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Staatsanwälte wollen Psychiatrie für Breivik

Anklage spricht von "Gewalt- und Mordphantasien"

Blick in den Gerichtssaal in Oslo, in dem  Anders Behring Breivik der Prozess gemacht wird. (picture alliance / dpa - Heiko Junge)
Blick in den Gerichtssaal in Oslo, in dem Anders Behring Breivik der Prozess gemacht wird. (picture alliance / dpa - Heiko Junge)

Im Prozess um Anders Behring Breivik hat die Anklage die Einweisung des Norwegers in die Psychiatrie beantragt. Wie die Staatsanwälte bei ihrem Plädoyer in Oslo sagten, haben sie trotz eines anderslautenden Gutachtens Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Massenmörders.

Breivik hatte am 22. Juli 2011 in Oslo zunächst acht Menschen mit einer Autobombe getötet. Anschließend fuhr er zur Insel Utøya und erschoss dort 69 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendlagers. Der 33-jährige bezeichnet sich als "Kreuzritter" und Kämpfer gegen die Islamisierung des Abendlandes; seine Opfer nennt er Verräter.

In seiner ersten Aussage vor Gericht zollte er Al-Kaida und der rechtsextremen Zwickauer Terror-Zelle Anerkennung. Die Mordserie gibt Breivik zu, allerdings hält er sich für nicht schuldig im Sinne der Anklage. Das massive internationale Interesse an dem Verfahren hatte eine Debatte über die Darstellung von Tätern wie Breivik in den Medien und die Berichterstattung über die Angehörigen der Opfer ausgelöst.

Widersprüchliche Gutachten

Ein erstes psychiatrisches Gutachten hatte Breivik für unzurechnungsfähig erklärt; ein zweites kam zu dem Schluss, der Norweger sei sehr wohl schuldfähig. Zwar folgten die Staatsanwälte in ihrem Schlussplädoyer nicht dem ersten Gutachten, das den Täter als "psychotisch" eingestuft hatte; jedoch sprachen sie von "weiter bestehenden Zweifeln" an seinem psychischen Zustand während der Anschläge.

"Nach unserer Überzeugung ist es schlimmer, einen psychotischen Menschen irrtümlich in Haft zu schicken als einen nicht-psychotischen in eine Zwangspsychiatrie", erklärte Staatsanwalt Svein Holden. Seine Kollegin Inga Bejer Engh sagte in einer Pressekonferenz, die Ankläger hätten sich "eine sichere Einstufung bei einem Verfahren wie diesem gewünscht. Aber es gibt sie leider nicht."

Urteil im Juli oder August

Engh hatte zuvor im Gerichtssaal erläutert, Breivik habe seine Mitgliedschaft in einem "Orden der Tempelritter" frei erfunden, seine Aussagen zu seinem politischen Hintergrund hätten "jeder Logik entbehrt". Vielmehr sei er von "Gewalt- und Mordphantasien" angetrieben gewesen.

Breivik lächelte während des Plädoyers häufig spöttisch oder schüttelte den Kopf. Er wird am Freitag Gelegenheit zu einem Schlusswort erhalten, für das er eine Stunde Redezeit verlangt hat. Das Urteil soll entweder am 20. Juli oder am 24. August verkündet werden.

Schlussstrich unter das kollektive Trauma?

Ein Urteil im Prozess gegen Breivik könne prinzipiell einen Schlussstrich unter das kollektive Trauma der norwegischen Gesellschaft ziehen, sagt der auf Traumata spezialisierte Psychotherapeut Georg Pieper. Dass das Drama um die Morde Breiviks in Oslo und auf der Insel Utøya in allen gesellschaftlichen Schichten besprochen werde, sei eine erste Voraussetzung für die Verarbeitung des Traumas. Auf der anderen Seite könne eine mögliche Schuldunfähigkeit Breiviks in der Gesellschaft für Zündstoff sorgen.

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Kommentar: Demaskieren, nicht dämonisieren dämonisieren

Norwegen und das Böse - Beobachtungen aus der ersten Woche im Breivik-Prozess

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

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