Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Sterben Deutschlands Zeitungen aus?

Diskussionen um die Zukunft der Medienlandschaft nach dem Insolvenzantrag der Frankfurter Rundschau

Für die akut betroffene FR sieht es düster aus - neue Geldgeber sind nicht in Sicht (AP)
Für die akut betroffene FR sieht es düster aus - neue Geldgeber sind nicht in Sicht (AP)

Eine ganze Branche diskutiert darüber, was der Insolvenzantrag der Frankfurter Rundschau zu bedeuten hat - für das Traditionsblatt selbst, aber auch für die Zukunft des Journalismus in Deutschland und dessen künftige Verbreitungswege.

"Dass irgendwann mal eine überregionale Zeitung insolvent wird, hat man schon erwartet", sagte der Leiter der Deutschen Journalistenschule in München, Jörg Sadrozinski, im Deutschlandradio Kultur. Die Lage der Frankfurter Rundschau befeuert die Debatten um die Zukunft der deutschen Medienlandschaft sowie die Sorge um die Vielfalt und die Qualität des Journalismus angesichts der oftmals kostenlosen informationellen Konkurrenz durch das Internet. Der medienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Börnsen, meinte in Berlin, das Schicksal der FR "ist eine Mahnung an die Politik, abermals nach Verbesserungen bei den Rahmenbedingungen für Verlags- und Medienhäuser zu suchen."

Während Börnsen mahnend auf das "Zeitungssterben in unserem Land" verwies, betonte Sadrozinski, die großen überregionalen Blätter wie die Süddeutsche Zeitung und die FAZ oder die Wochenzeitung die Zeit, aber auch einige Lokalzeitungen, die trotz Krise gut da stünden, seien gewiss überlebensfähig. Zeitungen müssten aber vor allem Analysen und Hintergrund bieten und dürften sich nicht mit dem Netz auf einen Wettbewerb um Aktualität einlassen, meinte der frühere Leiter der Redaktion von tagesschau.de. Grundsätzlich glaube er schon, dass es eine Zukunft für das Medium Zeitung gebe.

Die FR bräuchte einen neuen Investor

Für die nun akut betroffene FR sieht es derweil düster aus. Nach Ansicht ihres Insolvenzverwalters braucht das Blatt einen neuen Investor zum Überleben. "Das beste Szenario wäre eine übertragende Sanierung. Ein neuer Eigentümer könnte dann ganz neu anfangen", sagte Frank Schmitt von der Kanzlei Schultze & Braun der Nachrichtenagentur Reuters. Doch ein solcher Geldgeber sei bislang nicht in Sicht. Außerdem hätten sich in den vergangenen Monaten bereits die bisherigen Gesellschafter M. DuMont Schauberg und DDVG darum bemüht. Weiter an den Kosten zu schrauben, hält Schmitt ebenfalls für wenig aussichtsreich: "Mein Eindruck ist, dass man hier in den vergangenen Jahren nichts ausgelassen hat, um die Kosten zu reduzieren."

Dennoch kann der Insolvenzverwalter noch Hoffnungsschimmer erspähen: "Wir haben schon einige Ideen, über die ich aber aktuell nichts sagen kann." Der Betriebsratsvorsitzende Marcel Bathis schloss die Perspektive eines Genossenschaftsmodells für die FR nach dem Vorbild der Berliner tageszeitung (taz) nicht aus. "Die Belegschaft kann sich das durchaus vorstellen", sagte er. Bei der taz-Genossenschaft sichern mehr als 12.000 Mitglieder das Überleben des Blattes. Das Geld aus der Genossenschaft fließt vor allem in Redaktion und Herstellung der Zeitung.

Trotz der nachvollziehbaren Reaktionen der Mitarbeiter ist die Belegschaft offenbar auch in der Insolvenz motiviert, wie aus dem Beitrag unserer Korrespondentin Anke Petermann hervorgeht. Und auch Frank Schmitt berichtete: "Freie Mitarbeiter haben sogar schon angeboten, vorübergehend ohne Gehalt zu arbeiten, wenn sie weiter für die Rundschau schreiben können." Der Verlag der 1945 gegründeten Frankfurter Rundschau hatte am Dienstag Insolvenz angemeldet, weil ihm die Zahlungsunfähigkeit droht. Insgesamt sind 487 Mitarbeiter betroffen.

Die Krise ist "vor allem hausgemacht"

Die "Hiobsbotschaft" versetzt auch andere Häuser in Unruhe. Der Tagesspiegel aus Berlin sieht die Gründe für den Niedergang der FR an der strukturellen Ausrichtung: "Die zu geringe regionale Verankerung konnte den überregionalen Anspruch nicht finanzieren", heißt es dort in einem Kommentar. Das Hamburger Abendblatt konstatiert: "Das Blatt hat die Meinungsführerschaft in seiner Zielgruppe schon seit langem an die taz, vor allem aber an die Süddeutsche Zeitung verloren." Zudem habe sich der Verlag jahrelang jeglicher Modernisierung verweigert. Auch die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg spricht von einem speziellen Fall und nennt die FR-Krise "vor allem hausgemacht", während die Frankfurter Allgemeine Zeitung warnt: "Wer für guten Journalismus nicht gutes Geld ausgeben will, liefert sich dem Kommerz und den Suchmaschinen aus, die gierig sind auf unsere Daten."

