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"Spiritualisierung des Verbrechens"

Deutsche Bischofskonferenz legt Bilanz ihrer "Missbrauchshotline" vor

Von Ludger Fittkau

Bischof Stefan Ackermann: "Was ist das für eine Perfidie."  (picture alliance / dpa)
Bischof Stefan Ackermann: "Was ist das für eine Perfidie." (picture alliance / dpa)

Mehr als 8000 Anrufer meldeten sich bei der "Missbrauchshotline" der katholischen Kirche. Dabei berichteten sie von sexuellen Übergriffen durch Seelsorger in den vergangenen Jahrzehnten. Besonders im Zusammenhang mit symbolischen Handlungen wie Beichte oder Gebet.

Sie leiden unter Beziehungsproblemen und Depressionen, haben Suizidgedanken oder sind suchtkrank: Die mehreren tausend Menschen, die zwischen März 2010 und Dezember 2012 zum Hörer griffen und die Psychologen an der Trierer "Missbrauchshotline" der Deutschen Bischofskonferenz anriefen. Es sind überwiegend Männer, die innerhalb von Kirchenmauern zu Opfern sexueller Übergriffe wurden, während außerhalb der Kirche vor allem Frauen betroffen sind. Sogar von körperlichen Verletzungen, die sie auch Jahrzehnte nach der Tat plagen, sprachen die Opfer der katholischen Priester am Telefon. Eine weitere, nahezu logische Folge: das Misstrauen in die Kirche sitzt bei vielen tief.

Aus welchen Bistümern genau die Täter kommen oder gar wie sie heißen, darüber wurde heute bei der Pressekonferenz des Trierer Bischofs Stephan Ackermann nichts bekannt. Denn das Team der Missbrauchshotline hatte nicht den Auftrag, die Täter in den Blick zu nehmen, sondern vor allem Wege zur Prävention und für den Umgang mit den Opfern aufzuzeigen. Doch Dr. Andreas Zimmer, der Leiter der katholischen Missbrauchshotline berichtete von den speziellen Tricks, die Priester anwenden, um an ihre Opfer zu kommen:

"Sie nutzen die psychische Wirkung von Riten aus. Die Ergriffenheit von Kindern bei Symbolhandlungen wie Beichte oder Gebet, was dazu führte, dass die Schutzmechanismen der Kinder gesenkt waren. ( ... ) Sie täuschten den Kindern vor, die Delikte seien Ausdruck bleibender Verbundenheit mit Christus oder der Auserwähltheit von Gott."

Eine besonders perfide "Spiritualisierung des Verbrechens" nannte heute Bischof Stefan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Bischofskonferenz, dieses gezielte Vorgehen der Priester:

"Und was mich noch einmal besonders erschüttert hat, dass es so eine besondere Form der 'Spiritualisierung des Verbrechens' gibt. Das ist noch einmal ein besonderer Schrecken der Erkenntnis dieses Berichts. Was ist das für eine Perfidie zu sagen, das entspricht der Liebe Christ und des Evangeliums, was ich dir da antue."

Die Bischöfe wollen nun darüber nachdenken, wie man vor allem bei kirchlichen Riten und Zeremonien Kinder und Jugendliche vor Übergriffen durch Geistliche schützen kann. Dass man aber Kinder grundsätzlich etwa beim Beichtritual mit einem Priester nicht mehr unbeobachtet lässt – das sogenannte "Sechs-Augen-Prinzip" also – eine solche Regelung kann sich Bischof Ackermann nicht vorstellen:

"Das wird theologisch nicht möglich sein, weil es ja gerade um diesen Raum des Vertrauens geht. Aber wie finde ich die richtige Balance zwischen dem Vertrauensraum, den es braucht auf der einen Seite und der Seelsorge. Aber das gilt auch für andere Zusammenhänge, etwa dem therapeutischen Bereich. Auch da gibt es ja kein Vier- oder Sechs-Augenprinzip, sondern es braucht das Vertrauensverhältnis, um sich zu öffnen. Auf der einen Seite, auf der anderen Seite eine klare Strukturierung und Transparenz, die aber genau diesen Missbrauch verhindert, der hier beschrieben ist."

Die Missbrauchshotline ist nun abgeschaltet – doch die Aufklärung über den sexuellen Missbrauch soll weitergehen, versichert Bischof Ackermann. Auch die vorerst am Dissens mit dem renommierten Wissenschaftler Christian Pfeiffer gescheiterte kriminologische Studie soll mit anderen Forschern weitergeführt werden, so Ackermann. Namen künftiger Forscher nannte er jedoch nicht.

Links bei dradio.de:

Katholische Kirche und Kriminologen erheben gegenseitig Vorwürfe - <br> Im Streit um das Scheitern der Missbrauchsaufklärung werden Details bekannt

Katholische Kirche "fürchtet" Aufdeckung - Opferverband äußert Zweifel am Aufarbeitungswillen

"Die Aufarbeitung wird also ganz offensichtlich weitergehen" - Chef des Forums Deutscher Katholiken zum Streit um Missbrauchsstudie

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

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