Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Stimmungsmache gegen Ausländer?

Diskussion über Lage Asylsuchender hält an

Teilnehmer einer Solidaritätskundgebung vor dem umstrittenen Flüchtlingswohnheim in Berlin-Hellersdorf (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Teilnehmer einer Solidaritätskundgebung vor dem umstrittenen Flüchtlingswohnheim in Berlin-Hellersdorf (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Am Flüchtlingswohnheim im Berliner Stadtteil Hellersdorf hatte sich die aktuelle Debatte entzündet. Und sie wird wohl weitergehen, denn am Wochenende sind vor dem Gebäude neue Demonstrationen angekündigt. Forderungen nach einem Krisengipfel zur Unterbringung von Flüchtlingen in Deutschland werden lauter.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft sieht sich zwischen den Fronten. Beamte müssen seit Bezug der Notunterkunft in Berlin-Hellersdorf fast täglich wegen Demonstrationen dort ausdrücken. Rechtsextreme versuchen Stimmung gegen die Asylbewerber zu machen. Ihnen steht regelmäßig eine viel größere Gruppe von Bürgern und Organisationen gegenüber, die ihre Solidarität mit den Flüchtlingen zum Ausdruck bringt. Auch am Wochenende wird das wohl das bestimmende Bild vor Ort sein, berichtet unsere Korrespondentin Christel Blanke. Bei den bisherigen Protesten wurde ein Polizist so schwer verletzt, dass er möglicherweise dauerhafte Schäden am Auge haben wird.

Wendt: Krisentreffen "längst überfällig"

Gewerkschaftschef Rainer Wendt forderte in der "Passauer Neuen Presse" nun einen Krisengipfel von Bund, Ländern und Gemeinden, um über die Unterbringung von Asylbewerbern zu sprechen. Dies sei "längst überfällig". "Wir brauchen einen Dialog mit den Anwohnern in der Nachtbarschaft von Flüchtlingsheimen." Den Menschen müsse die Angst genommen und die Kommunikation mit ihnen verbessert werden, so Wendt.

Das Bundesinnenministerium unter Leitung von Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte aber schon in den vergangenen Tagen klar gemacht, dass es von einem Krisentreffen nichts hält. Ein Sprecher erklärte, dass die Sorgen der Bürger ernst genommen würde, aber es dürfe auch nicht von Rechtsextremen zu Propagandazwecken missbraucht werden. Besonnenheit sei gefragt.

"Stimmungsmache gegen Ausländer"

Kritik am Bundesinnenminister kommt von den Grünen. Die Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckhardt, sagte im Deutschlandfunk, Friedrich betreibe Stimmungsmache gegen Ausländer, indem er von "Strömen" von Asylbewerbern spreche, die nach Deutschland kämen. Ähnlich äußerte sie sich über den CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach, der in einem Zeitungsinterview davon gesprochen hatte, dass sich Städte und Gemeinden bei der Flüchtlingsaufnahme überfordert fühlen könnten.

Das Wohnheim in Berlin-Hellersdorf ist nur ein Beispiel für die Situation, in der nach Deutschland geflohene Menschen leben. Die Behörden bringen Asylbewerber, wenn es geht, in staatlichen Gebäuden unter. In diesem Fall in einer ehemaligen Schule, in einem Stadtteil der ohnehin schon als sozialer Brennpunkt gilt. Einige Politiker sprachen sich deswegen dafür aus, in Zukunft genauer hinzuschauen, wenn Standorte für neue Asylbewerberheime ausgewählt werden.

Asylverfahren ziehen sich über Monate hin

Asylbewerber müssen in den Notunterkünften teilweise bis zu einem Jahr auf eine Entscheidung über ihren Antrag und damit ihre Zukunft warten. Das hängt mit den langen Bearbeitungszeiten im Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge zusammen (BAMF). Aus Sicht der Organisation "Pro Asyl" ist eine verfehlte Personalpolitik im Ministerium Schuld. Das BAMF weist die Vorwürfe zurück - niemand habe den Anstieg der Flüchtlingszahlen voraussehen können. Diese sind nach einem Tiefstand im Jahr 2007 von gut 19.000 Flüchtlingen jährlich auf knapp 65.000 im vergangenen Jahr angestiegen. Schätzungen gehen davon aus, dass es Ende dieses Jahres 100.000 Asylbewerber sein könnten.