Springer AG drängt auf Bezahlmodelle im Internet

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, wandte sich unterdessen mit einem Appell an seine Kollegen und fordert eine breite Einführung kostenpflichtiger Nachrichtenseiten im Netz. Das "Schicksal der Verlage" hänge am Erfolg von Bezahlmodellen für Informationsangebote, die heute noch kostenlos seien, sagte er dem "Manager Magazin".

Der Journalist und Blogger Wolfgang Michal kritisierte indes, dass die Verlage zu lange auf klassische Zeitungen gesetzt hätten. Online-Journalismus habe immer noch nicht den Stellenwert, der notwendig sei, damit Verlage ihre Leser auch im Netz an sich binden können, sagte er im Deutschlandradio Kultur.



Mehr auf dradio.de

Kommentar: Das Sterben eines Kulturguts- Der Überlebenskampf der Frankfurter Rundschau währte schon lange
Frankfurter Rundschau insolvent: "Ein Ersatz ist überhaupt nicht zu sehen"- Medienforscher Horst Röper regt neue Finanzierungsmodelle für Journalismus an
"Sie war einst DIE linksliberale Zeitung"- Frankfurter Rundschau ist insolvent - Beginn eines Zeitungssterbens?

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:01 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 12:30 Uhr Die Reportage

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 12:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Joschka Fischer"Marine Le Pen wäre für Deutschland der Super-GAU"

Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) sitzt am 12.03.2015 im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf der Bühne, wo er über sein neues Buch "Scheitert Europa?" spricht. (dpa)

Deutschland könne Europa nicht alleine führen, sagte der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer im Deutschlandfunk. Von daher sei es für die EU und Deutschland existenziell, dass Marine Le Pen, die Frankreich aus der EU führen will, nicht französische Präsidentin werde. Ein anderer Wahlausgang wäre katastrophal.

Der Adel und der Wald in DeutschlandUnterwegs durch Privatwälder

Philipp zu Guttenberg – Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände. (Deutschlandradio / Nana Brink)

Die "Deutschlandrundfahrt" spaziert sowohl mit adeligen Waldbesitzern durch ihr Refugium als auch mit einem Waldphilosophen durch den Dschungel der Eigentumsfragen.

70 Jahre nach der "Aktion Weichsel"Gedenken an die Vertreibung der Ukrainer

Der Marktplatz von Przemysl. (imago/Brockes)

Vor 70 Jahren wurden über 100.000 Ukrainer aus Südostpolen zwangsumgesiedelt. An der sogenannten Aktion Weichsel wurde nun im südostpolnischen Przemyśl gedacht. Doch die nationalkonservative PiS-Regierung will die Erinnerung nicht unterstützen.

Die Lolas 2017Anerkennung für den Autorinnen-Film

Anne Zohra Berrached, Maren Ade und Nicolette Krebitz bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises (dpa / Britta Pedersen)

Anne Zohra Berrached, Maren Ade und Nicolette Krebitz - drei Frauen standen vor dem Galapublikum beim deutschen Filmpreis in Berlin auf der Bühne und freuten sich über ihre Lolas. Drei Frauen, die eint, dass sie als Regisseurinnen ihren Stoff selbst entwickelt haben.

NaturphänomeneMacht der Vulkane

Die Isländer behaupten, der Ausbruch einer ihrer Vulkane habe die französische Revolution ausgelöst. Und auch der Machtverlust der Kirche gehe auf das Konto eines Naturereignisses. Klingt abwegig? Ist es nicht: Tatsächlich bestimmen Vulkanausbrüche, Erdbeben und andere Katstrophen seit jeher den Lauf der Geschichte.

Die Lange Nacht über Jim Morrison und den DoorsIch kann alles - ich bin der Eidechsenkönig

Die Bilder der Rockmusiker Jim Morrison (l-r), Elton John und David Bowie des Künstlers Jürgen D.Flohr stehen in der Galerie " Niagara" in Düsseldorf (Foto vom 18.11.2008). Für seine neue Ausstellung in der Galerie "Niagara" in Düsseldorf hatte Flohr einen Zyklus von 12 großformatigen Portraits mit dem Titel "Rockstar Mythen III" geschaffen. Die Bilder, von Hand in Acryl auf Leinwand gemalt, haben alle die Maße 250x150 Zentimeter und zeigen verschiedene Rockstars.  (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Mit ihrer Mischung aus Jazz und Rock waren die Doors eine der schillerndsten Bands der 60er-Jahre. Und doch waren sie nichts ohne ihren Sänger Jim Morrison (1943 - 1971). Jim Morrison begriff sich als Dichter, seine Texte als Poesie.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  May will gleichzeitige Verhandlungen über EU-Austritt und Handelsabkommen | mehr

Kulturnachrichten

Sybille Steinbacher tritt bundesweit erste Holocaust-Professur an  | mehr

 

| mehr