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Solinger Brandanschlag: Gedenken gegen das Vergessen

Bundesregierung räumt mangelnde Anstrengung gegen rechtsextremistische Morde ein

Mevlüde Genç, eine der Hinterbliebenen der Mordopfer von Solingen, mit dem Solinger Oberbürgermeister Norbert Feith bei der Gedenkfeier (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Mevlüde Genç, eine der Hinterbliebenen der Mordopfer von Solingen, mit dem Solinger Oberbürgermeister Norbert Feith bei der Gedenkfeier (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Am 20. Jahrestag des Brandanschlags von Solingen wird in der Stadt der fünf Todesopfer gedacht. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, erklärte bei der offiziellen Gedenkfeier, die Anstrengungen gegen eine Wiederholung der Tat seien nicht ausreichend gewesen.

Mit Blick auf die Mordserie des Netzwerks NSU erklärte Böhmer (CDU), den rechtextremistischen Terroristen sei es gelungen, über Jahre unerkannt kaltblütig Menschen zu ermorden. "Das Vertrauen in unseren Rechtsstaat ist dadurch schwer beschädigt, wir müssen alles daran setzen, es wiederherzustellen". Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, rief dazu auf, gegen Gewalt vorzugehen und für die Achtung der Menschenrechte einzutreten.

Gedenkfeier mit türkischen Familienmitgliedern und Regierungsvertretern

Zwei Jahrzehnte, nachdem der fremdenfeindliche Brandanschlag auf eine türkische Familie in Solingen weltweit für Empörung sorgte, hat die Stadt heute zu einer offiziellen Gedenkfeier geladen. Daran nehmen unter anderen der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bekir Bozdag und die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann (Grüne) teil.

Mevlüde Genç, die bei dem Anschlag fünf Angehörige verlor, sprach sich erneut für mehr Verständigung aus: "Lasst uns Freunde sein. Wir müssen diesen Hass aus den Köpfen bekommen". Der Schmerz sei zwar nicht geringer geworden, aber sie sei sehr dankbar für das Engagement der Stadt und die breite Unterstützung aus der Politik. Niemand werde einen Keil zwischen sie und ihre Heimat Solingen treiben.

Am 29. Mai 1993 hatten vier jugendliche Rechtsradikale das Wohnhaus der Familie Genç in Brand gesteckt. Fünf Frauen und Mädchen der Familie kamen in den Flammen ums Leben. Einige der Opfer stürzten sich in Panik aus den Fenstern Die Täter wurden 1995 vom Oberlandesgericht in Düsseldorf wegen Mordes verurteilt, haben ihre langjährigen Haftstrafen inzwischen aber verbüßt.

Höhepunkt einer Kette von rechtsextremen Übergriffen

n der Nacht zum 27. August 1992 schirmt die Polizei das inzwischen geräumte und teilweise abgebrannte Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen ab. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)27. August 1992: Polizisten schirmen das Asylantenheim in Rostock-Lichtenhagen ab. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)Der Anschlag von Solingen gilt als trauriger Höhepunkt einer Serie von Anschlägen mit rechtsextremistischem Hintergrund, die in den frühen 90er-Jahren die Bundesrepublik erschütterte: So starben im November 1992 drei türkische Frauen bei einem Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in Mölln. Im August 1992 griff ein Mob aus rund 400 rechten Randalierern in Rostock-Lichtenhangenein Heim für Asylbewerber an und steckte es unter dem Beifall zahlreicher Anwohner in Brand. Bei den Krawallen wurden etwa 200 Polizisten verletzt, zahlreiche Wohnungen brannten aus.

Auch 20 Jahre danach beschäme der Anschlag von Solingen, genauso wie die ausländerfeindlichen Übergriffe von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen oder Mölln, heißt es in einem von der SPD initiierten Aufruf gegen Rechts in der türkischen Zeitung "Hürriyet". In dem von führenden SPD-Mitgliedern wie Parteichef Sigmar Gabriel und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück unterzeichneten Papier heißt es, die Aufdeckung der Morde der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) mahne zu mehr Wachsamkeit gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Und weiter: Man dürfe "nicht vergessen, nicht wegschauen und nicht schweigen - sondern Gesicht zeigen und unsere Stimme erheben: Gegen Ausgrenzung und rechte Gewalt und für Freiheit, Vielfalt und Zusammenhalt in unserem Land."

Löhrmann: Fremdenfeindlichkeit nach wie vor von großer Aktualität

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann, die 1993 als Lehrerin in Solingen eine zur Hälfte aus Kindern mit Migrationshintergrund bestehende Klasse betreute, beteiligte sich am Nachmittag an einem Sternmarsch von Schülern. Wie sie im Deutschlandradio Kultur erzählte, hätten ihre Schüler seinerzeit erschüttert auf die Nachricht von dem Anschlag reagiert: "Die haben gesagt: Frau Löhrmann, das hätten auch wir sein können". Solingen habe sich damals "nicht durch irgendetwas besonders auszeichnet, was Rechtsradikalismus angeht".

Löhrmann betonte die Notwendigkeit von Präventionsarbeit. Umfragen belegten, dass fremdenfeindliche Gesinnung auch heute noch in der Mitte der Gesellschaft verankert sei. Von Gipfeln wie dem zur Integration oder der Islamkonferenz hält die Ministerin laut eigener Aussage dagegen "nichts". Wichtiger sei die Arbeit vor Ort wie etwa in den Kommunalparlamenten oder der nachbarschaftlichen Zivilgesellschaft. Die Mordserie der Terrorzelle NSU habe gezeigt, dass das Thema Fremdenfeindlichkeit "nicht Geschichte, sondern Auftrag" sei.

Türkische Gemeinde bemängelt unzureichendes Vorgehen gegen Rassismus

Ähnlich äußerten sich die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir: Sie erklärten, die Morde von Solingen seien "auch heute noch Mahnung, engagiert gegen Rechtsextremismus und Rassismus in unserer Gesellschaft vorzugehen". Auch habe die Mordserie der NSU deutlich gemacht, dass Teile des Verfassungsschutzes auf dem rechten Auge blind gewesen seien.

Bereits im Vorfeld des Jahrestags hatte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, Deutschland Handlungsbedarf gegen Rassismus bescheinigt. Selbst nach der Aufdeckung der NSU-Morde werde dieser nur unzureichend bekämpft. Angst und Unsicherheit unter Migranten seien die Folge, sagte Kolat der Deutschen Presse-Agentur.

In der Türkei, berichtet Thomas Bormann im Deutschlandradio Kultur, stehe Solingen immer noch als Synonym für fremdenfeindliche Anschläge in Deutschland.

Weitere Informationen auf dradio.de:

20 Jahre nach Solingen: Klima der Angst - Vorsitzender der Türkischen Gemeinde sieht weiterhin Rassismus in Deutschland

Weitere Informationen:

Dokumentation der Geschehnisse von 1993

"Ich fühle jeden Tag Schmerz" - Spiegel-Interview mit Mevlüde Genç zum 15.Jahrestag des Anschlages

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:12 Uhr

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