ein Referendum auf die Agenda gesetzt, um über den Verbleib in der EU abzustimmen. Gauck macht keinen Hehl aus seinem Wunsch:

"Liebe Engländer, Schotten, Waliser, Nordiren und britische Neubürger! Wir möchten Euch weiter dabeihaben! Wir brauchen Eure Erfahrungen als Land der ältesten parlamentarischen Demokratie, wir brauchen Eure Traditionen, Eure Nüchternheit und Euren Mut! Ihr habt mit Eurem Einsatz im Zweiten Weltkrieg geholfen, unser Europa zu retten – es ist auch Euer Europa. Lasst uns weiter gemeinsam um den Weg zur europäischen res publica streiten, denn nur gemeinsam sind wir den künftigen Herausforderungen gewachsen. Mehr Europa soll nicht heißen: ohne Euch!"

"Sei nicht bequem!"

Gaucks Rede geht mit einem Appell, einem emotionalen Bekenntnis zuende: Er fordert mehr Mut. Mehr Verlässlichkeit. Und: er fordert ein neues europäisches Medium, einen medialen Ort, eine "Agora" – Zitat: "so etwas wie Arte für alle." Gauck sieht darin etwa einen Multikanal mit Internetanbindung, für mindestens 27 Staaten, für Junge und Erwachsene, für Onliner und Offliner, für Pro-Europäer und Skeptiker.

Das wäre dann ein Fundament für eine "europäische Bürgergesellschaft", wie Gauck sie sich wünscht. Darum am Ende einige Imperative: "Sei nicht gleichgültig!", "Sei nicht bequem!", "Erkenne Deine Gestaltungskraft!"

Mehr zum Thema:
Rückblick: Bedeutende Reden der Bundespräsidenten
Die 1. Berliner Rede von Roman Herzog 1997



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Externe Links:

Rede von Gauck

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:10 Uhr Hintergrund

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Bundeswehreinsatz im InnernErst mal sehen, was realistisch ist

Soldaten bergen während einer Übung einen Kameraden, der einen verletzten Soldaten simuliert, und transportieren ihn in ein gepanzertes Transportfahrzeug. (dpa)

Vor der für Februar geplanten Übung von Polizei und Bundeswehr müsse erst über Szenarien nachgedacht werden, die realistisch seien, meint Falk Steiner. Dabei müsse geklärt werden, wie die Bundeswehr tatsächlich helfen könne. 

Historiker Martin Sabrow "Die Bedeutung wächst mit der Zeit"

Das Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das!" steht auf einem wolkenförmigen Schild beim Rosenmontagszug in Köln im Februar 2016. (imago/Chai von der Laage)

"Wir schaffen das": Dieser Satz, vor einem Jahr von Angela Merkel gesprochen, wurde zum geflügelten Wort und hat viele Vorgänger. Er weckt Assoziationen an Obamas "Yes we can" oder Brandts "Mehr Demokratie wagen". Was braucht es zu einem Satz für die Ewigkeit?

Kapitulation der KünsteDer Reiz des Scheiterns

Tocotronic im April 2015 in Hamburg (picture alliance / dpa / Foto: Henrik Josef Boerger)

Der Soziologe Richard Sennett hat Scheitern als ein Tabu der Moderne bezeichnet. Erfolg und Karriere sind heute mehr denn je gefragt. Doch ist das Scheitern nur Misslingen? Oder kann sich aus der scheinbaren Niederlage nicht zugleich etwas ungeahnt Neues entwickeln?

Integrationspolitik"Es ist nicht klar, welche Werte wir vertreten wollen"

Ahmad Mansour, Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy (Imago / Jens Jeske)

Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour hat sich für einen Dialog über Werte in unserer Gesellschaft ausgesprochen. Erst dann könne Deutschland Zuwanderern klar machen, "was diese Gesellschaft tolerieren kann und was nicht", sagte der Programmdirektor der European Foundation for Democracy im DLF.

IntegrationVon der Sehnsucht nach Patentante und Butterbrotpapier

Türkisch singen diese deutschen und türkischen Kinder in einer Klasse. (dpa/ picture-alliance/ Rainer Jensen)

Sich integrieren, sich assimilieren innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft – dazu ist Sprache besonders wichtig. Aber ist das alles? Die Publizistin Dilek Güngör denkt an ihre Kindheit zurück und beschreibt, was "Anders-Sein" eigentlich ausmacht.

Ein Jahr "Wir schaffen das"Ankommen in Deutschland

Vor einem Jahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Credo ausgegeben: "Wir schaffen das!" Damit das am Ende wirklich funktioniert, packen viele Deutsche ehrenamtlich mit an. Das Wichtigste für die Flüchtlinge: Deutsch lernen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Machtwechsel in Brasilien  Temer ist neuer Präsident | mehr

Kulturnachrichten

Festival Pop-Kultur in Neukölln gestartet  | mehr

Wissensnachrichten

Sachsen  AfD-Politiker wünscht sich Merkels Terrortod | mehr