"Pro Asyl" sieht ein weiteres Problem: Asylbewerber dürfen in Deutschland keiner Arbeit nachgehen. Das sorge dafür, dass hier angekommene Flüchtlinge sich nicht integrieren könnten und dadurch auch rassistische Vorurteile befördert würden.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt ein Beispiel aus Hamburg. Dort bietet der Verein "Brot und Rosen" Flüchtlingen ein Zuhause. Es ist Platz für maximal acht Flüchtlinge, mit denen die deutschen Bewohner zusammenleben. In der Lebensgemeinschaft übernimmt jeder Verantwortung für den anderen - unter hohem persönlichen Aufwand.


Mehr auf dradio.de:
"Die politischen Repräsentanten müssen Stellung beziehen" - Konfliktforscher zu Auseinandersetzung um Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf
Pau: Aufklärung nach Neonazidemo vor Asylbewerberheim in Berlin nötig - Linken-Politikerin sieht Vertreter aller Parteien in der Pflicht
Weitere Asylbewerber sollen in Berlin-Hellersdorf einziehen - Diskussion um Umgang mit Flüchtlingen und rechtsextremen Gruppierungen
Asylbewerber unter Polizeischutz - Integrationsbeauftragte fordert Demonstrationsverbot vor dem Flüchtlingsheim in Berlin

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 09:10 Uhr Die neue Platte

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 09:05 Uhr Sonntagmorgen

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Friedhöfe in AfghanstanEntspannend und beklemmend zugleich

Auf diesen kahlen Berghängen am äußerten, südöstlichen Stadtrand von Kabul begräbt die afghanische Hauptstadt ihre Selbstmordattentäter. (Deutschlandradio - Sandra Petersmann)

Flanierende Pärchen, spielende Kinder, plaudernde Gruppen: Am Wochenende sind die Friedhöfe in Afghanistan voller Menschen. Für sie sind die Grabstätten Orte der Ruhe und der Entspannung. Mit einer Ausnahme: der Friedhof der Selbstmörder am Rande der Kabuls.

PsychologieAusgrenzung beginnt im Kopf

Wir alle haben Vorurteile. Dafür können wir nicht mal was. Unser Gehirn hat nämlich automatisierte Arbeitsroutinen, die zwar nützlich sind, aber eben auch Stereotype und Vorurteile fördern. Allerdings: Wir sind unseren Synapsen nicht hilflos ausgeliefert.

James McBride: "Kill 'Em and Leave"James-Brown-Biografie vom Fan

Der Soulsänger James Brown bei einem Auftritt am Mikrofon. (MICHAL CIZEK / AFP)

James Brown ist der Mann der Spitznamen: "Mr. Dynamite", "The Hardest Working Man in Show Business", "Soul Brother Number One", "Godfather of Soul". "Kill Em´or Leave" heißt eine neue Biografie von James McBride. Missverstanden und einsam sei Brown gewesen, so der Autor.

Claudia Roth zur Türkei"Eine unvorstellbare Entrechtung des Rechts"

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth (Grüne), äußert sich am 30.05.2016 in Berlin zum Thema Rassismus. (dpa)

In der Türkei sei "eine Art ziviler Putsch in Richtung eines autokratischen Präsidialsystems" in Gange. "Man könnte es auch als Diktatur bezeichnen", sagte die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) im DLF. In dieser Lage müssten die Bundesregierung, die Europäische Union und auch die Nato klare Worte finden.

Terror in DeutschlandNicht in Hysterie verfallen

Vor dem Olympia Einkaufszentrum liegen Blumen, es brennen Kerzen. (picture-alliance / dpa / Felix Hörhager)

Die Angst oder zumindest die Sorge vor weiteren Anschlägen ist allgegenwärtig. Aber wir dürfen jetzt nicht in Hysterie verfallen, meint Marie Sagenschneider, Wortchefin von Deutschlandradio Kultur. Die größte Gefahr bestehe in einer Überreaktion.

Ermittlungen im Darknet"Uns als Polizei sind da Grenzen gesetzt"

Symbolfoto zum Thema Internetkriminalität: eine Hand vor einem Computer-Monitor (imago / epd / Annette Zoepf)

Das Darknet sei ursprünglich geschaffen worden, damit Bürger von Unrechtsstaaten ihre Meinung frei äußern könnten, sagte der Cyberexperte Frank Scheulen vom nordrhein-westfälischen LKA im DLF. Zunehmend hielten sich in dem separaten Bereich des Internets aber auch Kriminelle auf. Für die Polizei sei es schwierig, gegen sie vorzugehen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Bundesverfassungsgericht  Keine Live-Zuschaltung türkischer Politiker auf Kölner Pro-Erdogan-Demo | mehr

Kulturnachrichten

Regisseur Erpulat: Türkei bald ohne Theater?  | mehr

Wissensnachrichten

Beziehungen  Beim Streiten an die Zukunft denken | mehr